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Terroranschlag in London : Großbritannien debattiert über vorzeitige Haftentlassungen

  • Aktualisiert am

Besuch des Anschlagsorts: Premierminister Johnson spricht am Samstag auf der Lonon Bridge mit Polizisten Bild: Reuters

Der Attentäter der London Bridge war ein verurteilter Terrorist, der vorzeitig freigekommen war. Nun fragen sich die Briten, wie das geschehen konnte. Das Ganze weckt böse Erinnerungen.

          3 Min.

          Nach dem Anschlag mit zwei Toten in London ist in Großbritannien eine Debatte über die routinemäßige vorzeitige Entlassung von Häftlingen entbrannt. Zuvor war bekannt geworden, dass der Attentäter Usman Khan, der am Freitag eine Frau und einen Mann nahe der London Bridge tötete, ein verurteilter Terrorist war, der vorzeitig auf freien Fuß gekommen war.

          Die Entlassung war Medienberichten zufolge routinemäßig erfolgt. Die zuständige Kommission (Parole Board) teilte am Samstag mit, sie sei nicht an der Entscheidung beteiligt gewesen. „Ich habe seit Langem argumentiert, dass es ein Fehler ist, Schwer- und Gewaltverbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis zu entlassen“, sagte Premierminister Boris Johnson (Konservative) am Freitagabend vor einer Sitzung des Nationalen Krisenstabs (Cobra).

          Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan von der oppositionellen Labour-Partei hinterfragte, ob die zuständigen Behörden ausreichend Mittel zur Verfügung gehabt hätten, um gefährliche Personen zu überwachen. Unklar ist, wie das Thema den laufenden Wahlkampf beeinflussen wird. Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Für Samstag wurden mehrere Wahlkampfveranstaltungen abgesagt.

          Der 28 Jahre alte Usman Khan hatte der Tageszeitung „The Times“ zufolge einen Anschlag auf die Londoner Börse geplant, bevor er 2012 zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Außerdem wollte er demnach im pakistanischen Teil Kaschmirs ein Trainingscamp für Terroristen aufbauen. Er war bereits im Dezember 2018 unter Bewährungsauflagen auf freien Fuß gekommen, wie die Polizei mitteilte. Dem „Times“-Bericht zufolge trug er eine elektronische Fußfessel.

          Nach Mittätern fahndete die Polizei zunächst nicht. Es werde aber mit Hochdruck ermittelt, um herauszufinden, ob weitere Personen an der Tat beteiligt waren, hieß es in einer Mitteilung von Scotland Yard. Eine Wohnung in der Grafschaft Staffordshire in Mittelengland wurde im Rahmen der Ermittlungen durchsucht. Die Polizei twitterte, die umfangreichen Absperrungen würden wohl noch einige Zeit in Kraft bleiben. Die Öffentlichkeit solle die Gegend meiden.

          Bürger stoppten Attentäter

          Begonnen hatte der Angriff am Freitag der Polizei zufolge in der Fishmonger’s Hall, wo der Attentäter an einer Konferenz über Resozialisierung der Universität Cambridge mit dem Titel „Learning Together“ (Gemeinsam lernen) teilgenommen hatte. Er endete auf der London Bridge, wo Usman Khan von der Polizei erschossen wurde. Er trug einen Sprengstoffgürtel, der sich später als Attrappe herausstellte.

          Berichten zufolge hatte der 28 Jahre alte Mann gedroht, die Fishmonger’s Hall, die ehemalige Halle der Fischhändler-Gilde in der City of London, in die Luft zu sprengen. Dort soll er begonnen haben, auf Menschen einzustechen. Er wurde dem „Times“-Bericht zufolge von einer Reihe von Männern in Richtung London Bridge verfolgt. Einer versuchte demnach, dem Attentäter mit einem Feuerlöscher ins Gesicht zu sprühen, ein anderer hatte sich den Stoßzahn eines Narwals geschnappt, das in der Gilde-Halle als Verzierung an der Wand hing. Gemeinsam soll es ihnen gelungen sein, dem Attentäter zwei Messer zu entwenden, die er mit Klebeband an seiner Hand befestigt hatte. Polizisten trennten schließlich die ringenden Männer und schossen auf Usman Khan, wie auf Videos zu sehen war, die im Internet kursierten.

