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Till Fähnders (fäh.)

Tradition in Thailand : König und Konkubine

Sein Vater starb vor drei Jahren: Thailands neuer König Maha Vajiralongkorn Bild: AP

Aufstieg und Fall der Nebengemahlin des thailändischen Königs zeigen, wie die Uhr in dem Land gegenwärtig tickt: Der Zeiger wird immer ein Stückchen weiter zurückgedreht.

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          Im Märchen hat politische Korrektheit keinen Platz. Da werden Hexen in den Ofen gesteckt, Frösche an die Wand geworfen und Wölfe aufgeschlitzt. Wie eine Geschichte aus Tausendundeine Nacht wirkte es denn auch, als der thailändische König Maha Vajiralongkorn sich im Sommer eine Konkubine nahm. Das erschien zwar nach heutigen Maßstäben der Gleichberechtigung als Unding, aber in seiner Rückbesinnung auf eigentlich überkommene Traditionen auch faszinierend. Es war das erste Mal in fast hundert Jahren, dass ein thailändischer König offiziell eine Nebenfrau ernannte.

          Nicht einmal drei Monate später ist das Märchen schon wieder vorbei. In einem drastischen Schritt hat der thailändische Hof die Entehrung der Konkubine bekanntgegeben. In der ungewöhnlich deutlichen Erklärung des Königshauses hieß es, die Frau habe sich dem Monarchen gegenüber illoyal verhalten. Man könnte das Ganze als eine klassische Intrige des Palastes deuten. Denn begründet wurde der Schritt vor allem mit dem Verhalten der Konkubine gegenüber der Königin Suthida: Die Nebengemahlin wollte offenbar selbst zur Königin ernannt werden.

          Macht ohne Grenzen

          Dabei wird wohl niemand je erfahren, was genau sich hinter den Hofmauern in Bangkok zugetragen hat. Ein Gesetz, das Majestätsbeleidigung mit bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis bestraft, verbietet es, sich kritisch mit der königlichen Familie auseinanderzusetzen. Aber der Aufstieg und Fall der Nebengemahlin zeigt, wie die Uhr in Thailand gegenwärtig tickt. Immer ein Stückchen weiter wird der Zeiger zurückgedreht, bis er fast einhundert Jahre früher zum Stehen kommt.

          Der neue König hat seit dem Tod seines Vaters vor drei Jahren einiges unternommen, um die im Jahr 1932 eingeführte konstitutionelle Monarchie wieder abzuschaffen. Er hat die Verfassung in seinem Sinne ändern lassen, sich den alleinigen Zugriff auf das riesige Vermögen des Königshauses gesichert und zwei Einheiten des Militärs in der Hauptstadt Bangkok direkt unter sein Kommando gestellt.

          Sein Umgang mit der Konkubine belegt, dass seine Macht derzeit ohne Grenzen ist. Der König wird immer mehr zu einem absolutistischen Herrscher. Die Ursache liegt in Jahrzehnten der politischen Tumulte in dem südostasiatischen Land. Thailand hat mittlerweile knapp ein Dutzend Militärputsche, etwa zwanzig Verfassungen, etwa dreißig Regierungschefs erlebt. Um politische Vorteile zu erlangen, haben Militär und die royalistische Elite über Jahre hinweg daran gearbeitet, dem Königshaus wieder eine zentrale Rolle in Staat und Gesellschaft zu verschaffen. So wurde die Tradition wiederbelebt, dass sich die Untertanen vor der Königsfamilie auf den Boden werfen.

          Deren Mitglieder werden heute wie Halbgötter behandelt. Militär und Monarchie lassen die Demokratie zum Feigenblatt verkommen. Touristen, Beobachter und Politiker aus dem Ausland schweigen, weil sie die Sonderstellung des Königshauses als Ausdruck einer fremden Kultur verstehen.

          Doch den Thais liegt etwas an Teilhabe und Selbstbestimmung. Sie sehen der Zukunft bang entgegen. Schlimmer als sie dürfte es aber die in Ungnade gefallene Nebenfrau treffen. Der König ist zum vierten Mal verheiratet; das Schicksal seiner früheren Frauen zeigt, was die nun Verstoßene und ihre Familie erwartet: ein Leben in Schmach und Verbannung.

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          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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