https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/texas-46-tote-migranten-in-lastwagen-entdeckt-18133718.html

46 tote Migranten in Texas : „Die Toten gehen auf Bidens Konto“

Eine Luftaufnahme zeigt den Lastwagen, in dem bei San Antonio am Montag 46 Tote Menschen gefunden wurden. Bild: AFP

Der Bürgermeister von San Antonio spricht nach dem Tod von 46 Migranten in einem Lastwagen in Texas von einer „schrecklichen Tragödie“. Der republikanische Gouverneur Abbott macht Präsident Biden für das Unglück verantwortlich.

          3 Min.

          Der Bürgermeister von San Antonio, Ron Nirenberg, sprach von einer „schrecklichen menschlichen Tragödie“, als er sich am späten Montagabend äußerte. Wenige Stunden zuvor hatte ein Arbeiter in einer ländlichen Gegend am Rande der texanischen Stadt Hilferufe gehört. Als er um kurz vor sechs an dem Lastwagen ankam, aus dem die Schreie kamen, waren die Hecktüren angelehnt. Im Inneren sah er viele leblose Körper und wählte den Notruf – so beschreiben es die Behörden.

          Sofia Dreisbach
          Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Um zehn Uhr abends bestätigte die Polizei, was verschiedene Medien zuvor berichtet hatten: In dem Lastwagen am Straßenrand wurden 46 tote Migranten entdeckt. 16 weitere Personen, davon vier Kinder, wurden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht. „Wir sollten nicht einen Lastwagen öffnen und dann gestapelte Leichen darin sehen“, sagte der Chef der örtlichen Feuerwehr, Charles Hood, in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Das Einsatzteam werde entsprechend betreut.

          Laut ihm war der Lastwagen, der eigentlich eine Kühlfunktion hatte, nicht gekühlt und es gab kein Wasser. Der Wetterbericht für Texas zeigte am Montag bis zu 39 Grad an. Alle Überlebenden hätten einen Hitzschlag erlitten, sagte Hood. Niemand sei mehr in der Lage gewesen, den Lastwagen trotz geöffneter Türen selbstständig zu verlassen. Man sei dennoch „sehr hoffnungsvoll“, dass sich alle der Überlebenden erholten.

          Lastwagenfahrer nicht gefasst

          „Wir hoffen, dass diejenigen, die die Menschen in diese unmenschliche Lage gebracht haben, strafrechtlich verfolgt werden“, äußerte Hood weiter. Niemand habe sich vorstellen können, was sie an Ort und Stelle erwarte. Bislang wurden drei Männer festgenommen, bei denen noch nicht geklärt ist, ob oder inwiefern sie mit dem Vorfall zu tun haben. Es scheint, als habe der Fahrer den Lastwagen einige Zeit vor der Entdeckung dort abgestellt; er befindet sich nicht unter den Festgenommenen. Laut Polizei war der Lastwagen den Sicherheitsbehörden vor dem Notruf nicht aufgefallen.

          Die Ermittlungen hat eine Abteilung des Heimatschutzministeriums übernommen, die sich vornehmlich um Migration und Menschenschmuggel kümmert. Wie lange die Personen in dem Lastwagen ausgeharrt haben, wo sie gestartet sind und woher die Gruppe aus vornehmlich jungen Frauen und Männern sowie einigen Kindern stammt, gaben die Behörden am Abend unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht an.

          Der nächste Grenzübergang zu Mexiko liegt rund 240 Kilometer von San Antonio entfernt. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren in Texas vorgekommen, dass Migranten tot in einem Lastwagen gefunden wurden; bisher jedoch nicht in einer solchen Größenordnung. Der parteilose Bürgermeister Nirenberg sprach von einem tragischen Vorfall: „Wir wissen von 46 Menschen, die tot sind. Die Familien hatten. Die vermutlich auf der Suche nach einem besseren Leben waren. Und wir haben 16 Menschen im Krankenhaus, die um ihr Leben kämpfen.“ In der Übersetzung für die spanischen Medien hieß es: „Es schmerzt uns sehr, dass das hier passiert ist.“ Im Krankenhaus würden die Überlebenden bestmöglich behandelt.

          San Antonio als Transitpunkt für Migranten

          Das Unglück dürfte zu einem der schwersten im Fälle von Menschenschmuggel in den Vereinigten Staaten zählen. Der südliche Bundesstaat verzeichnet in diesem Jahr Höchstzahlen von Migranten, die aus Mexiko in die Vereinigten Staaten einreisen. Anwohner der Gegend, in dem der Lastwagen gefunden wurde, sagten der „Washington Post“, dort würden häufig Migranten abgesetzt. San Antonio ist ein wichtiger Transitpunkt für Migranten, die von Texas aus in andere Teile der Vereinigten Staaten reisen. Zehntausende sollen die Stadt in den vergangenen Monaten laut der amerikanischen Zeitung durchquert haben.

          Der Gouverneur von Texas, der Republikaner Greg Abbott, der im November um seine dritte Wiederwahl kämpft, hat den Kampf gegen illegale Migration zu einem seiner Kernthemen im Wahlkampf gemacht. Am Montagnachmittag noch hatte er auf Twitter eine von ihm initiierte Operation gegen illegale Migration gelobt: Seit ihrem Start seien mehr als 265.500 Migranten aufgegriffen und mehr als 22.000 Migranten am illegalen Grenzübertritt gehindert worden.

          Auf der Website der „Operation Lone Star“ heißt es, sie fülle „die gefährlichen Lücken, die die Weigerung der Biden-Regierung hinterlassen hat, die Grenze zu sichern“. Später am Abend machte Abbott auf Twitter dann Präsident Joe Biden für den Vorfall verantwortlich: „Diese Toten gehen auf Bidens Konto.“ Sie seien eine Folge seiner „tödlichen Politik der offenen Grenzen“. Biden hatte bis zum späten Abend noch nicht auf das Unglück reagiert; er weilt gerade beim G-7-Gipfel in Deutschland.

          Die amerikanische Regierung selbst richtet immer wieder die Botschaft an Migranten, nicht in die Vereinigten Staaten zu kommen und bemüht sich mit Mexiko darum, illegale Migration einzudämmen. Im Mai war die Zahl der versuchten und tatsächlichen Grenzübertritte dennoch so hoch wie nie. Ende Mai sollte dann trotz heftiger Kritik vor allem von republikanischer Seite eigentlich die sogenannte Title-42-Regelung fallen, die seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 gilt und Einwanderung weitgehend beschränkt. Mehr als sechzig Prozent der versuchten Grenzübertritte sind in den vergangenen zwei Jahren auf dieser Grundlage abgewiesen worden. Biden sah nach der Corona-Pandemie keine Berechtigung mehr dafür, die Regelung aufrechtzuerhalten. Ein Bundesgericht blockierte das Vorhaben jedoch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Treiber und Getriebener: MHP-Chef Devlet Bahceli und Präsident Erdogan

          Türkei : Wie rechtsextreme Parteien Erdogan unter Druck setzen

          Gebietsansprüche gegen Griechenland und Hetze gegen Flüchtlinge: Rechtsextreme Parteien setzen Erdogan unter Druck und schaffen es immer wieder, die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.