https://www.faz.net/-gpf-ow7a

Terrorismus : Radikaler Reimport

  • -Aktualisiert am

Im Maghreb herrscht die Auffassung vor, daß Marokkaner und Tunesier erst im liberalen Westen zu Terroristen wurden

          6 Min.

          Die große Mehrheit der Madrider Terroristen vom 11. März waren Marokkaner. Einer ihrer "Köpfe" war ein gebürtiger Tunesier. Fast alle lebten seit vielen Jahren in Spanien und pendelten bei Besuchen von Familie und Freunden zwischen beiden Welten.

          Marokko und Tunesien, beide selbst Opfer von Attentaten islamistischer Fanatiker - in Casablanca im Jahr 2003 und in Djerba 2002 -, reagierten mit Betroffenheit und glaubwürdigem Bedauern. Diese Attentate beschädigten nach Ansicht vieler Europäer den Ruf der beiden Länder jenseits der Straße von Gibraltar, die sich traditionell einiges auf ihr politisch gemäßigtes Klima zugute halten.

          Unterschiedliche Perspektiven

          Die Perspektive von der nordafrikanischen Seite der Meerenge unterscheidet sich dennoch in wesentlichen Punkten von der südeuropäischen. So wie Tunesien den Anschlag auf die Synagoge in Djerba einem "importierten" Terroristen anlastet, weil der mutmaßliche Urheber ein Auslandstunesier war, so will man auch in Marokko nicht glauben, daß die "Madrider Monstren" zu Hause dazu wurden. Der Regierungssprecher in Rabat war der erste, der darauf hinwies, daß "der 11. März in Europa vorbereitet wurde". Auch aus der Opposition, insbesondere der gemäßigten islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, hieß es, es sei "falsch, Marokko als Ursprung der terroristischen Akte von Madrid zu bezeichnen".

          Diese Abwehrreflexe mögen verständlich sein. Weil aber zu viele Spuren darauf hindeuten, daß die gleiche "Marokkanische Kämpfergruppe", welche hinter den Anschlägen von Casablanca vermutet wird, auch in die Madrider Verbrechen verwickelt war, sind die Sicherheitsbehörden beider Länder gezwungen, angesichts dieser gemeinsamen Bedrohung zusammenzuarbeiten.

          Den Nachbarn fehlt Entschlossenheit

          Diese Kooperation - Informationsaustausch, grenzüberschreitende Fahndung, Auslieferung - ist in den letzten Wochen etwas besser geworden. Der Antrittsbesuch des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero stärkte zusätzlich das Zusammengehörigkeitsgefühl über das Mittelmeer hinweg. Aber in Marokko wie auch in Tunesien ist eine gewisse Restsäure zurückgeblieben, weil die Regierungen dort wegen ihres harten Vorgehens gegen radikale Islamisten (Parteienverbote, Prozesse) von europäischen Menschenrechtsorganisationen kritisiert und als "repressive Polizeistaaten" gebrandmarkt wurden.

          Dabei herrscht in Rabat und Tunis nicht nur die Ansicht vor, das Richtige getan zu haben, sondern auch, daß es mancher europäische Nachbar noch immer an Entschlossenheit fehlen lasse - von der Freilassung verdächtiger Islamisten in Deutschland bis zu der fehlenden Kontrolle aufrührerischer Imame in den Moscheen Spaniens.

          Legale Papiere und solide Arbeitsplätze

          Das Bild des "marokkanischen" Terrorismus ist vielseitig und verworren. Da sind die zurückgekehrten oder noch zwischen Tschetschenien und dem Balkan verstreuten "Afghanistan-Veteranen" aus der Schule von Al Qaida, die "Nester" einheimischer Radikaler aus den Slums von Tanger und Casablanca und jene "Schläferzellen", die sich über Spanien hinaus mit niedrigem Profil, legalen Papieren und soliden Arbeitsplätzen in unauffälliger Normalität eingerichtet haben.

          Weitere Themen

          Aufbruchstimmung passé Video-Seite öffnen

          Tunesien in politischer Krise : Aufbruchstimmung passé

          Das Musterland des Arabischen Frühlings befindet sich in einer kritischen Lage. Viele Tunesier erleben ihre Situation heute sogar schlechter als während der autoritären Herrschaft bis 2011. Die Krise gilt jedoch als hausgemacht.

          Topmeldungen

          Spitzen mit den drei Corona-Impfstoffen von AstraZeneca, BioNTech/Pfozer und Moderna.

          Zu viel Impfstoff : Schrei vor Glück oder schick’s zurück

          Die Länder schicken dem Bund Unmengen des Impfstoffs von AstraZeneca zurück. Sie sehen keine Chance, dass ihn noch jemand will. Die Regierung plant, das Mittel zu exportieren – und einen Teil davon selbst zu behalten.

          Flutwarnung in Ahrweiler : Warum wurde nicht evakuiert?

          Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die Verantwortlichen im Kreis Ahrweiler früher gehandelt hätten. Der rheinland-pfälzische Innenminister verspricht, den Katastrophen-Abend aufzuklären.
          Mit ihr ist nicht zu spaßen: Scarlett Johansson als „Black Widow“

          Johansson verklagt Disney : Die Rächerin

          Scarlett Johansson hat den Disneykonzern verklagt. Worum geht es der „Black-Widow“-Superheldin? Um Geld, das der Konzern im Kino nicht verdienen will.

          Aufruhr im Schwimmen : Zurück im Doping-Sumpf

          Ryan Murphy wird von Jewgeni Rylow geschlagen. Der Amerikaner spricht im Anschluss von einem Rennen, das „wahrscheinlich nicht sauber“ war – und wird vom Olympischen Komitee Russlands als Verlierer verhöhnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.