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Terrorismus : „Araber befehlen in Tschetschenien"

Bergungsarbeiten am Ort des Attentats vom Montag Bild: AP

Arabische extremistische Organisationen und ihre Emissäre spielen nach Ansicht des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB die führende Rolle unter den militanten Islamisten in Tschetschenien und entscheiden über die Durchführung großer Anschläge.

          Arabische extremistische Organisationen und ihre Emissäre spielen nach Ansicht des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB die führende Rolle unter den militanten Islamisten in Tschetschenien und entschieden über die Durchführung großer Anschläge.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der Führer der tschetschenischen Separatisten, Aslan Maschadow, und der extremistische Feldkommandeur Schamil Bassajew hätten den Anweisungen der Araber zu folgen. Sie seien nur die nominalen Führer, dienten als "Symbole" eines vermeintlich nationalen Widerstands, sagte der Leiter der Informationsabteilung des FSB, Sergej Ignatschenko, dieser Zeitung. "Maschadow wird von den Arabern oft einfach ignoriert und nicht für voll genommen", behauptete der FSB-Sprecher. Noch vor dem Selbstmordanschlag in Ilischan-Jurt am Mittwoch sagte er, auch nach dem Anschlag eines Selbstmordkommandos im Ort Snamenskoje im Norden Tschetscheniens, bei dem Anfang der Woche 59 Menschen getötet und mehr als zweihundert verletzt worden waren, rechne der FSB nicht damit, daß sich in der Kaukasusrepublik eine Lage wie in Israel entwickle und es fortwährend zu Selbstmordanschlägen komme. "Dafür reichen die Kräfte der tschetschenischen Terroristen nicht aus", sagte Ignatschenko. Man nehme an, daß es in Tschetschenien etwa 800 "fanatischen Islamisten" gebe. Davon seien die Hälfte militante Islamisten aus dem Ausland. Zwar wisse man, daß in Tschetschenien Selbstmordattentäter, darunter auch Frauen, ausgebildet würden. "Sie werden psychologisch in einen solchen Zustand versetzt, daß sie froh sind, zu sterben", sagte der FSB-Sprecher. Er bestritt jedoch, daß, wie von den Islamisten behauptet, Hunderte solcher potentiellen Selbstmordattentäter in Tschetschenien bereit ständen. Bei den Attentätern von Snamenskoje soll es sich nach Presseberichten um einen Mann und zwei junge Frauen aus Tschetschenien und angrenzenden Regionen gehandelt haben.

          Die tschetschenischen Kämpfer finanzierten sich zum Teil auch durch Geld der tschetschenischen Diaspora in Rußland, doch seien diese Summen im ganzen unbedeutend, sagte Ignatschenko. Entscheidend sei die finanzielle Hilfe islamistischer Organisationen aus dem Nahen Osten. Die Gelder, die über arabische Banken liefen, würden mit Kurieren nach Tschetschenien gebracht und dort von arabischen Emissären verwaltet. Doch sei es gelungen, den Zufluß von Geldern aus dem Ausland an die tschetschenischen Islamisten deutlich zu verringern. So seien nach Erkenntnissen des FSB im Jahre 2000 monatlich bis zu sechs Millionen Dollar an die tschetschenischen Islamisten geflossen, im vergangenen Jahr nur noch ein bis zwei Millionen; in diesem Jahr gehe man von 300 000 bis 500 000 Dollar im Monat aus. "Dies ist auch ein Erfolg der Zusammenarbeit mit den amerikanischen und europäischen Geheimdiensten." Nach dem Anschlag vom Mittwoch - dem zweiten innerhalb von drei Tagen, bei dem es Dutzende von Toten gab - sagte der stellvertretende russische Generalstaatsanwalt Sergej Fridinskij indes, man wisse, daß vor etwa einer Woche eine Million Dollar an die Terroristen in Tschetschenien gelangt sei. Nun werde dieses Geld offenbar "abgearbeitet". Vorsichtsmaßnahmen habe man keine ergreifen können, da die russischen Behörden von dem Geldtransfer erst durch die Ermittlungen nach dem Anschlag von Snamenskoje erfahren hätten.

          FSB-Sprecher Ignatschenko sagte, die tschetschenischen Kämpfer verfügten weiter über einen gewissen Zulauf unter den Jugendlichen in der Kaukasusrepublik. Deshalb sei es für ein Ende der Gewalt entscheidend, den jungen Tschetschenen eine Berufsausbildung, einen Arbeitsplatz und damit eine Perspektive zu bieten. Viele hätten seit Jahren keine Schule besucht, seien täglich mit Gewalt aufgewachsen. Der Krieg sei für viele die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. "Für die Tötung eines russischen Soldaten zahlt man ihnen etwa hundert Dollar, für die Sprengung eines Schützenpanzers 800 Dollar:"

          Für die Islamisten sei es keine Schwierigkeit, Waffen aus den ehemals sozialistischen Ländern und den Staaten der GUS zu kaufen, sagte Ignatschenko. Er gab zu, daß auch russische Streitkräfte Waffen an die tschetschenischen Kämpfer verkauft hätten. Die modernen tragbaren Zenit-Raketenkomplexe vom Typ Igla und Strelja, mit denen die Tschetschenen zahlreiche russische Hubschrauber abgeschossen hatten - und auch am Mittwoch einen Hubschrauber beschossen haben -, seien aber nicht in Rußland gekauft worden, sondern über GUS-Staaten nach Tschetschenien gelangt.

          Als einen verdächtigen Drahtzieher für den Anschlag von Snamenskoje nannte auch die Zeitung "Kommersant" am Mittwoch unter Berufung auf den FSB den Araber Abu al Walid. Er soll nach dem Tod des aus Saudi-Arabien stammenden al Chattab die neue Verbindungsfigur zwischen den tschetschenischen Kämpfern und den arabischen extremistischen Gruppen sein. Chattab war im Frühjahr vergangenen Jahres im Zuge einer FSB-Operation mit einem Brief vergiftet worden.

          Nach Angaben des tschetschenischen Innenministeriums wurde bei dem Anschlag in Snamenskoje kein gewöhnlicher Sprengstoff, sondern ein Gemisch aus Salpeter, Zement und Aluminiumpuder verwendet, das jenem Sprengstoff ähnelt, mit dem 1999 Häuser in Moskau und anderen Städten Rußlands in die Luft gesprengt worden waren. Der Sprengstoff sei als Baumaterial wahrscheinlich vom benachbarten Inguschien aus nach Tschetschenien gebracht worden, hieß es. Die Täter hätten versucht, Straßenposten zu umfahren, seien jedoch mehrfach angehalten worden. Jedoch haben offenbar weder die Dokumente noch die Ladung einen Verdacht hervorgerufen.

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