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Frankreich in Schockstarre : Mitten ins Herz

Tausende Trauernde versammeln sich am Mittwochabend auf dem Place de la Republique in Paris. Bild: AFP

Frankreich in Schockstarre. Mit fassungslosen Mienen stehen Polizisten, Sanitäter und Journalisten vor dem Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Von „außergewöhnlicher Barbarei“ spricht Präsident Hollande. Zehntausende bekunden ihre Solidarität im Internet, Tausende versammeln sich zur Trauer in Paris.

          7 Min.

          Von „außergewöhnlicher Barbarei“ spricht François Hollande und die Worte des Präsidenten stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben, die sich am Mittwochmittag in der schmalen Rue Nicolas Appert in Paris drängen. Polizisten in Uniform und Zivil, Rettungskräfte in Weiß und Orange, Journalisten, Nachbarn und Schaulustige stehen mit ernsten, fassungslosen Mienen in der Nähe des Redaktionssitzes des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ mit der Hausnummer 10. Der Präsident ist in Begleitung Innenministers Bernard Cazeneuve und der Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, zum Tatort geeilt, um das Entsetzen auszudrücken, welches das ganze Land nach dem Blutbad in der Redaktion erfasst hat.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Von „einem Schock“ spricht Hollande und davon, dass es keinen Zweifel daran geben könne, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, mitten in Paris, im 11. Arrondissement. „Wir haben den Propheten gerächt“, brüllten die vermummten Täter, als sie das Feuer eröffneten, mit Kalaschnikows auf schutzlose Redaktionsmitglieder zielten.



          Noch ist der Kampfschrei der Mörder nur auf einem Amateurvideo zu hören, ebenso wie ein kriegerisches „Allah Akbar!“ (Allah ist groß). Es zweifelt aber niemand mehr daran, dass die Täter sich im Dschihad wähnen, wie im März 2012 Mohammed Merah, der in Toulouse und Montauban sieben Menschen tötete und wie Mehdi Nemmouche, der im Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss.

          Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Charlie Hebdo“
          Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ : Bild: dpa

          Der Anschlag trifft das Land in einer Stimmung, die so aufgeheizt ist wie schon lange nicht mehr. Am Vorabend hat der Schriftsteller Michel Houellebecq in den Hauptabendnachrichten im staatlichen Fernsehsender France 2 über den drohenden Krieg der Kulturen und die Machtergreifung eines muslimischen Präsidenten in Frankreich gescherzt, mit lautloser Stimme, als besonders originelle Werbung für sein am Mittwoch erschienenes Buch „Soumission“ (Unterwerfung).

          Eine Karikatur von Houellebecq ziert auch die Titelseite der am Mittwoch erschienenen Ausgabe von „Charlie Hebdo“, aus der Feder des Zeichners Luz, der die Attacke überlebte. „2015 verliere ich meine Zähne“, lässt Luz den Schriftsteller orakeln „2022 befolge ich den Ramadan“. Chefredakteur Charb hatte die Titelseite ausgewählt - jetzt ist er tot, ebenso wie die Zeichner Cabu, Tignous und Georges Wolinski, deren Zeichnungen und Karikaturen weit über Charlie Hebdo hinaus die französische Presse prägten. Auch der Journalist und Ökonom Bernard Maris ist unter den Opfern.

          „Wir haben Charlie Hebdo getötet“

          Sie einte der Wille, die Freiheit und insbesondere die Pressefreiheit nicht durch religiöse Vorschriften und Rücksichtnahmen einschränken zu lassen. „Wir haben Charlie Hebdo getötet“, sollen die Täter laut Augenzeugenberichten auf ihrer Flucht Boulevard Richard-Lenoir gebrüllt haben.

          Massaker : Video zeigt Attentäter in Paris

          Christophe Deloire vom Verein „Reporter ohne Grenzen“ sprach von einem „schwarzen Tag für den französischen Journalisten“. Ziel der Täter sei es, die Journalisten allgemein einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, sich selbst zu zensieren. Ein Journalist der Zeitung „Libération“, welche die Redaktion von Charlie Hebdo nach einem Brandanschlag vorübergehend beherbergt hatte, sagte, damit hätten die Mörder leider eine bittere Wahrheit ausgesprochen. Nach dem Verlust ihrer berühmtesten und begabtesten Zeichner werde die satirische Wochenzeitung nicht mehr die gleiche sein.

          Präsident Hollande erinnert vor dem Redaktionssitz daran, dass es jetzt für Frankreichs ums Ganze geht: um die Freiheit, die Freiheit einer großen, alten Demokratie. Auch Oppositionschef Nicolas Sarkozy (UMP) spricht von einem „Angriff auf die Demokratie“. Hollande ermahnt seine Landsleute, in solch schwieriger Zeit zusammenzustehen. „Noch nie war die Terrorgefahr so hoch wie jetzt“, sagt er.