          Nun müsse man herausfinden, wie Usman Khan das Attentat ausführen konnte, sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Ermittler, Neil Basu. Laut der Tageszeitung „The Guardian“ hatte der Richter bei Khans Verurteilung dessen Pläne als „ernsthaftes, langfristiges Projekt“ bezeichnet und gewarnt, der Mann könne ein dauerhaftes Risiko für die Öffentlichkeit darstellen. Usman Khan habe zu neun Extremisten gehört, die 2012 verurteilt worden seien. Er sei mit 19 Jahren der Jüngste der Gruppe gewesen.

          Böse Erinnerungen an den Sommer 2017

          Ursprünglich sollte Usman Khan nicht wieder freigelassen werden, es sei denn, er werde nicht mehr als Bedrohung angesehen. Diese Bedingung sei später aufgehoben worden.

          Der Anschlag weckt böse Erinnerungen an den Sommer 2017. Damals starben in der britischen Hauptstadt acht Menschen, als Terroristen mit einem Transporter erst drei Menschen auf der London Bridge umfuhren und anschließend fünf weitere am Borough Market erstachen. Polizisten erschossen die drei Täter. Im März desselben Jahres fuhr ein Angreifer mit einem Auto auf der Westminster Bridge in mehrere Fußgänger, vier Passanten starben. Der Mann erstach zudem einen Polizisten, ehe er von Beamten erschossen wurde.

          Terroranschläge in Großbritannien

          Schon vor der Attacke auf der London Bridge war
          Großbritannien wiederholt Ziel von Terroranschlägen. Die Fälle der
          vergangenen drei Jahre:

          31. Dezember 2018: Bei einer Messerattacke verletzt ein 25 Jahre alter Mann
          an einer Tramstation in Manchester drei Menschen. Es wird wegen
          Terrorismus ermittelt. Das Urteil gegen den Niederländer somalischer
          Herkunft: mindestens elf Jahre Gefängnis.

          14. August 2018: Ein 29 Jahre alter Mann rast vor dem Londoner Parlament mit
          dem Auto in Radfahrer, Fußgänger und Polizisten. Mehrere Menschen
          werden verletzt. Der Brite sudanesischer Herkunft wird unter anderem
          wegen Terrorverbindungen zu mindestens 15 Jahren Haft verurteilt.

          15. September 2017: In einer Londoner U-Bahn geht eine selbstgebaute
          Bombe hoch und verletzt mehr als 50 Menschen. Der Täter, ein junger
          Flüchtling aus dem Irak, muss für mindestens 34 Jahre hinter Gitter.

          19. Juni 2017: Nahe einem muslimischen Gebetshaus in London steuert
          ein Rechtsterrorist seinen Lieferwagen in eine Menschenmenge. Ein
          Toter, mehrere Verletzte. Sein Motiv: Hass gegen Muslime. Der Brite aus
          dem walisischen Cardiff kommt für mindestens 43 Jahre ins Gefängnis.

          3. Juni 2017: Mit einem Transporter töten Terroristen erst drei
          Menschen auf der London Bridge und erstechen dann fünf weitere am
          Borough Market. Polizisten erschießen die drei Täter. Die Terrormiliz
          „Islamischer Staat“ (IS) reklamiert die Attacke für sich.

          22. Mai 2017: Bei einem Bombenanschlag nach einem Popkonzert von
          Teenie-Star Ariana Grande in Manchester reißt ein britischer,
          islamistischer Attentäter 22 Menschen mit sich in den Tod.

          22. März 2017: Auf der Westminster Bridge in London überfährt ein
          britischer IS-Anhänger vier Fußgänger und ersticht vor dem Parlament
          einen unbewaffneten Polizisten, bevor er erschossen wird. (dpa)

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