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Terrorismus : Al Qaida, Spanien und Videos

Droht Deutschland: „Abu Talha” in einem mutmaßlichen Al Qaida-Video von Oktober 2008 Bild: AP

Zum Auftakt des Wahljahres bedrohen islamistische Terroristen die Bundesrepublik so direkt wie nie zuvor. Ein Bonner Al Qaida-Mann geht sogar auf die Bundestagswahl ein. Die Regierung nimmt die Drohungen ernst.

          Abu Abdullah weiß, worauf es ankommt. „Ein sehr familienfreundlicher Ort“ sei die Basis der Krieger geworden. „Drum bringt eure Frauen und Kinder mit!“, fordert er die „lieben Geschwister in Deutschland“ auf. Wohnsiedlungen gebe es, weit weg von der Front, Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken. Und Schulen, „in denen unsere Kinder den Koran nicht nur betrachten, sondern leben und lieben lernen.“

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das Video zeigt zu diesen Worten eine Schar von Kleinen, die mit einem schweren Maschinengewehr spielen, ein Mädchen dreht es im Kreis wie ein Karussell. „Kommt allesamt und lebt den Dschihad mit der ganzen Familie!“, wirbt Abu Abdullah.

          „Wir verkünden frohe Botschaft“

          Frohe Botschaft aus Afghanistan. So nennt sich das jüngste Video der „Islamischen Bewegung Usbekistans“. Vier Islamisten aus Deutschland treten darin auf. Abu Adam lobt einen Fünfzehnjährigen, der schon reif genug sei, seine Pflichten als Kämpfer zu erfüllen. Für den Dschihad wirbt auch Abu Ibraheem, der selbst noch nah am Stimmbruch scheint.

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          Der vollbärtige Ahmad spricht von Männern und Frauen, die den Propheten so lieben, dass sie Schlange stehen, um sich als Attentäter zu opfern. Alle vier Männer sprechen deutsch so gut, dass sie hier aufgewachsen sein müssen. Auch das islamische Kampflied im Hintergrund ist eingedeutscht. „Wir verkünden frohe Botschaft“, klingt es hundertfach aus Männerkehlen. Selbst Kommandeur Mohammed, der wohl Hunderte Menschenleben auf dem Gewissen hat, ringt sich ein paar deutsche Worte ab. Der Koch der Dschihad-Kämpfer sagt: „Kommt und genießt den schönsten Urlaub eures Lebens.“

          Adressatengerecht, so nennt ein Terrorismus-Fachmann das Werk. Und spricht von der „clever gewählten Pixelung“, mit denen die Macher des Videos die Gesichter der Kämpfer aus deutschen Landen unkenntlich gemacht haben.

          Deutscher macht bei Al Qaida Karriere

          Die „Frohe Botschaft“ ist nur eines der deutschsprachigen Videos islamistischer Terrorgruppen, die seit Jahresbeginn im Internet kursieren. Zwar wurde Deutschland schon früher bedroht. Aber jetzt geschieht das gezielt, auf Deutsch und in rascher Folge. „Das zeigt, dass Deutschland unter den Zielländern der Terroristen weit nach vorne gerückt ist“, sagt Innenstaatssekretär August Hanning.

          „Wir werden jetzt nicht mehr unter ferner liefen genannt, sondern stehen in einer Reihe mit Ländern wie Amerika oder Großbritannien“, sagt auch Hartwig Möller, Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes.

          Alarmiert hat nun die Terrorfahnder vor allem die Botschaft eines deutschen Staatsbürgers, der in Pakistan bei Al Qaida Karriere gemacht hat: Bekkay Harrach. Sein Machwerk, genannt „Das Rettungspaket für Deutschland“, ist das erste deutschsprachige Video, das von Usama Bin Ladins Terrornetzwerk produziert wurde. „Das ist neu und beunruhigend“, sagt Hanning.

          Deutsche in Al Qaidas Medienabteilung

          Der 31 Jahre alte gebürtige Marokkaner Harrach, der lange in Bonn gelebt hat, gilt als ernst zu nehmende Größe. In den islamistischen Kreisen Deutschlands war er gut vernetzt. Harrach, der mit vier Jahren ins Rheinland kam, hat bis 2004 an der Fachhochschule Koblenz Lasertechnik und Wirtschaftsmathematik studiert; dann bricht er das Studium ab. Er heiratet eine deutsche Konvertitin, geht in den Irak und ins Westjordanland, im Frühjahr 2007 nach Pakistan.

          Er sei, so sagt Hanning, „ein wichtiger Mann von Al Qaida, der Zugang zur Führung der Terrororganisation hat“. Zumindest gilt er als Sprachrohr der aus Deutschland kommenden Al–Qaida-Leute. „Deutsche Islamisten, darunter auch Konvertiten, spielen eine wichtige Rolle in der Medienabteilung von Al Qaida“, sagt Hanning.

          Harrach, der als mit schwarzem Tuch vermummter Kämpfer auftritt und sich Abu Talha, der Deutsche, nennt, droht gar mit einem Anschlag durch eine Autobombe, „der Atombombe der Muslime“. Selbst träume er seit langem davon, sich „für Allah in die Luft zu sprengen“. Die Deutschen, so sagt er, werden nicht ungeschoren davonkommen. Die Sicherheitsbehörden gehen deshalb von einer erhöhten Anschlagsgefahr aus.

          Erinnerungen an den Terror von Madrid

          Was sie elektrisiert: Der Al Qaida-Mann aus Bonn geht auf die Bundestagswahl ein. Das weckt Erinnerungen an das spanische Szenario. Vor bald fünf Jahren, am 11. März 2004, hatten islamistische Terroristen durch Anschläge auf vier Pendlerzüge in Madrid 191 Menschen getötet und 1800 verletzt. Der Anschlag entschied die Wahl: Die Regierung Aznar verlor, die siegreichen Sozialisten zogen die Truppen aus dem Irak ab.

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