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Trauerfeier in Tschetschenien : Patys Mörder mit allen Ehren bestattet

In Frankreich bestattet, in Tschetschenien beschimpft: Samuel Paty auf einem Plakat in Paris. Sein Mörder wurde nun in Russland bestattet. Bild: AFP

Abdullah Ansorow tötete den französischen Lehrer, weil er seinen Schülern Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Frankreich überstellte nun die sterblichen Überreste des Terroristen in die Heimat seiner Familie. Dort feiern ihn viele Trauergäste.

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          Der junge Islamist, der Mitte Oktober nahe Paris den französischen Lehrer Samuel Paty tötete und enthauptete, ist in Russland mit allen Ehren bestattet worden. Der Leichnam des 18 Jahren alten Abdullah Ansorow war am Samstag, aus Frankreich kommend, im Land eingetroffen. Videos von der Zeremonie verbreiteten sich über Telegram-Kanäle und Online-Medien. Sie fand nach unbestätigten Berichten im Dorf Schalaschi in der Nordkaukasus-Teilrepublik Tschetschenien statt, aus der die Familie des Attentäters stammt. Ansorow selbst wurde in Moskau geboren und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr als Flüchtling in Frankreich. Auf den Aufnahmen tragen Männer einen in Decken gehüllten Leichnam auf den Friedhof, skandieren „Allahu Akbar“. Rund 200 Personen nahmen laut den Berichten an der Beerdigung teil. Das Dorf sei abgesperrt und Film- und Fotoaufnahmen seien eigentlich untersagt worden. Sicherheitskräfte des Republikherrschers Ramsan Kadyrow sollten die Verbote scharf kontrollieren. Denn der Fall ist heikel: Viele muslimische Russen haben Verständnis für Ansoarows Tat geäußert. 

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Attentäter hatte den Mord damit erklärt, dass Paty seinen Schülern die von der französischen Satire-Zeitschrift  „Charlie Hebdo“ gedruckten Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Ansorow twitterte ein Foto des abgetrennten Kopfes zusammen mit einer Nachricht an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron: „Herrscher der Ungläubigen, ich habe einen deiner Höllenhunde exekutiert, der es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen.“ Ansorow widersetzte sich einem Festnahmeversuch und erlag später seinen Schussverletzungen.

          Dass Frankreich Leichname getöteter Terroristen Verwandten zur Bestattung übergibt, unterscheidet das Land von Russland; in Tschetschenien werden sogar Häuser der Verwandten von Terrorverdächtigen zerstört. Kadyrow, Präsident Wladimir Putins Mann in Grosnyj, geht brutal gegen wirkliche und angebliche Islamisten vor. Er inszeniert sich als Schutzherr von Muslimen in Russland und anderen Ländern, schwelgt aber zugleich in Luxus; die F.A.Z. sah ihn im April 2016 in einem goldfarbenen Rolls-Royce zum Freitagsgebet in der riesigen „Herz Tschetscheniens“-Moschee von Grosnyj vorfahren.

          Kadyrow hatte schon Anfang 2015, nach den islamistischen Morden an elf Personen in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris, eine Massendemonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Grosnyj abhalten lassen. Nach dem Mord an Paty äußerte Kadyrow zwar, dass Tschetschenen nichts mit der Tat zu tun hätten und Ansorow fast sein ganzes Leben in Frankreich gelebt habe. „Wir verurteilen den Terroranschlag“, schrieb Kadyrow, fügte aber hinzu, er rufe dazu auf, „nicht die Gläubigen zu provozieren“. Frankreich solle „anerkennen, dass Muslime ein Recht auf Religion haben“. Macron sei „schlimmer als ein Terrorist“ und zwinge Leute, „Verbrechen zu verüben“. In diesem Sinne gab es über mehrere Tage lang Demonstrationen vor der französischen Botschaft in Moskau, wo Dutzende junge Männer „Allahu Akbar“ skandierten. Die Botschaft bat öffentlich um mehr Schutz, offenbar, weil die Polizei die Verstöße gegen das Verbot „unerlaubter Versammlungen“ nicht so streng ahndete wie sonst. Kadyrows Mufti, Salach-Chadschi Meschijew, bezeichnete Macron als „Terroristen Nummer 1 der Welt“ und den ermordeten Lehrer Paty als „verrückten Professor“. Alle Franzosen, die Macron unterstützten, ob in Frankreich oder Russland, seien „Feinde der Muslime“.

