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Teuflische Blaupause : So funktionierte der IS-Terrorstaat

Auf ihrem Rückzug zerstörten die IS-Terrormiliz 2016 die Ölförderanlagen bei Al Qayyarah einem Vorort von Mossul. Auf ihr Geld war sie kaum angewiesen. Bild: Helmut Fricke

Die „New York Times“ hat 15.000 Seiten Dokumente aus dem Reich der Dschihadisten zusammengetragen und ausgewertet. Sie liefern Hinweise darauf, das die Gefahr brutaler Gottesstaaten nicht vorüber ist.

          Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) war während ihrer Herrschaft in Teilen Syriens und des Irak finanziell unabhängiger als bislang angenommen. Die amerikanische Zeitung „New York Times“ hat auf Grundlage einer 15.000 Seiten starken Sammlung die Finanzströme des IS analysiert. Daraus geht hervor, dass die meisten Einnahmen aus Steuern stammten, nicht wie bislang angenommen aus Öleinnahmen. Fachleute hatten diese lange für die wichtigste Devisenquelle der Organisation gehalten. Förderanlagen, Raffinerien und Treibstoffkonvois waren deshalb ein wichtiges Ziel internationaler Luftangriffe im IS-Gebiet gewesen.

          Die „New York Times“ schrieb nun, dass das Verhältnis zwischen Steuer- und Öleinnahmen 6:1 betragen habe. Die Recherchen erhärten die Zweifel an der tragenden Rolle des Öls für die Terrormiliz. Bereits im Februar 2017 war das „Institut für das Studium von Radikalisierung und politischer Gewalt“ (ICSR) am Londoner King’s College auf Grundlage öffentlich verfügbarer Quellen zu dem Ergebnis gekommen, dass Steuern und Abgaben ab 2016 die Öleinnahmen überstiegen. „Wir sind zuletzt von einem Verhältnis 3:1 ausgegangen“, sagte ICSR-Direktor Peter Neumann am Freitag dieser Zeitung. „Insofern ist die Größenordnung etwas Neues.“

          Möglich wurden die hohen Steuereinnahmen offenbar durch ein akribisches Steuersystem. Anhand der IS-Dokumente lässt sich nachvollziehen, dass die Dschihadisten nahezu jeden Schritt in den Produktionsketten ihres Herrschaftsgebiets besteuerten. So habe es etwa bei der Weizenproduktion eine Feldsteuer und eine Erntesteuer gegeben. Für den Transport sei eine Straßenmaut erhoben worden. Die Mühlen seien vom IS selbst kontrolliert, und das Mehl mit Aufschlag an Händler verkauft worden. Mit dem Transport des Mehls sei eine weitere Maut angefallen. Und auch die Verkäufer vor Ort und ihre Konsumenten seien schließlich noch besteuert worden.

          Damit dürften die hohen Steuereinnahmen neben verbissenem Verteidigungswillen, religiöser Ideologisierung und dem Missbrauch von Zivilisten als Schutzschilde ein weiterer Grund dafür sein, warum die Terrormiliz so lange in Syrien und im Irak Widerstand leisten konnte. Der Luftkrieg der amerikanisch geführten Anti-IS-Allianz begann im August 2014. Zu jener Zeit umfasste das IS-Herrschaftsgebiet in etwa die Größe Großbritanniens mit einer Bevölkerung von zwölf Millionen Menschen. Erst seit Ende 2017 gilt die Terrormiliz als besiegt; zumindest offiziell. Immer noch halten Kämpfer jüngsten Schätzungen zufolge rund drei Prozent ihres ehemaligen Territoriums besetzt. Andere IS-Terroristen sind untergetaucht. Nach wie vor werden Luftangriffe gegen die Widerstandsnester geflogen.

          Als Erfolgsrezept des IS lässt sich anhand der Daten der „New York Times“ eine Symbiose aus äußerster Brutalität und einem hohen Maß an Bürokratisierung ausmachen. Statt wie die Amerikaner 2003 bei ihrer Invasion im Irak die bestehenden Führungskader zu entlassen, nutzen die Terrorkrieger für ihren Staat die bestehenden Strukturen. Sie beließen die Sunniten und damit die Mehrheit der arbeitenden Menschen in ihren Funktionen und zwangen sie, ihre Arbeit fortzuführen. Das Hab und Gut der vertriebenen und ermordeten Andersgläubigen wurde konfisziert und verteilt. In Mossul wurde gar ein eigenes Ministerium für Kriegsbeute gegründet. Erst nach und nach zwangen die Terroristen den Menschen dann ihre mittelalterlichen Lebensregeln auf. Und bestraften kleinste Überschreitungen drakonisch. Andererseits lösten die Dschihadisten zahlreiche Alltagsprobleme, über die sich die Menschen zuvor stets beklagt hatten. Laut übereinstimmenden Berichten von Augenzeugen hätten Wasserversorgung, Straßenverkehr und die Anbindung der Haushalte niemals so gut funktioniert wie unter dem IS. So sei die Versorgung mit Wasser selbst dann noch störungsfreier gewesen, als Mossul – die größte Stadt im Herrschaftsgebiet des IS – bereits täglich bombardiert worden sei.

          Die Recherche der „New York Times“ legen somit einige Schlüsse nahe: Auch, wenn der IS als Staat niemals anerkannt worden ist, so hat er doch wie einer funktioniert. Den Dschihadisten ist das gelungen, wovon Al Qaida und andere islamistische Gruppen stets geträumt haben. Einen brutalen Gottesstaat aufzubauen, mit frühmittelalterlichem Weltbild und moderner Bürokratie. Auch wenn er nur ein paar Jahre existiert hat – religiösen Fanatikern hat er eine gefährliche Blaupause geliefert.

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