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Terroranschlag in Neuseeland : Das Ende der Unschuld

Die neuseeländische Flagge Bild: AFP

Ein höchstwahrscheinlich rechtsextremistisch motivierter Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch erschüttert Neuseeland. Dort wähnte man sich bislang auf einer Insel der Seligen.

          Der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch trifft die Neuseeländer mitten ins Mark. Von einem „gut geplanten“ Angriff sprach die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern in einer eilig anberaumten Pressekonferenz. Laut Polizei sind insgesamt 49 Menschen ums Leben bekommen. Demnach wurden 41 Menschen in einer Moschee in der Deans Avenue getötet. Weitere sieben Personen kamen in einer Moschee in der Linwood Avenue ums Leben.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          In einem Auto fand die Polizei zwei Sprengsätze, die aber rechtzeitig entschärft werden konnten. „Dies war ein Akt außergewöhnlicher und beispielloser Gewalt. Dafür gibt es in Neuseeland keinen Platz. Es ist einer der schwärzesten Tage für Neuseeland“, sagte die Premierministerin. In den sozialen Netzwerken teilten Nutzer Bilder von Kerzen, neuseeländischen Flaggen vor schwarzem Hintergrund und das Bild eines weinenden Kiwi-Vogels, um ihrer Erschütterung zum Ausdruck zu bringen.

          Die Regierungschefin wies darauf hin, dass ein großer Teil der Opfer Migranten seien. „Neuseeland ist ihr Zuhause. Sie gehören zu uns. Für die Person oder die Leute, die diesen Akt beispielloser Gewalt verübt haben, gilt das nicht“, sagte Ardern. Ihr zufolge gebe es keinen Zweifel daran, dass es sich bei der Attacke um einen Terroranschlag gehandelt habe. Als Motiv wird Fremdenhass vermutet.

          „Diese Leute, die ich als extremistischem Gedankengut anhängend bezeichnen würde, haben keinerlei Platz in Neuseeland und tatsächlich auch nicht auf der Welt“, sagte Ardern. Ihr zufolge seien vier Personen verhaftet worden. Der Hauptverdächtige soll ein gebürtiger Australier sein. Dies hat der australische Premierminister Scott Morrison bestätigt. Bei dem Mann handele es sich um einen „rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen“.

          Unklar ist derzeit, wie die anderen drei Personen mit dem Anschlag in Zusammenhang stehen. Sollten sich die vorläufigen Ermittlungsergebnisse bewahrheiten, dann wäre dies einer der schwersten Anschläge mit rechtsextremistischem Hintergrund seit Jahren. Aufgrund der hohen Zahl der Opfer zogen in den sozialen Medien viele die Parallele zu dem norwegischen Attentäter Anders Breivik, der bei Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya im Jahr 2011 zahlreiche Menschen getötet hatte.

          Wie der Norweger soll einer der Täter im Internet ein rechtsextremistisches Pamphlet veröffentlicht haben. Der 28 Jahre alte Australier soll bei dem Anschlag zudem eine Kamera getragen haben, mit der er live Bilder ins Internet übertrug. Die Aufnahmen kursierten eine Zeit lang auf verschiedenen Webseiten. Die Polizei rief dazu auf, die „extrem verstörenden Aufnahmen“ nicht zu teilen. „Wir arbeiten daran, dass die Aufnahmen gelöscht werden“, teilte sie mit. 

          Das Blutbad trifft die Neuseeländer besonders hart, weil sie sich bisher auf einer Art Insel der Seligen fühlen konnten. Bei einer Bevölkerungsgröße von nicht einmal fünf Millionen Einwohnern gibt es ein Gefühl des Zusammenhalts. Die Mordrate ist niedrig, der Lebensstandard hoch und selbst unter Fremden spricht man sich üblicherweise mit dem Vornamen an. Auch Politiker sind für ihre Wähler in der Regel in den meisten Lebenslagen ansprechbar.

          Diese Sicherheit hatte allerdings schon am gestrigen Donnerstag einen Rückschlag erlitten, als der Grünen-Politiker und Klimaschutz-Minister James Shaw auf offener Straße von einem unbekannten Mann attackiert worden war. „Wenn sie in Neuseeland in die Politik gehen, dann erwarten sie so etwas einfach nicht“, sagte die Premierministerin nach dem Zwischenfall. Hinweise, wonach es womöglich einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen geben könnte, gibt es bisher nicht.  

          Die Hoffnung, dass Neuseeland allein schon wegen seiner isolierten Lage im Süden des pazifischen Ozeans weit weg von allen Übeln liegt, ließ sich in Zeiten der Globalisierung sowieso kaum noch aufrechterhalten. Wie in vielen Ländern des Westens hat sich die Einwanderung auch im Land der „Kiwis“ seit einigen Jahren zu dem Thema entwickelt, das die Bevölkerung am stärksten zu spalten scheint.

          So regiert die Sozialdemokratin Ardern in einer Koalition mit der Mitte-rechts-Partei „New Zealand First“, die einer zunehmenden Einwanderung zumindest skeptisch gegenüber steht. Ardern setzt sich für eine kontrollierte Einwanderung ein. Demnach sollen nur so viele neue Migranten aufgenommen werden, dass das Land sie ohne große Probleme integrieren und mit Arbeitsplätzen, Wohnraum und Sozialleistungen versorgen kann.

          Schon jetzt hat die Attacke das Leben der Neuseeländer verändert. Die Premierministerin sagte in ihrer Stellungnahme, Neuseeland biete Menschen mit Hassgedanken keinen sicheren Hafen. Neuseeland sei eine „stolze Nation“ mit 200 Ethnien und 160 Sprachen. Das Land stehe für Diversität, Güte und Mitgefühl. „Und diese Werte können und werden nicht durch die Attacke erschüttert werden“, sagte die Regierungschefin.

          Sie verurteilte die Ideologie der Angreifer. „Ihr habt euch uns ausgesucht – aber wir weisen euch vollkommen ab und verurteilen euch“, sagte Ardern mit steinerner Miene. Die erst 38 Jahre alte Regierungschefin fand die richtigen Worte. Aber diese dürften erst der Anfang eines langen Prozesses werden, mit dem Neuseeland den Angriff vom Freitag verarbeiten wird.

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