          Solche Ansichten teilten viele. Der aus Dagestan, einer Tschetschenien benachbarten Teilrepublik, stammende Mixed-Martial-Arts-Champion Chabib Nurmagomedow veröffentlichte auf Instagram ein Porträt Macrons mit Schuhabdruck im Gesicht und schrieb dazu: „Möge der Allmächtige das Gesicht dieses Miststücks und aller seiner Anhänger entstellen, die im Namen der Freiheit des Wortes die Befühle von mehr als einer halben Milliarde gläubiger Muslime beleidigen.“ Der Post des beliebten Sportlers sammelte knapp 3,8 Millionen „Likes“. Die Journalistin Xenija Sobtschak aus Russlands kleinem liberalen Lager trat Nurmagomedow entgegen, erinnerte daran, dass Macron nicht dem Islam, sondern dem Radikalismus den Kampf angesagt hatte. Das trug ihr, wie sie berichtete, Dutzende Drohungen ein.

          Putins Sprecher windet sich

          Andere hielten sich zurück. Auch der Kreml. Putin nimmt Rücksicht auf bis zu zwanzig Millionen Muslime in Russland, zu denen noch solche aus den Staaten Zentralasiens kommen, die in Russland arbeiten. Zudem hat er Religionsführer als Stützen seiner Macht requiriert, lässt „traditionelle Werte“ schützen und hat in diesem Jahr den Gottesbegriff in Russlands eigentlich säkulare Verfassung Einzug halten lassen. „Zweifellos ist die Beleidigung der Gefühle von Gläubigen nicht zulässig und zugleich ist es nicht zulässig, Menschen zu töten“, wand sich Putins Sprecher, Dmitrij Peskow. Er hob hervor, eine Zeitschrift wie „Charlie Hebdo“ könne in Russland nicht existieren, das sei „absolut unmöglich, auch mit Blick auf die gegenwärtige Gesetzgebung“. In Russland ist die „Beleidigung der Gefühle von Gläubigen“ seit 2013 eine Straftat. Der als Reaktion auf einen Auftritt der putin-kritischen Aktionsgruppe „Pussy Riot“ 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale eingeführte Tatbestand wurde mehrfach gegen Leute angewandt, die Gefühle russisch-orthodoxer Christen beleidigt hätten.

          Der Präsident selbst trug seinem Außenministerium Anfang November auf, ein internationales Verbot der „Beleidigung der Gefühle Gläubiger“ im Rahmen der  Vereinten Nationen auszuarbeiten. Mit Blick auf die Vorwürfe Kadyrows gegen Macron hob Peskow hervor, dass der Präsident, Putin also, die Außenpolitik bestimme und sich die Regionaloberhäupter an dieser Linie „orientieren“ müssten. Dem pflichtete Kadyrow bei, hob aber hervor, dass er Macron nicht als Politiker, sondern als Privatmann und Muslim geantwortet habe und wiederholte wüste Vorwürfe gegen den Franzosen. Dass Kadyrows Medien nun nicht über die Beerdigung berichteten, dürfte die einzige Konzession gegenüber der Moskauer Bredouille gewesen sein. Dieses Schweigen ermöglichte Peskow die Aussage vom Montag, er verfüge über keine Informationen über die Beerdigung, könne nur sagen, dass es um einen Terroranschlag gehe, dem „tiefe Verurteilung und Unbehagen“ gebührten. Zugleich wiesen tschetschenische Behörden ein im Internet kursierendes Foto eines improvisierten Schildes, auf dem „Abdullah-Ansorow-Straße“ steht und das aus Schalaschi stamme, als „Lüge und Provokation“ zurück.

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