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Frankreich in Schockstarre : Mitten ins Herz

Tausende Trauernde versammeln sich am Mittwochabend auf dem Place de la Republique in Paris. Bild: AFP

Frankreich in Schockstarre. Mit fassungslosen Mienen stehen Polizisten, Sanitäter und Journalisten vor dem Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Von „außergewöhnlicher Barbarei“ spricht Präsident Hollande. Zehntausende bekunden ihre Solidarität im Internet, Tausende versammeln sich zur Trauer in Paris.

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          Von „außergewöhnlicher Barbarei“ spricht François Hollande und die Worte des Präsidenten stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben, die sich am Mittwochmittag in der schmalen Rue Nicolas Appert in Paris drängen. Polizisten in Uniform und Zivil, Rettungskräfte in Weiß und Orange, Journalisten, Nachbarn und Schaulustige stehen mit ernsten, fassungslosen Mienen in der Nähe des Redaktionssitzes des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ mit der Hausnummer 10. Der Präsident ist in Begleitung Innenministers Bernard Cazeneuve und der Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, zum Tatort geeilt, um das Entsetzen auszudrücken, welches das ganze Land nach dem Blutbad in der Redaktion erfasst hat.

          Michaela Wiegel
          (mic.), Politik

          Von „einem Schock“ spricht Hollande und davon, dass es keinen Zweifel daran geben könne, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, mitten in Paris, im 11. Arrondissement. „Wir haben den Propheten gerächt“, brüllten die vermummten Täter, als sie das Feuer eröffneten, mit Kalaschnikows auf schutzlose Redaktionsmitglieder zielten.



          Noch ist der Kampfschrei der Mörder nur auf einem Amateurvideo zu hören, ebenso wie ein kriegerisches „Allah Akbar!“ (Allah ist groß). Es zweifelt aber niemand mehr daran, dass die Täter sich im Dschihad wähnen, wie im März 2012 Mohammed Merah, der in Toulouse und Montauban sieben Menschen tötete und wie Mehdi Nemmouche, der im Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss.

          Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Charlie Hebdo“
          Das Titelblatt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ : Bild: dpa

          Der Anschlag trifft das Land in einer Stimmung, die so aufgeheizt ist wie schon lange nicht mehr. Am Vorabend hat der Schriftsteller Michel Houellebecq in den Hauptabendnachrichten im staatlichen Fernsehsender France 2 über den drohenden Krieg der Kulturen und die Machtergreifung eines muslimischen Präsidenten in Frankreich gescherzt, mit lautloser Stimme, als besonders originelle Werbung für sein am Mittwoch erschienenes Buch „Soumission“ (Unterwerfung).

          Eine Karikatur von Houellebecq ziert auch die Titelseite der am Mittwoch erschienenen Ausgabe von „Charlie Hebdo“, aus der Feder des Zeichners Luz, der die Attacke überlebte. „2015 verliere ich meine Zähne“, lässt Luz den Schriftsteller orakeln „2022 befolge ich den Ramadan“. Chefredakteur Charb hatte die Titelseite ausgewählt - jetzt ist er tot, ebenso wie die Zeichner Cabu, Tignous und Georges Wolinski, deren Zeichnungen und Karikaturen weit über Charlie Hebdo hinaus die französische Presse prägten. Auch der Journalist und Ökonom Bernard Maris ist unter den Opfern.

          „Wir haben Charlie Hebdo getötet“

          Sie einte der Wille, die Freiheit und insbesondere die Pressefreiheit nicht durch religiöse Vorschriften und Rücksichtnahmen einschränken zu lassen. „Wir haben Charlie Hebdo getötet“, sollen die Täter laut Augenzeugenberichten auf ihrer Flucht Boulevard Richard-Lenoir gebrüllt haben.

          Massaker : Video zeigt Attentäter in Paris

          Christophe Deloire vom Verein „Reporter ohne Grenzen“ sprach von einem „schwarzen Tag für den französischen Journalisten“. Ziel der Täter sei es, die Journalisten allgemein einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, sich selbst zu zensieren. Ein Journalist der Zeitung „Libération“, welche die Redaktion von Charlie Hebdo nach einem Brandanschlag vorübergehend beherbergt hatte, sagte, damit hätten die Mörder leider eine bittere Wahrheit ausgesprochen. Nach dem Verlust ihrer berühmtesten und begabtesten Zeichner werde die satirische Wochenzeitung nicht mehr die gleiche sein.

          Präsident Hollande erinnert vor dem Redaktionssitz daran, dass es jetzt für Frankreichs ums Ganze geht: um die Freiheit, die Freiheit einer großen, alten Demokratie. Auch Oppositionschef Nicolas Sarkozy (UMP) spricht von einem „Angriff auf die Demokratie“. Hollande ermahnt seine Landsleute, in solch schwieriger Zeit zusammenzustehen. „Noch nie war die Terrorgefahr so hoch wie jetzt“, sagt er.

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