          Der Antiterrorplan „Vigipirate“ wird im Großraum Paris auf die höchste Stufe (akute Attentatsgefahr) gesetzt, die Patrouillen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, an Bahnhöfen und Flughäfen verstärkt, Kirchen und andere Kultstätten stehen unter erhöhtem Schutz, Schulklassen dürfen keine Ausflüge mehr machen, selbst die Paradewachen vor dem Elysée-Palast werden abgezogen. Alle Presseunternehmen sind aufgerufen, besonders wachsam zu sein.

          „Charlie Hebdo“ stand eigentlich schon lange unter besonderem Polizeischutz. Das Magazin erscheint seit 1992, der Name geht auf die Comicfigur Charlie Brown von den „Peanuts“ zurück. 2006 gehörte „Charlie Hebdo“ zu den wenigen Zeitschriften, welche die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands Posten nachdruckten, erweitert um eigene Karikaturen über Muslime. Der Französische Islamrat (CFCM) strengte damals eine Klage an, vor Gericht erreichte die Redaktion jedoch einen Freispruch. Frühzeitig warnte die Redaktion vor dem Islamismus als weltweite totalitäre Bedrohung.

          Die Redakteure, alle von der libertären Tradition der Achtundsechziger-Bewegung geprägt, richteten sich dabei nicht prinzipiell gegen den Islam. Vielmehr sahen sie sich als Anwälte der Laizität, der Trennung von Staat und Religion und verwehrten sich gegen jegliche Einmischungsversuche religiöser Instanzen. Auch über die Würdenträger der Katholischen Kirche ließen sie ihren Spott ergehen, wenn diese dazu Gelegenheiten boten. Aber sie stellten fest, dass die Intoleranz immer häufigen von islamistischen Gruppen ausging.

          Drohungen und ein Brandanschlag

          Im März 2006 veröffentlichte die Wochenzeitung ein „Manifest der 12“ gegen den Islamismus, das unter anderem Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali unterzeichneten. Im November 2011 erschien die Zeitung mit einem „Scharia Hebdo“ betitelten Sonderheft zum Wahlerfolg der islamischen Ennahda-Partei in Tunesien an den Kiosken. Kurze Zeit später wurde das Redaktionsgebäude bei einem Brandanschlag schwer beschädigt. Auch der Internetauftritt des Blattes wurde Opfer von Hackern, die ein Mekka-Bild und Koranverse unter die Webanschrift von „Charlie Hebdo“ stellten.

          Schon damals sagte Chefredakteur Charb, das er seit Monaten Droh-E-Mails erhalte. Der Anschlag wurde nie aufgeklärt. Im September 2012 machte „Charlie Hebdo“ abermals von sich reden, weil das Blatt neue Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Der jetzt ermordete Chefredakteur Charb verteidigte damals die Entscheidung: „Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles jede Woche. Wenn es aber um den Propheten geht, wird es Provokation genannt. Erst darf man nicht Mohammed zeichnen, dann nicht mehr einen radikalen Muslim, und jedes Mal wird es heißen: Das ist eine Provokation für einen Muslim. Ist die Pressefreiheit eine Provokation?“. Zuletzt druckte Charlie Hebdo im Januar 2013 eine Comic-Biographie von Mohammed. Das iranische Mullah-Regime protestierte dagegen und bezeichnete das Heft als „Teil einer zionistischen Islamophobie-Kampagne“.

          Attentat offenbar lange geplant

          Präsident Hollande hatte am Mittwoch eigentlich die höchsten Repräsentanten der Religionen empfangen wollen, um ihnen seine Neujahrswünsche zu übermitteln. Gewöhnlich geht von diesem Treffen eine Friedensbotschaft aus und der Wunsch, das einvernehmliche Zusammenleben zwischen den sechs Millionen Muslimen, den etwa eine halbe Million Juden und den Christen in Frankreich zu betonen.

          Am Mittwoch findet auch die wöchentliche Redaktionssitzung bei Charlie Hebdo statt, zu der alle Zeichner und Redaktionsmitglieder erscheinen. Das deutet darauf hin, dass die Täter den Tag ihres Anschlags langfristig geplant hatten. Eine Augenzeugin, die den Tätern unter Waffengewalt den Eingangscode zum Redaktionsgebäude mitteilte, sagte, die Männer hätten „perfekt Französisch gesprochen“.

          Ort des Anschlags in Paris und Fluchtweg der Täter
          Ort des Anschlags in Paris und Fluchtweg der Täter : Bild: F.A.Z.

