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Terrorismus : Österreich - das Hinterland des RAF-Terrors

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Bild: F.A.Z. - Greser & Lenz

Bis in die Achtzigerjahre lebte die deutsche Terroristenszene vom Lösegeld aus der Entführung des Wiener Wäsche-Industriellen Palmers. Die österreichischen Mittäter fühlen sich bis heute benutzt und hineingelegt.

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          Bei Banküberfällen, erzählt Gabriele Rollnik in dem Dokumentarfilm über die Palmers-Entführung 1977, sei „relativ wenig rausgekommen“. Um sich viel Geld zu verschaffen, planten die Terroristinnen der „Bewegung 2. Juni“ daher eine Entführung, die aber als kriminelle Aktion getarnt werden sollte. Österreich, das sie - Gabriele Rollnik, Inge Viett und Juliane Plambeck - beim Durchfahren als „ein relativ friedliches Land“ erlebt hatten, ohne den Fahndungsdruck wie in Deutschland, schien ihnen „ein gutes Etappenland“ zu sein.

          Im November 1977, drei Wochen nach der Ermordung von Hanns-Martin Schleyer, wurde in Wien der Textilindustrielle Walter Michael Palmers entführt. Nach vier Tagen Gefangenschaft zahlte seine Familie - an der Polizei vorbei - ein Lösegeld von 31 Millionen Schilling, davon 17 Millionen in den geforderten Valuten; der Geldkoffer war 34 Kilo schwer. Der Seniorchef des Wäschekonzerns kam unversehrt frei.

          „Mit Unterstützung von österreichischen Studenten ...“

          Die Genossinnen nahmen die Millionen und hauten wieder ab. In dem Filminterview sagt Rollnik, das Geld habe „noch ganz lange vorgehalten“. Die deutsche Terroristenszene lebte die ganzen achtziger Jahre von den umgerechnet 4,4 Millionen Mark. Die Scheine tauchten immer wieder in kleinen Mengen auf. Zurück blieben drei österreichische Studenten, die mitgemacht hatten. Thomas Gratt, der Haupttäter, bekam fünfzehn Jahre für räuberische Erpressung. Während seiner Haft wurde er aus der RAF ausgeschlossen, nach einem Femegericht in einem Wiener Café. Weil er zu viel geplaudert hat. Im Frühjahr 2006, sechzehn Jahre nach seiner Entlassung, hat er sich ein Messer ins Herz gestoßen.

          Bild: F.A.Z. - Greser & Lenz

          Österreich als Etappenland, die österreichischen Genossen benutzt, hineingelegt und abgelegt. Und in den Annalen der RAF kaum verzeichnet. Das geht dem ebenfalls an der Palmers-Entführung beteiligten Wiener Reinhard Pitsch nicht aus dem Kopf. „Es ist nicht schön“, sagt er bei einer Podiumsveranstaltung in der Kunsthalle in Wien, „nach Jahren rauszukommen, in einer Buchhandlung zu blättern und in einem Band über die ,Bewegung 2. Juni' zu sehen, dass man überhaupt nicht vorkommt. Das ist eine Frechheit. Diese Leute gehören vor ein Militärgericht!“ Vor allem Inge Viett, die in der DDR untertauchte und nach 1990 nur sieben Jahre saß, die heute die Palmers-Entführung nur nebenbei erwähne, und auch nur so: „Mit Unterstützung von österreichischen Studenten ...“

          „Auf Teufel komm raus männliche Genossen“

          Der „Ex-Terrorist“, der Philosoph Dr. Reinhard Pitsch, der in seinen knapp vier Gefängnisjahren weiter studierte, ist mit einer dicken Tasche gekommen, voll mit Büchern, Bänden, Wälzern. Er ist bewaffnet mit Zitaten. Und sein Kopf ist voll mit Details, die ihn seit drei Jahrzehnten nicht loslassen. Details zwischen dem 8. Mai 1977, dem ersten Todestag der Ulrike Meinhof, als er vor der Wiener Universität mit der „APG“ (Arbeitsgemeinschaft Politische Gefangene) Flugblätter verteilte und ihn zwei ältere deutsche Studentinnen ansprachen, und dem 28. November 1977, als er verhaftet wurde. Er erzählt ausschweifend, grundsätzlich, umständlich.

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