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Terrorbekämpfung : Das Sahel-Trauerspiel

  • -Aktualisiert am

Französische Soldaten im Anti-Terror-Einsatz in Burkina Faso, das Bild entstand im November 2019. Bild: AFP

Die Sahel-Koalition kämpft gegen einen Feind, der stärker wird, den islamistischen Terror. Doch Paris, das sich verantwortlich fühlt, fehlen die Partner. Auch auf Berlin ist kein Verlass.

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          Die Sahelzone, ein Gebiet größer als Europa, gleicht einem Pulverfass. Islamistische Gruppen verüben in immer kürzeren Abständen Terroranschläge, obwohl Frankreich 4500 Soldaten im Anti-Terror-Kampf einsetzt. Emmanuel Macron hat jetzt mit den Staatschefs der fünf Sahel-Anrainerstaaten Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad und Mauretanien in Pau eine neue Sicherheitsstrategie beschlossen. Die Truppen der Operation „Barkhane“ werden um mehr als 200 Mann verstärkt, das Einsatzgebiet enger umrissen. Neue Kommandostrukturen der „Sahel-Koalition“ sollen eine stärkere Einbindung europäischer Partner ermöglichen.

          Das Treffen in Pau glich einem Gipfel der verlorenen Illusionen. Frankreich droht im Krieg gegen den islamistischen Terrorismus im Sahel seinen wichtigsten Verbündeten zu verlieren. Präsident Donald Trump hat angekündigt, die amerikanischen Spezialkräfte abziehen zu wollen, die besonders bei der Aufklärung unentbehrliche Hilfe leisten. Die Streitkräfte der fünf Sahel-Staaten sind oftmals schlecht organisiert, ungenügend ausgerüstet und unzureichend ausgebildet. Die seit 2018 geplante G-5-Eingreiftruppe ist noch immer nicht einsatzbereit. Für europäische Wege aus der Krise fehlt Frankreich ein entscheidender Partner. Deutschland zaudert.

          Macron verkörpert einen Generationenwechsel in der französischen Afrikapolitik. Er ist der erste Präsident im Elysée-Palast, der nach der Unabhängigkeit der Kolonien geboren wurde. Doch sein Ehrgeiz, sich von der ererbten Schutzmachtrolle zu lösen und die Verantwortung für den früheren afrikanischen Hinterhof mit den EU-Staaten zu teilen, wird in Berlin nur bedingt geteilt. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Monaten zwei konkrete Anfragen aus Paris nach militärischer Unterstützung für die Militäroperation „Barkhane“ abgelehnt.

          Für Macron wirkte dieses doppelte Nein wie Ohrfeigen, die ihn vor den eigenen Generälen blamierten. Den Europadiskurs des Präsidenten hielten in der französischen Armeeführung ohnehin viele für idealistisches Geschwätz. In diesen Kreisen wird gern darauf verwiesen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in der deutschen Sicherheitsdebatte auseinanderklaffen. Schon der Deutsch-Französischen Brigade, die zwischen Oktober 2018 und April 2019 in Mali im Einsatz war, seien gemeinsame Missionen nicht gelungen, weil die Bundeswehrsoldaten nur unterstützende Aufgaben übernehmen dürften. In Berlin fehle der politische Wille, dies zu ändern, wird in Paris beklagt.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron am Montag auf dem G-5-Treffen in Pau mit den afrikanischen Partnern der Sahel-Koalition.

          Dabei erkennt Macron an, dass die Bundesregierung sich wesentlich stärker für die Stabilität Afrikas als früher engagiert. In der Erklärung von Pau lobte er ausdrücklich den deutschen Versuch, eine Libyen-Konferenz in Berlin zu organisieren. Ende August hatte Macron beim G-7-Gipfeltreffen in Biarritz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Präsidenten Burkina Fasos, Roch Kaboré, eine „Partnerschaft für Sicherheit und Stabilität“ für die Sahel-Zone angekündigt. Doch die Initiative ist bislang genauso im Wüstensand verlaufen wie die G-5-Eingreiftruppe.

          Macron steht deshalb nicht nur wegen seines innenpolitischen Reformkurses unter Druck. In Frankreich wächst die Einsicht, dass die Herausforderungen im Sahel das Vermögen der eigenen Armee übersteigen. Der Terroranschlag am 9. Januar im Niger mit 89 getöteten Soldaten in Chinagodrar zeigt von neuem, wie dramatisch sich die Sicherheitslage verschlechtert hat. Das Gipfeltreffen in Pau war ein erstes Mal verschoben worden, nachdem am 10. Dezember Terroristen bei einem Angriff auf eine Kaserne in Inates im Niger 71 Soldaten ermordeten. Ohnehin waren die fünf Staatschefs pikiert, weil Macrons Einladung wie eine Vorladung geklungen hatte.

          Sieben Jahre nach Beginn der französischen Militäroperation in Mali ist die Stimmung gekippt. Frankreich erweckt Argwohn und Feindseligkeit, wie die jüngsten Demonstrationen gegen die „Besatzungsmacht“ in der malischen Hauptstadt Bamako zeigten. Die Forderung eines Abzugs der französischen Truppen findet in allen fünf Sahelstaaten Gehör. Auch an der Heimatfront wachsen die Zweifel. Der ehemalige General Bruno Clément-Bollée mahnte, die französische Armee müsse aufpassen, dass sie nicht verjagt werde, weil sie als Stütze der korrupten und autoritären afrikanischen Führungseliten wahrgenommen werde.

          Macron hofft noch auf den Erfolg seiner europäischen Strategie. Doch der Aufbau einer europäischen Spezialkräfteeinheit („Takuba Task Force“) kommt nur schleppend voran. Während kleinere Länder wie Estland, die Tschechische Republik und Belgien zusagten, Elitesoldaten zu entsenden, lehnte Deutschland es ab, Mitglieder des Kommando Spezialkräfte (KSK) zur Verfügung zu stellen.

          In Paris ist man sichtlich irritiert. Gern wird die Rede Annegret Kramp-Karrenbauers an der Universität der Bundeswehr in München zitiert, in der sie eine Stärkung des „deutsch-französischen Tandems“ und mehr Engagement Deutschlands in der Welt, „um unsere Werte und Interessen zu schützen“ forderte. Paris wartet jetzt auf Taten.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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