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Thailand : Acht Bomben beenden die Ruhe der Militärs

Führt die Spur in den Süden oder zur ehemaligen Regierung? Bild: REUTERS

Thailand rutscht tiefer in die Krise: Nach dem lautlosen Putsch haben die Bombenanschläge an Neujahr das Klima angeheizt. Verdächtigungen schießen ins Kraut, das Misstrauen auf beiden Seiten wächst.

          Kurz bevor die Thailänder die ersten Feuerwerksraketen zur Begrüßung des neuen Jahres abschießen konnten, detonierten in Bangkok tödliche Sprengsätze. In zwei Schüben wurden binnen weniger Stunden acht Bomben gezündet, die insgesamt mindestens drei Menschen töteten und 38 verletzten. Die Behörden setzten noch in der Silvesternacht die meisten öffentlichen Feierlichkeiten aus, das Kabinett von General Surayud Chulanont hielt eine Krisensitzung ab, der militärische Kopf hinter der Putschregierung, General Sonthi Boonyaratglin, brach eine Auslandsreise ab und kehrte am Montag in die Hauptstadt zurück. Einen derart verheerenden Start ins Jahr 2007 hatten nicht einmal Pessimisten dem krisengeschüttelten Land vorherzusagen gewagt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Manches deutet darauf hin, dass es der Konflikt im mehrheitlich islamischen Süden Thailands ist, der nun in die Hauptstadt getragen wurde. In den vergangenen zwei Jahren kostete der „Aufstand“ in den nahe der malaysischen Grenze gelegenen Provinzen Narathiwat, Yala und Pattani an die zweitausend Menschen das Leben. Viele von ihnen wurden Opfer von Bomben, die in ihrer Bauart und mäßigen Detonationsstärke an jene erinnern, die nun Bangkok erschüttert haben. Wie nach den Anschlägen im Süden kursierten auch in Bangkok keine Bekennerschreiben.

          Verdächtigungen in Richtung Thakin

          Die Regierung Surayud beeilte sich am Montag, eine Verbindung zum Regionalkonflikt in den Bereich ungerechtfertigter Spekulationen zu verweisen. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das mit der Gewalt im Süden zu tun hat“, sagte Surayud auf einer Pressekonferenz und begründete seine Stellungnahme mit dem Argument, dass es „viel leichter für die Aufständischen ist, einen Angriff in den drei Südprovinzen auszuführen“. Der General berief sich stattdessen auf Informationen seiner Regierung, die eine andere Täterschaft nahelegten: „Es handelt sich um die Arbeit von Leuten, die die Macht verloren haben, aber ich kann nicht genau sagen, welche Gruppe dahintersteckt.“

          Brach seine Auslandsreise ab: General Sonthi Boonyaratglin

          General Surayud, der erst vor drei Monaten vom Putschistenführer Sonthi als Premierminister eingesetzt wurde, mag glaubwürdige Anhaltspunkte für seinen Vorwurf haben, der in Richtung des entmachteten Premierministers Thakin Shinawatra zielt. Gute Argumente nehmen aber auch jene für sich in Anspruch, die diese Darstellung bezweifeln. Die Übergangsregierung hat ein großes Interesse daran, die Lage im Süden als sich beruhigend darzustellen.

          Zweifel an der Junta

          Die Eskalation der vergangenen zwei Jahre gehörte zu den Gründen, aus denen Thakin am 19. September vergangenen Jahres aus dem Amt gejagt wurde. Neben Korruption und Spaltung der Nation wurde ihm Missmanagement im Süden vorgeworden. Seit ihrer Machtübernahme plazieren die Generäle die friedliche Lösung des verworrenen ethnisch-religiösen Konflikts ganz oben auf der Agenda - und betonen dies insbesondere gegenüber der kritischen internationalen Gemeinschaft, die sich nach wie vor schwertut mit der Übergangsregierung von militärischen Gnaden.

          Tatsächlich fruchten deren Bemühungen, die Lage im Süden zu entspannen, bislang wenig. Trotz Gesprächsangeboten und freundlichen Ankündigungen ließ die Gewalt nicht nach. Bombenanschläge und tödliche Übergriffe blieben an der Tagesordnung. Noch immer sind die Drahtzieher des Aufstands unbekannt. Putschistenführer Sonthi, selber ein Muslim, war gerade erst nach Mekka aufgebrochen, um während der Pilgerfahrt ein Zeichen zu setzen. Ziel der Reise war es aber auch, bei der „Organisation der Islamkonferenzen“ (OIC) Rat und Unterstützung für seine Konfliktlösungsstrategien zu suchen und außerdem Gespräche mit dem Königshaus in Riad zu führen. Religiöse Stiftungen in Saudi-Arabien stehen im Verdacht, den Aufstand im thailändischen Süden finanziell und spirituell zu fördern.

          Sofern die Bombenserie keine Spur in den Süden aufweist, könnte sie der Regierung Surayud nach Meinung von Beobachtern nachgerade ins Konzept passen. Seit unter den Thailändern die Zweifel an den altruistischen Absichten der Junta wachsen, verstärkt diese ihre Vorwürfe an die Vorgängerregierung. Demonstrationen gegen die Generäle und deren Machtabsicherungsversuche werden als revanchistische Umtriebe dargestellt. Den Anhänger Thaksins und dessen „Thai-Rak-Thai-Partei“ wird vorgeworfen, sie planten gewaltsame Maßnahmen und wollten das Land destabilisieren. In der vergangenen Woche verabschiedete die Putschregierung die Finanzierung einer neuen 14.000 Mann starken Spezialtruppe, die für Ordnung garantieren soll.

          Spekulationen über „Gegenputsch“

          Thakin, der sich seit seinem Sturz im Ausland - derzeit in China - aufhält, ließ die Anschuldigungen nach den Anschlägen von seinem Anwalt in Bangkok zurückweisen. Aber nicht nur die Generäle, auch die zivilen Gegner Thaksins, unter ihnen Politiker der früheren Oppositionspartei der „Demokraten“, zeigen sich davon unbeeindruckt. Parteichef Abhisit Vejjajiva und der ehemalige Premierminister Chuan Leekpai unterstützten am Montag die Sicht der Junta und äußerten die Vermutung, dass die Thaksin-Anhänger ihren Widerstand gegen die neue Regierung verstärken wollen. Sie seien „mehr als fähig“, solche Anschläge zu verüben, sagte Chuan.

          Dass nun das neue Jahr mit Reisewarnungen mehrerer Staaten begonnen hat, könnten manche als Menetekel für die kommenden Entwicklungen in Thailand begreifen. Die Kritik an der Regierung Surayud nimmt zu, seit sich abzeichnet, dass sie den Zeitplan für Neuwahlen möglicherweise nicht einhalten wird und offenbar versucht, in der neuen Verfassung, deren Ausarbeitung gerade beginnt, demokratisch fragwürdige Klauseln einzufügen. Vereinzelt wird schon über einen „Gegenputsch“ spekuliert, sollte die Regierung Surayud sich ihren Aufgaben nicht gewachsen zeigen.

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