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Terrorismus : Wie der 11. September

Einsatz am Wahrzeichen Bombays: Feuerwehrleute befreien Angestellte und Gäste des Taj-Hotels Bild: AFP

Die Terroristen handelten koordiniert - und altmodisch. Trotzdem hatte selbst das terrorerprobte Indien so etwas noch nicht gesehen. In Bombay herrsche Krieg, sagten Politiker - die Chronik eines chaotischen Tages.

          5 Min.

          Erinnerungen an den 11. September 2001 wurden spätestens wach, als am Nachmittag verzweifelte Menschen aus dem brennenden „Trident“-Hotel winkten und um Hilfe schrien. Jene, die vor dem Luxushotel im Stadtzentrum Bombays ausharrten, sahen hilflos zu. Alle Hoffnung lag am Donnerstag bei den Polizisten und dem Anti-Terror-Kommando, das noch in der Nacht von Delhi nach Bombay geflogen war.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Bis in den späten Abend hinein überschlugen sich die Ereignisse in Colaba, dem Herz der indischen Finanzmetropole. Nach einer Nacht des Terrors hatten sich die Angreifer am Morgen in drei Gebäuden – neben dem „Trident“ das Hotel „Taj Mahal“ und das Nariman-Geschäftshaus – verschanzt und eine unbekannte Zahl Geiseln genommen. Immer wieder fielen Schüsse, detonierten Sprengsätze. Angehörige, Sicherheitskräfte und Journalisten mussten wiederholt in Deckung gehen. Obwohl die Inder über ihre Nachrichtenkanäle live dabei zu sein schienen, erreichten sie Informationen über den Stand der Operation und der Verhandlungen nur bruchstückhaft. Vorläufige Bilanz am Donnerstagabend: 120 Tote, mehr als 350 Verletzte und geschätzte 200 Geiseln und Eingeschlossene.

          Wohlkoordiniert und zugleich altmodisch

          Kaum ein Politiker sprach am Donnerstag noch von einem gewöhnlichen Terroranschlag. Von einem „Angriff auf Indien“ war die Rede, sogar von „Krieg“. Was sich in der Nacht in Bombay abgespielt hatte und den ganzen Donnerstag andauerte, hatte bislang auch das terrorgewohnte Indien nicht gekannt. Selbst die dramatische Erstürmung des indischen Parlaments vor sieben Jahren verblasst dagegen. Wohlkoordiniert und zugleich seltsam altmodisch – so führten die Terroristen ihr blutiges Handwerk aus. Sie näherten sich ihrem Ziel wie ein Geheimkommando der Marine. Im Schutz der Dunkelheit legten ihre Schlauchboote in der Nähe des historischen „Gateway of India“ an. Nach ihrer heimlichen Invasion verteilten sich die 20 bis 25 Männer mit Sprengsätzen und Maschinengewehren auf zehn Orte, die sie in der Finanzmetropole für ihre Angriffe ausgewählt hatten.

          Immer wieder gibt es vereinzelte Schusswechsel. Passanten gehen in Deckung

          Die Terrornacht begann im „Café Leopold“ am Colaba Causeway, gleich gegenüber dem Polizeipräsidium. Die beliebte Bar mit den Elvis-Plakaten an den Wänden war gut gefüllt, als kurz vor zehn drei Männer von ihrem Tisch aufstanden, Maschinengewehre aus den Taschen holten und wahllos in die Menge schossen. Als die Gäste panikartig das Lokal verließen, wurde auch Feuer aus einem nahe gelegenen Hotel eröffnet, berichtete ein Augenzeuge dem „Indian Express“. Mindestens sechs Tote lagen am Boden, darunter auch ausländische.

          Von dort machten sich die Terroristen offenbar ins nahe gelegene „Taj Mahal“-Hotel auf, das Wahrzeichen Bombays, und stürmten mit Gesinnungsgenossen die Hotellobby. Wieder schossen sie auf alles, was sich bewegte; selbst auf der „Pool-Side-Terrasse“ starben Gäste. Während die fünf bis sieben Terroristen mehrere Sprengsätze im Hotel zündeten und so mehrere Etagen und das Dach in Flammen setzten, wies das Management seine Gäste an, sich in den Zimmern zu verbarrikadieren. Dennoch gerieten mehrere Dutzend in Geiselhaft. Augenzeugen berichteten, dass die Terroristen gezielt nach Hotelgästen mit israelischen, amerikanischen und britischen Pässen gesucht hätten.

          Deutsche Gäste entkamen nur durch Glück

          Unter den vielen Toten befand sich auch der Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei. Er war beim Versuch, sich aus dem Hotel zu retten, abgestürzt und auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Andere deutsche Gäste, die an diesem Donnerstag an einer Vernissage für den deutschen Maler Norbert Bisky teilnehmen wollten, entkamen dem Überfall nur durch Glück. Weil die Galeristin die meisten ihrer Gäste im „President“-Hotel bewirtete, erfuhren sie dort von dem Angriff auf ihr Hotel und wurden gleich vom „President“ aufgenommen. Ein deutscher Galerist war im „Taj“ zurückgeblieben, konnte sich aber befreien, wie der Mann der Galeristin, der Chef der Indisch-Deutschen Handelskammer, Steinrücke, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigte. Auch mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments befanden sich offenbar im „Taj“.

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