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Rätselraten über entführten Deutschen : Terrorakt, Familienstreit oder Inszenierung?

Was genau geschah in Herat? Bild: dpa

Im Fall des in Afghanistan entführten Deutschen Harald K. herrscht in Kabul und Berlin weiter Rätselraten. Neben kriminellen und familiären Motiven schließt die afghanische Polizei inzwischen auch einen terroristischen Hintergrund nicht mehr aus. Der per Haftbefehl gesuchte K. könnte die Entführung aber auch inszeniert haben.

          Im Fall des in Afghanistan entführten Deutschen Harald K. herrschte am Dienstag in Kabul weiter Rätselraten über die Motive der Täter. Neben kriminellen und familiären Gründen schloss die afghanische Polizei auch einen terroristischen Hintergrund nicht aus.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Eine Einheit der Anti-Terror-Abteilung der Polizei sei für Ermittlungen und mögliche Verhandlungen in die Provinz Herat entsandt worden, hieß es in Polizeikreisen in Kabul. In der westafghanischen Provinz war der zum Islam konvertierte Harald K. am Sonntagnachmittag von Bewaffneten aus seinem Auto gezerrt worden. „Das Gebiet liegt nahe der iranischen Grenze. Dort gibt es kriminelle Aktivitäten, Drogenhandel, terroristische Aktivitäten, iranische Spione“, sagte ein ranghoher Polizeibeamter. Denkbar sei aber auch ein Familienkonflikt. „Die Hintergründe sind nicht klar“, sagte der Beamte. Die Entführer hätten keine Forderungen gestellt.

          „Es ist ein Familienkonflikt“

          Mehrere Sicherheitsexperten in Kabul hielten eher einen familiären Hintergrund der Tat für wahrscheinlich. Harald K. ist mit einer Afghanin verheiratet, die dem Vernehmen nach vor der Hochzeit mit einem afghanischen Mann (angeblich ihr Cousin) verlobt gewesen sein soll.

          Dieses undatierte Foto zeigt Harald K. bei seiner Hochzeit in Afghanistan

          „Es ist ein Familienkonflikt“, zeigte sich ein afghanischer Sicherheitsexperte überzeugt. „Er ist Muslim geworden. Er ist Afghane. Er arbeitet nicht für eine humanitäre Organisation. Warum sollten die Taliban ihn entführen?“ Lokale Quellen hätten ihm berichtet, dass K. schon in der Vergangenheit von dem ehemaligen Verlobten bedroht worden sei. Auch im Falle eines Familienkonflikts sei jedoch nicht auszuschließen, dass kriminelle Gruppen oder politische Akteure an der Tat beteiligt seien. So sei es möglich, dass der in seiner Ehre gekränkte Verlobte sich aus Rache an Kriminelle gewendet habe, die sich ihrerseits einer politischen Rhetorik bedienen oder von Taliban für die Entführung Geld kassieren könnten. In Afghanistan sind Politisches, Finanzielles und Familiäres oft eng verknüpft.

          Der ehemalige Verlobte von K.s Frau sei zum Zeitpunkt der Hochzeit im Exil in Iran gewesen und erst kürzlich zurückgekehrt, sagte der afghanische Experte weiter. Ihm seien Fälle bekannt, in denen sich afghanische Männer nach ihrer Verlobung monate- oder jahrelang im Ausland aufhielten, ohne Kontakt mit der Familie ihrer Verlobten zu halten. So ließe sich erklären, dass die Familie ihre Tochter in der Zwischenzeit an den Deutschen verheiratet habe. Nach afghanischer Tradition müsste K. für den geprellten Verlobten eine andere Frau finden und alle Kosten übernehmen, die durch die Hochzeit entständen.

          „Er wusste, dass das nicht ungefährlich ist“

          Ein Bekannter des Entführten in Herat bestätigte, dass der aus Bayern stammende 42 Jahre alte Schreinermeister in der Vergangenheit mehrmals von familiären Schwierigkeiten im Zusammenhang mit seiner Hochzeit gesprochen habe: „Er wusste, dass das nicht ungefährlich ist.“ K. habe ihm allerdings vor längerer Zeit erzählt, dass er der Familie des Verlobten eine Abfindung gezahlt habe.

          Seine Frau war zum Zeitpunkt der Hochzeit 18 Jahre alt. „Er hatte das Gefühl, dass er in Deutschland nicht so erfolgreich war“, kommentierte K.s Bekannter dessen Entschluss, in Afghanistan zu bleiben. „Er war in einem Alter, in dem er sich entscheiden musste.“

          Ein Inszenierung?

          In Kabul wurde es derweil auch für möglich gehalten, dass der mehrfach wegen Betrugs vorbestrafte und per Haftbefehl gesuchte K. seine Entführung selbst inszeniert habe, um daran mitzuverdienen. Der Schreinermeister war 2003 trotz einer anhängigen Klage nach Afghanistan gereist und nicht zurückgekehrt.

          Damals arbeitete er für die deutsche Hilfsorganisation Grünhelme, die ihn inzwischen wegen Veruntreuung von rund 87.000 Euro Projektgeldern verklagt hat. Nach dem Ende des Projekts hatte K. in der Provinz Herat einen eigenen Betrieb für Holzverarbeitung aufgemacht. Deshalb halten Beobachter es auch für möglich, dass K. Opfer der florierenden Entführungsindustrie in der Wirtschaftsstadt Herat geworden sein könnte. Allein in diesem Jahr wurden in Herat nach offiziellen Angaben bereits 70 Geschäftsleute vorübergehend entführt. Häufig werden die Entführten nach Zahlung eines Lösegelds schnell wieder freigelassen.

          Denkbar ist schließlich auch, dass K. sich mit seinem Geschäftsgebaren Feinde gemacht haben könnte. Im Juni war schon einmal ein deutscher Geschäftsmann im Westen Afghanistans auf Geheiß seiner Geschäftpartner entführt worden, weil er seine Schulden nicht bezahlt hatte. „Harald ist in geschäftlichen Dingen nicht sehr zuverlässig“, sagte sein Bekannter.

          K. war nach offiziellen Angaben am Sonntagnachmittag auf dem Heimweg von seinem Haus im Grenzdistrikt Gulran in die Provinzhauptstadt Herat verschleppt worden. Seine Familie, die sich ebenfalls im Auto befand, sei von den Tätern beschimpft und weggeschickt worden.

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