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Frankreich in Schockstarre : Mitten ins Herz

Ort des Anschlags in Paris und Fluchtweg der Täter
Ort des Anschlags in Paris und Fluchtweg der Täter : Bild: F.A.Z.

Sie waren gänzlich in Schwarz gekleidet und hatten ihr Gesicht vermummt. Um 11Uhr 30 entstiegen sie einem schwarzen Citroen und drangen zunächst ins Nachbarhaus, dann in den Redaktionssitz ein. Zehn Minuten lang sollen sie laut Augenzeugenberichten kaltblütig auf die Redaktionsmitglieder geschossen haben, bis niemand mehr aufrecht stand. Auf ihrer Flucht töteten sie einen schon am Boden liegenden Polizisten. Ein weiterer Polizeibeamter wurde noch am Tatort erschossen.

Die Irrfahrt der Täter im Citroen endete 11Uhr 45 in der Rue Sadi-Lecointe, nachdem sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren hatten. Sie setzten ihre Fahrt in einem anderen Auto, vermutlich ein Renault Clio in den Norden der Hauptstadt fort. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

„Radikalisierung über das Internet“

Die Sicherheitskräfte befürchten, dass es sich wie im Fall Mohamed Merah und im Fall Mehdi Nemmouche um Täter handeln können, die nicht einer größeren Terrorzelle angehören. Die französischen Geheimdienste, die sich im Kampf gegen den organisierten islamistischen Terror in den neunziger Jahren bewährt hatten, befinden sich in einer Krise.

Anfang der Neunziger Jahre hatte eine Welle von Attentaten das Land erschüttert. Am 25. Juli 1995 wurde bei einer Bombenexplosion im Untergrundbahnhof Saint-Michel-Notre-Dame acht Menschen getötet und 117 weitere verletzt. Die der algerischen Gruppe GIA zugehörigen Bombenleger wurden schnell identifiziert. „Über das Internet hat sich die Radikalisierung beschleunigt. Attentate sind nicht mehr das Ergebnis langer Vorbereitung. Wir fürchten am meisten isolierte Terroristen, die ohne ein größeres Netzwerk vorgehen und fast nie vor ihrer Tat auffallen“, sagte der frühere Geheimdienstchef Bernard Squarcini kürzlich.

Nemmouche war nur zufällig bei einer Routine-Zollkontrolle gefasst worden. Auch Merah war trotz einer Überwachung nicht aufgefallen, bevor er zur Tat schritt. Die Gefahr, die durch Syrien-Rückkehrer ausgeht, war von staatlicher Seite immer betont worden. Doch schon seit langem wird darüber gestritten, ob die Regierung im Kampf gegen den Terror genügend Mittel zur Verfügung stellt.

Die heftigste Kritik an der Sicherheitspolitik übte stets die FN-Vorsitzende Marine Le Pen. Sie sagte am Mittwoch, es handele sich eindeutig um einen Anschlag „islamistischer Fundamentalisten“. Die Terroristen seien mit großer, beinahe militärischer Professionalität vorgegangen. Es sei an der Zeit, die Anti-Terror-Politik der Regierung zu hinterfragen. Le Pen hatte wiederholt vor „hunderten von Mohamed Merahs“ gewarnt, die nur darauf warteten, sich an Frankreich zu rächen.

Ein Ausschnitt aus einem Amateurvideo zeigt zwei Täter bei ihrem Terroranschlag in Paris. Bilderstrecke
Paris : Mindestens zwölf Tote bei Anschlag auf Satirezeitschrift

Im Internet und über Twitter bekundeten zehntausende Franzosen ihre Solidarität mit der Redaktion von „Charlie Hebdo“. „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) überschrieben sie ihre Solidaritätsbekundungen. Der sozialistische Parteivorsitzende Jean-Christophe Cambadélis rief zu einem „Marsch der Republik-Anhänger“ auf, sobald dies - angesichts der Anschlagsgefahr - möglich sei. Auch die Grünen und die Kommunisten wollen bei der Demonstration mitmachen. Es sei wichtig, dass jetzt alle Freunde der Meinungsfreiheit zusammen rückten. Auch die wichtigsten Stimmen der Opposition riefen zur nationalen Einheit auf. „Angesichts dieses schrecklichen Terroranschlags müssen wir wie ein Block zusammenstehen“, mahnte der frühere Premierminister Alain Juppé. Der UMP-Vorsitzende Nicolas Sarkozy sagte, Frankreich dürfe sich den Angriff auf die Meinungsfreiheit und seine Werte nicht bieten lassen. Es müsse alles daran gesetzt werden, die Täter so schnell wie möglich zu fassen. Der französische Islamrat CFCM verurteilte den „barbarischen Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit“. „Das sind keine Muslime. Das sind Leute, die aus der Hölle kommen“, sagte der Imam von Drancy, Hassen Chalghoumi. In Bordeaux, Lyon, Marseille, Paris, aber auch in kleineren Städten kamen Franzosen noch am Mittwoch zu Schweigeminuten für die Opfer des Anschlags zusammen. Die Trikolore-Fahnen vor den öffentlichen Gebäuden wurden auf Halbmast gehisst. „Frankreich ist ins Herz getroffen worden“, sagte Premierminister Manuel Valls.

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