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Terrorverdacht in Frankreich : Nach tödlichem Angriff auf Polizistin drei Personen in Gewahrsam

  • Aktualisiert am

Forensiker sichern Spuren am Tatort vor der Polizeistation in Rambouillet. Bild: EPA

In Frankreich hat es offenbar abermals einen Terrorangriff gegeben. Eine 49 Jahre alte Polizistin wurde erstochen. Der Täter soll vorher ein dschihadistisches Video geschaut haben.

          3 Min.

          Eine 49 Jahre alte französische Polizistin ist am Freitag bei einer Messerattacke im Polizeirevier der Stadt Rambouillet im Südwesten von Paris getötet worden. Der Täter war nach ersten Erkenntnissen am frühen Nachmittag mit einem Messer auf die Beamtin losgegangen und hatte ihr an der Kehle tödliche Stiche zugefügt. Im Anschluss soll es zu einem Schusswechsel der in Notwehr handelnden Polizisten gekommen sein, bei dem der Täter getötet wurde. Die Stadt mit ihren rund 26.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gilt als friedlich.

          Die Tat weckt in Frankreich böse Erinnerungen. Das Land wird seit Jahren von islamistischen Anschlägen erschüttert – dabei starben mehr als 250 Menschen. Im Oktober wurde der Lehrer Samuel Paty von einem Islamisten brutal ermordet. Die Tat hatte international großes Entsetzen ausgelöst. Kurze Zeit später schlug ein Angreifer in einer Kirche in Nizza zu und tötete dort drei Menschen mit einem Messer. Es gibt auch immer wieder brutale Angriffe islamistischer Extremisten auf die Polizei.

          Die Ermittler gehen von einem Terrorakt aus. „Im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus geben wir nicht klein bei“, sagte Präsident Emmanuel Macron nach der Bluttat. Der Ablauf der Tat und die Äußerungen des Täters seien Gründe, warum die Anti-Terror-Ermittler übernommen hätten, sagte Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard am Tatort. Die Frau sei „feige“ ermordet worden. Ricard nannte keine Details.

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          Bei dem Täter soll es sich um einen Mann aus Tunesien handeln, der den Behörden zuvor nicht bekannt war. Er soll „Allahu akbar“ (Gott ist groß) gerufen haben und etwa 36 Jahre alt gewesen sein. Nach Rambouillet soll er erst kürzlich gezogen sein. Der Staatsanwalt äußerte sich dazu nicht. Ermittler nahmen dagegen drei Menschen in der Nähe von Paris in Gewahrsam. Alle drei Personen stammten aus dem Umfeld des 36 Jahre alten Tatverdächtigen. Das bestätigten Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Freitagabend in Paris. Es ist bei Terrorermittlungen in Frankreich üblich, dass Menschen aus dem Umfeld von Verdächtigen für Befragungen in Polizeigewahrsam genommen werden. Ermittler durchsuchten nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP auch zwei Wohnungen, darunter die des aus Tunesien stammenden Tatverdächtigen.

          Castex: Entschlossener Kampf gegen den Terrorismus

          Premierminister Jean Castex eilte nach der Tat sofort zum Tatort. Er erinnerte an brutale Anschläge im Pariser Umland wie die blutige Attacke auf den Lehrer Samuel Paty. „Ich möchte allen Französinnen und Franzosen sagen, dass unsere Entschlossenheit, gegen alle Formen des Terrorismus zu kämpfen, intakt ist“, sagte er. Er nannte die getötete Frau eine „Heldin des Alltags“. Macron schrieb auf Twitter, dass die Polizeimitarbeiterin „Stéphanie“ hieß. Das Land stehe an der Seite ihrer Familie, ihrer Kollegen und der Polizei.

          Die Anti-Terror-Fahnder ermitteln nun unter anderem wegen Mordes in Verbindung mit einem terroristischen Vorhaben. Medien berichteten, dass die Frau beim Betreten des Kommissariats von dem Angreifer überrascht worden sei. Die Tat soll sich im Eingangsbereich ereignet haben, die Mutter zweier Kinder war gerade von ihrer Pause zurückgekommen. Sie soll seit Jahren in dem Kommissariat gearbeitet haben.

          Jérome Moisant von der Polizeigewerkschaft Unité SGP Police sagte dem Sender Franceinfo, dass die getötete Kollegin in der Verwaltung gearbeitet habe. Der Angreifer habe sich zuvor vor der Wache auffällig verhalten.

          Der Sender BFM TV berichtete außerdem, dass der Angreifer vor der Tat ein dschihadistisches Video auf seinem Telefon geschaut haben soll. Innenminister Gerald Darmanin wies unterdessen die Präfekten im Land an, die Sicherheit rund um Polizeistationen zu verstärken. Sie sollen die Wachsamkeit und die Sicherheitsmaßnahmen insbesondere an den Eingangsbereichen erhöhen.

          Marine Le Pen übt Kritik an Regierung

          Die Tat löste in Frankreich heftige Reaktionen aus. Die Rechtsaußen-Politikerin Marine Le Pen kommentierte auf Twitter, dass immer die gleichen Schrecken aufeinander folgten. Es seien immer die „gleichen islamistischen Motive“. Sie warf der Regierung vor, bei Sicherheitsfragen zu lax zu sein. Die Präsidentin der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse, sprach von einem „barbarischen“ Angriff.

          Die Police National schrieb von „unermesslichem Schmerz“. „Unsere Kollegin Stéphanie M. wurde in der Polizeistation von Rambouillet feige ermordet“, hieß es. Auch international löste die Tat Betroffenheit aus. „Dem französischen Volk und seinen Sicherheitskräften spreche ich die volle Solidarität Europas in dieser Tragödie aus“, schrieb etwa EU-Ratspräsident Charles Michel auf Twitter.

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          Immer wieder gibt es in Frankreich Angriffe auf die Polizei. Im Herbst 2019 tötete etwa ein Angestellter im Polizeihauptquartier in Paris vier seiner Kollegen mit einem Messer. Die Ermittler gehen von einem Terrorhintergrund aus. 2017 tötete ein Mann auf der Pariser Nobelstraße Champs-Élysées einen Beamten und verletzte zwei weitere. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte die Tat für sich. Im Jahr 2016 wurden ein Polizist und seine Lebensgefährtin in Magnanville westlich von Paris von einem Mann erstochen. Der Täter hatte sich zuvor ebenfalls zum IS bekannt. Frankreichs Regierung will mit einem neuen Sicherheitsgesetz mehr Schutz für die Ordnungskräfte im Land bieten.

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