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Terror in Russland : Einsamkeit fern der perspektivlosen Heimat

Der mutmaßliche Attentäter Akbarschon Dschalilow soll aus Kirgistan kommen – das zentralasiatische Land behauptet aber, er sei „ethnischer Usbeke“. Bild: AFP

Der Anschlag lenkt den Blick auf junge Männer mit zentralasiatischem Hintergrund. Viele junge Tadschiken, Kirgisen, Usbeken reisen über Russland in den „Dschihad“. Was macht sie so anfällig für Hassprediger?

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          Damit eines klar ist: „Uns bricht man nicht!“ So lautet, schwarz auf weiß und mit Trauerrand, eine von vielen Botschaften, welche die Petersburger vor die beiden U-Bahn-Stationen gelegt haben, zwischen denen ein Sprengsatz in einem Zug der Linie M2 mindestens 14 Menschen in den Tod riss. Die Zettel umrahmen Kerzen und Sträuße aus Nelken und Rosen. Das improvisierte Gedenken an die Toten und Verletzten, von denen am Dienstag noch 50 in Krankenhäusern behandelt werden, ist auch Ausdruck von Stolz und Selbstbehauptung. St. Petersburg, die Stadt, die als Leningrad der deutschen Vernichtungsblockade im Zweiten Weltkrieg trotzte, will sich dem Terror nicht beugen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          „Zu Hause wird das Thema natürlich diskutiert, man fühlt ein gewisses Unbehagen in der Lage. Aber man muss verstehen: Wir leben in einer Megapolis, mit inneren Problemen und Situationen muss man fertig werden. Herzliches Beileid, aber auch wenn sich das schrecklich anhört: Das Leben geht weiter. Man muss leben.“ Auf diese Formel bringt es ein Passant vor der Kamera des Nachrichtenportals „Fontanka.ru“. Nur einen Tag später läuft der U-Bahn-Verkehr der Stadt wieder, wenn auch zunächst mit etwas weniger Passagieren als sonst an einem Werktag in der Fünf-Millionen-Metropole. Es wird mehr kontrolliert, und am Morgen werden zwei Stationen kurz gesperrt. Ein herrenloser Gegenstand, heißt es.

          Am Anschlagstag, um kurz vor 23 Uhr, taucht auch Präsident Wladimir Putin an einer der beiden Spontangedenkstätten auf. Fernsehbilder vom U-Bahnhof „Technologisches Institut“ zeigen, wie seine schwarze Mercedes-Limousine vorfährt, flankiert von den dunklen Volkswagen-Kleinbussen seiner Leibwächter. Einige Beschützer schwärmen aus, dann steigt der Präsident aus und legt einen Strauß roter Blumen zu den anderen. Er blickt kurz auf die Kerzen, sagt auf eine Journalistenbitte nach einem „Kommentar zur Situation“ nichts und geht wieder.

          Putin ist mit Weißrussland beschäftigt

          Kurz zuvor haben Russlands Nachrichtenportale, die seit Stunden im Minutentakt Neues zum Terror melden, trocken vermerkt, dass Putin nach einem fünfstündigen Gespräch mit dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenka zwar eine Einigung im Öl- und Gasstreit beider Länder verkündet, aber mit keinem Wort den Terror in seiner Heimatstadt erwähnt hat. Nur vor dem Gespräch mit Lukaschenka hatte Putin knapp etwas über Beileid, Hilfe und abzuwartende Ermittlungsergebnisse gesagt. Am Abend ist es dann an dem Gast aus Minsk, vor der Presse „über die Sicherheit“ zu sprechen, doch „nicht nur im Zusammenhang mit diesem unglücklichen Fall“, dem Anschlag. Er, Lukaschenka, wolle „nichts konkretisieren, Sie sehen, was ringsum geschieht. Wir wollen einfach die Stabilität Russlands und Weißrusslands bewahren, es gibt doch zu wenige stille, ruhige Punkte auf der Welt. Wir haben uns über gemeinsame Handlungen zur Bewahrung unserer Sicherheit, unserer Staaten verständigt.“

          Klar wird, dass es in dem Gespräch neben Rohstofffragen weniger um Terrorgefahren für die „Brudervölker“ gegangen sein muss, sondern um die Proteste gegen Korruption und Wirtschafsmisere, die die Mächtigen in Minsk und Moskau zuletzt herausgefordert haben.

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