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Terror in Spanien : Ein unheiliger Krieg zum Beginn der heiligen Woche

  • -Aktualisiert am

Terroristen lösen eine Explosion aus, als Polizisten ihr Versteck in Madrid stürmen Bild: AP

Der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. März ist bei einer Explosion getötet worden. Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen: Spanien ist vom Flucht- und Treffpunkt islamistischer Terroristen zu einem bevorzugten Tatort geworden.

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          Ein Polizist hörte den Ruf "Allah ist groß" oder "so etwas ähnliches". Ein anderer hörte das laute Zitieren von Koranversen. Das alles geschah inmitten eines wilden Schußwechsels zwischen islamistischen Terroristen und der spanischen Polizei. Als die Spezialeinheiten dann in der Nacht zum Sonntag in einem Madrider Vorort das Versteck stürmen wollten, kamen ihnen die Belagerten zuvor. Zwei zündeten Sprengstoffgürtel, die sie am Leib trugen. Die Bilanz: vier tote Terroristen, ein toter Polizist, drei Schwerverletzte und mehr als hundert erschrockene und jetzt obdachlose Nachbarn.

          In Spanien hat der Terrorismus arabischer Fanatiker nun für eine doppelte europäische Premiere gesorgt: das erste Massaker in den vier Vorortzügen am 11. März und die ersten Suizid-"Märtyrer". Das alles zum Auftakt der Osterreisewelle, in der etwa die Hälfte der spanischen Bevölkerung an den Strand oder aufs Land fährt und die ausländischen Touristen - mit jährlich rund fünfzig Millionen noch mehr als die 42 Millionen Einwohner des Landes - anzureisen beginnen.

          In- und Ausländer kamen schon am Freitag vor dem Karfreitag ins Stocken, als ein Sprengstoffanschlag auf den Hochgeschwindigkeitszug von Madrid nach Sevilla gerade noch vereitelt werden konnte. Einem aufmerksamen Bahnangestellten war es zu verdanken, daß die mit zwölf Kilogramm Dynamit gefüllte Plastiktüte zwischen den Gleisen - die gleiche Sorte, wie sie am 11. März und nun auch von den Selbstmördern verwendet wurde - entdeckt und unschädlich gemacht wurde. Der Schrecken der mehreren tausend auf der Strecke gestrandeten, in Madrid auf dem Unglückbahnhof Atocha festsitzenden oder mittelbar an anderen andalusischen Ferienorten betroffenen Passagiere verflog so leicht aber nicht.

          Im Madrider Stadtteil Leganes sprengen sich sieben flüchtige Täter in die Luft

          Polizei machte Fortschritte

          Ausgerechnet zu Beginn der Karwoche mit ihren feierlichen Prozessionen und bald folgenden Fiestas sehen sich die Spanier mit der furchterregenden Offensive eines "Heiligen Krieges" konfrontiert. Sie können nur hoffen, daß ihr amtierender Innenminister Ángel Acebes recht hat, wenn er am Sonntag nachmittag zuversichtlich sagte, daß "der zentrale Kern der Urheber der Attentate vom 11. März jetzt festgenommen oder tot" sei.

          Die Polizei hat tatsächlich bei der Aufklärung jenes Verbrechens bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Unter den vier toten Terroristen sind der Tunesier Sarhane Ben Abdelmajid Fakhet, der den Fahndern als "Kopf" und "Koordinator" gilt, sowie der Marokkaner Abdennabi Kounjaa. Beide standen auf der Liste sechs internationaler Haftbefehle, die der Madrider Ermittlungsrichter Juan del Olmo in der vorigen Woche ausgestellt hatte. Die Annahme, daß diese Gruppe irgendwo im Ausland zwischen der Westsahara und Nordeuropa untergetaucht sei, bestätigte sich demnach nicht. Die Gesuchten hielten sich am Freitag in dem Madrider Vorort Leganés sogar so nah der Stelle bei Toledo auf, wo der Schnellzug nach Sevilla gesprengt werden sollte, daß man ihnen auch dafür die Urheberschaft anlastet.

          Keine Rede von einer „Terrorpause“

          Dafür spricht auch, daß man in der Wohnung, in der sie ums Leben kamen, eine Ladung desselben Dynamits (und zweihundert Zünder) fand, wie es am 11. März und am Samstag bei den Selbstmorden benutzt wurde. Wenige Tage nach den Madrider Anschlägen hatten sie diese in der offenkundigen Absicht gemietet, weitere Attentate zu begehen. In dieser Zelle konnte von einer "Terrorpause" keine Rede sein. Der Tunesier Fakhet und der als "Logistikchef" verdächtige, noch flüchtige Marokkaner Jamal Ahmidan, alias "der Chinese", hatten ihr Mietshaus auf dem Land in Chinchón - ebenfalls noch im Madrider Großstadtgebiet - verlassen, als ihr spanischer "Sprengstofflieferant", ein ehemaliger Bergarbeiter aus Asturien, verhaftet wurde. In Chinchón waren die Rucksackbomben für den 11. März gefertigt worden.

          In dem weiten von der spanischen Polizei ausgeworfenen Netz haben sich inzwischen zahlreiche Hauptverdächtige und Helfer verfangen. Insgesamt fünfundzwanzig Personen - 24 Männer und eine Frau - wurden festgenommen. Siebzehn sitzen auf richterliche Anordnung in unbefristeter Untersuchungshaft, darunter das Trio aus dem Madrider Stadtteil Lavapiés, das zuerst gefaßt wurde: die Marokkaner Jamal Zougam, sein Stiefbruder Mohamed Bekkali und Mohamed Chaoui. Hinzu kommen der Chemiker Abderrahim Zbakh aus Marokko sowie mehrere Syrer und zwei Inder. Acht Verdächtige, darunter der eine Weile in Deutschland lebende Ingenieursstudent Fouad el Morabit Anghar, kamen mit Auflagen und Meldepflicht aus Mangel an Beweisen wieder frei.

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