          Sie waren gänzlich in Schwarz gekleidet und hatten ihr Gesicht vermummt. Um 11Uhr 30 entstiegen sie einem schwarzen Citroen und drangen zunächst ins Nachbarhaus, dann in den Redaktionssitz ein. Zehn Minuten lang sollen sie laut Augenzeugenberichten kaltblütig auf die Redaktionsmitglieder geschossen haben, bis niemand mehr aufrecht stand. Auf ihrer Flucht töteten sie einen schon am Boden liegenden Polizisten. Ein weiterer Polizeibeamter wurde noch am Tatort erschossen.

          Die Irrfahrt der Täter im Citroen endete 11Uhr 45 in der Rue Sadi-Lecointe, nachdem sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren hatten. Sie setzten ihre Fahrt in einem anderen Auto, vermutlich ein Renault Clio in den Norden der Hauptstadt fort. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

          „Radikalisierung über das Internet“

          Die Sicherheitskräfte befürchten, dass es sich wie im Fall Mohamed Merah und im Fall Mehdi Nemmouche um Täter handeln können, die nicht einer größeren Terrorzelle angehören. Die französischen Geheimdienste, die sich im Kampf gegen den organisierten islamistischen Terror in den neunziger Jahren bewährt hatten, befinden sich in einer Krise.

          Anfang der Neunziger Jahre hatte eine Welle von Attentaten das Land erschüttert. Am 25. Juli 1995 wurde bei einer Bombenexplosion im Untergrundbahnhof Saint-Michel-Notre-Dame acht Menschen getötet und 117 weitere verletzt. Die der algerischen Gruppe GIA zugehörigen Bombenleger wurden schnell identifiziert. „Über das Internet hat sich die Radikalisierung beschleunigt. Attentate sind nicht mehr das Ergebnis langer Vorbereitung. Wir fürchten am meisten isolierte Terroristen, die ohne ein größeres Netzwerk vorgehen und fast nie vor ihrer Tat auffallen“, sagte der frühere Geheimdienstchef Bernard Squarcini kürzlich.

          Nemmouche war nur zufällig bei einer Routine-Zollkontrolle gefasst worden. Auch Merah war trotz einer Überwachung nicht aufgefallen, bevor er zur Tat schritt. Die Gefahr, die durch Syrien-Rückkehrer ausgeht, war von staatlicher Seite immer betont worden. Doch schon seit langem wird darüber gestritten, ob die Regierung im Kampf gegen den Terror genügend Mittel zur Verfügung stellt.

          Die heftigste Kritik an der Sicherheitspolitik übte stets die FN-Vorsitzende Marine Le Pen. Sie sagte am Mittwoch, es handele sich eindeutig um einen Anschlag „islamistischer Fundamentalisten“. Die Terroristen seien mit großer, beinahe militärischer Professionalität vorgegangen. Es sei an der Zeit, die Anti-Terror-Politik der Regierung zu hinterfragen. Le Pen hatte wiederholt vor „hunderten von Mohamed Merahs“ gewarnt, die nur darauf warteten, sich an Frankreich zu rächen.

          Ein Ausschnitt aus einem Amateurvideo zeigt zwei Täter bei ihrem Terroranschlag in Paris. Bilderstrecke
          Paris : Mindestens zwölf Tote bei Anschlag auf Satirezeitschrift

          Im Internet und über Twitter bekundeten zehntausende Franzosen ihre Solidarität mit der Redaktion von „Charlie Hebdo“. „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) überschrieben sie ihre Solidaritätsbekundungen. Der sozialistische Parteivorsitzende Jean-Christophe Cambadélis rief zu einem „Marsch der Republik-Anhänger“ auf, sobald dies - angesichts der Anschlagsgefahr - möglich sei. Auch die Grünen und die Kommunisten wollen bei der Demonstration mitmachen. Es sei wichtig, dass jetzt alle Freunde der Meinungsfreiheit zusammen rückten. Auch die wichtigsten Stimmen der Opposition riefen zur nationalen Einheit auf. „Angesichts dieses schrecklichen Terroranschlags müssen wir wie ein Block zusammenstehen“, mahnte der frühere Premierminister Alain Juppé. Der UMP-Vorsitzende Nicolas Sarkozy sagte, Frankreich dürfe sich den Angriff auf die Meinungsfreiheit und seine Werte nicht bieten lassen. Es müsse alles daran gesetzt werden, die Täter so schnell wie möglich zu fassen. Der französische Islamrat CFCM verurteilte den „barbarischen Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit“. „Das sind keine Muslime. Das sind Leute, die aus der Hölle kommen“, sagte der Imam von Drancy, Hassen Chalghoumi. In Bordeaux, Lyon, Marseille, Paris, aber auch in kleineren Städten kamen Franzosen noch am Mittwoch zu Schweigeminuten für die Opfer des Anschlags zusammen. Die Trikolore-Fahnen vor den öffentlichen Gebäuden wurden auf Halbmast gehisst. „Frankreich ist ins Herz getroffen worden“, sagte Premierminister Manuel Valls.

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