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Theo van Gogh : Holland erschreckt über sich selbst

  • -Aktualisiert am

Nach dem Mord an Filmregisseur Theo van Gogh zweifeln sogar die Linken an ihrer grenzenlosen Toleranz gegenüber Islamisten.

          Job Cohen steht auf einem Podest und bewegt den Mund. Von dem, was Amsterdams Bürgermeister sagt, ist kein Wort zu verstehen. Um ihn herum produzieren einige tausend Niederländer einen ohrenbetäubenden Lärm. Nebelhörner, Mülltonnendeckel, Feuerwerkskörper, Trommeln, Töpfe und sogar ein Saxophon - es entsteht eine Kakophonie sondergleichen.

          Cohen ist selbst schuld. Am Nachmittag, als die Nachricht vom Mord an dem Regisseur und Kolumnisten Theo van Gogh die sonst so braven Niederländer in Aufruhr versetzte, forderte Cohen für die Kundgebung am Abend „so viel Lärm wie möglich“. Ein Schweigemarsch passe nicht zum Charakter des Ermordeten. Cohen weiß das aus eigener Erfahrung nur zu gut. Später, im Fernsehen, ist auch zu verstehen, was Cohen in das Getute schrie: „Theo hat mit vielen Streit angefangen. Auch mit mir. Und das darf man in diesem Land!“

          „Zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer“

          Van Goghs letzte Kolumne in der Gratiszeitung „Metro“ war wieder einmal dem Bürgermeister gewidmet. Dessen Schmusekurs gegenüber einer umstrittenen Muslimorganisation und der Minimalanspruch, den „Laden irgendwie zusammenhalten“ zu wollen, hatten van Goghs Zorn erregt. Denn Theo van Gogh hatte für versöhnliche Tendenzen keinen Sinn. Sein Spott war verletzend. Selbst vor den plumpesten Beleidigungen schreckte er in seinen Kommentaren nicht zurück, lief erst jenseits der Grenze des guten Geschmacks zu Hochform auf.

          Bemerkungen beispielsweise über „zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer“ brachten ihm 1984 eine Klage wegen Antisemitismus ein. Neun Jahre später wurde er nach endlosen Berufungsverfahren freigesprochen. Dem Schriftsteller Leon de Winter warf er vor, sein Judentum zu vermarkten. Er wickele sich beim Sex wohl „Stacheldraht um den Schwanz“ und schreie laut „Auschwitz, Auschwitz“, hieß das dann bei van Gogh.

          „Wer schießt schon auf den Dorfdeppen?

          In letzter Zeit arbeitete sich der Provokateur vornehmlich am Islam ab, dessen Anhänger er mit dem Prädikat „Ziegenficker“ bedachte. Den Propheten Mohammed nannte er einen „pädophilen Vergewaltiger“, und der Vorsitzende einer radikal-islamischen Organisation in den Niederlanden war für ihn nur „der Scheißer des Propheten“. Morddrohungen zog ein Film nach sich, den er gemeinsam mit der rechtsliberalen Abgeordneten Ayaan Hirsi Ali produziert hatte. Vier teils verstümmelte Frauen erzählen in „Submission“ ihre grausamen Geschichten. Unter ihren durchsichtigen Ganzkörperschleiern scheinen frauenfeindliche Koranverse durch, die man ihnen auf den nackten Körper kalligraphiert hat.

          Der Film sollte auf die Mißhandlung von Frauen in islamischen Kreisen aufmerksam machen. Hirsi Ali, die sich als „Exmuslimin“ bezeichnet, in Somalia geboren wurde und vor einem Ehearrangement später aus Kenia flüchtete, wurde unter Polizeischutz gestellt. Van Gogh hielt das für sich nicht für nötig. „Wer schießt schon auf den Dorfdeppen?“ fragte er in einem Interview. Am vergangenen Dienstag erschoß der 26 Jahre alte Mohammed B. auf offener Straße den „Dorfdeppen“, schnitt ihm die Kehle durch und rammte ihm zwei Messer mit daran befestigen Botschaften in den Leib.

          Frontstaat im „Kampf der Kulturen“

          Die archaische Brutalität eines Ritualmordes sandte Schockwellen durch die Niederlande und schien van Gogh postum recht zu geben. War das Land nicht längst zu einem Frontstaat im "Kampf der Kulturen" geworden? War van Gogh das erste Opfer in einer Schlacht um die Entscheidung zwischen westlichen Werten und dem Gesetz des "islamistischen Dschungels"?
          Vor gut zwei Jahren erlebten die Niederlande ihren ersten politischen Mord seit dem Jahr 1584.

          Theo van Goghs - unvollendet gebliebener - letzter Film, "0605", hat das Attentat auf den Rechtspopulisten Pim Fortuyn zum Thema. Fortuyn war ein Narziß, ein Flamboyant, der sich im Bentley chauffieren ließ und seine Krawatten mit den dicksten Knoten band, die das Land je gesehen hatte. Eigentlich war auch Fortuyn mehr Künstler als Politiker, stilisierte jeden Auftritt zum Medienspektakel, wiewohl er bisweilen kaum etwas zu sagen hatte. Dennoch brachte er neues Leben in die verschlafene politische Kultur des Landes.

          Tiefe Risse in der niederländischen Gesellschaft verdeckt

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