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Terror in Madrid : Das Klingeln im Inferno

Schweigeminute auch auf den Baustellen Spaniens Bild: AP

Anteilnahme und spontane Solidarität der Spanier sind berühmt. Wie könnte es anders sein, nachdem zweihundert Menschen den Tod gefunden haben und Dutzende weitere in Lebensgefahr schweben?

          3 Min.

          Wer könnte anders, als in diesen Tagen im Fernsehen immer wieder dieselben Szenen zu sehen? Die junge Frau im bunten Pullover, die weinend am Fenster ihrer Wohnung steht und hilflos gestikuliert, während der Kameramann ihr näher ans Gesicht rückt, sie weint für uns fünfmal, siebenmal, elfmal. Ihr Schluchzen verfolgt einen auf dem Weg in die Küche. Es kehrt wieder in der späten Nacht, zu den Nachrichten, die aus der Sondersendung hervorgehen und in weitere Sondersendungen einmünden werden. Es gab in Madrid Ohrenzeugen und Augenzeugen der Katastrophe, und von der ersten Stunde an waren sie gefragt. Viele erzählen, sie hätten Menschen gesehen, die alles stehen und liegen ließen, um Verletzte und Tote zu bergen. Dachten die Helfer nicht an die Gefahr weiterer Explosionen? "Man denkt in diesem Augenblick nicht darüber nach", sagt ein junger Mann. "Man sieht etwas und geht hin."

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Anteilnahme und spontane Solidarität der Spanier sind berühmt. Wie könnte es anders sein, nachdem zweihundert Menschen den Tod gefunden haben und Dutzende weitere in Lebensgefahr schweben? Vor den zahlreichen Blutspendestationen, die in der Stadt aufgebaut wurden, bildeten sich lange Schlangen. Am Ende des ersten Tages hieß es, der unmittelbare Bedarf sei gedeckt worden, aber für die kommenden Tage werde weiteres Blut benötigt. Viele Menschen, die von den Bombenanschlägen erfahren hatten, unterbrachen sofort ihre Aktivitäten oder gingen nicht zur Arbeit, um sich an den improvisierten Stationen einzufinden. Die Wartezeit erreichte bisweilen anderthalb Stunden. Aber auch im Schlangestehen sind die Spanier geübt.

          Unterscheiden der Toten von den Schwerverletzten

          Fernsehen, Radio und Zeitungen sammeln die Namen der Toten, erzählen von den Umständen ihres Sterbens und der Zahl der Angehörigen. Unter den Opfern waren mehrere schwangere Frauen. Mütter, die fünf Minuten zuvor ihre Kinder im nahegelegenen Kindergarten abgegeben hatten und dann zum Bahnhof gingen, um den Zug zum Arbeitsplatz zu nehmen. Ein junger Mann, den seine Freundin allein aufgrund der Tätowierung identifizieren konnte. Und Menschen aus dreizehn verschiedenen Ländern, von Chile bis Kuba, von Polen bis Marrokko. Einen besonders gespenstischen Eindruck des Tatorts hat die Sanitäterin eines städtischen Unfalldienstes berichtet. Während die Feuerwehrleute Leichenteile aus den Zugtrümmern bargen, sah sie eine Reihe von Toten, deren Mobiltelefone klingelten. "Ich glaube", sagt sie, "das waren ihre Angehörigen, die wissen wollten, ob es ihnen gutging."

          Ein Orthopäde des Krankenhauses "12. Oktober", der nahe am Unglücksort wohnt, schilderte das Innere eines Waggons kurz nach der Explosion: "Im Umkreis von zehn Metern gab es keinen vollständigen menschlichen Körper mehr. Nur Teile. Die Lebenden waren etwa fünfzehn Meter vom Explosionspunkt entfernt." Der Orthopäde war unmittelbar an der Errichtung des Feldlazaretts beteiligt, das der schwierigen Lage am Unfallort Herr zu werden versuchte: Erste Hilfe, Evakuierung, Unterscheiden der Toten von den Schwerverletzten. Nach Aussagen eines Anwalts, der nach der ersten Explosion gegen 7.40 Uhr die Haustür öffnete, eilten viele Bewohner des Viertels mit Wasser und Decken zum Atocha-Bahnhof, um nach den Verletzten zu sehen. "Nachbarn, Nachbarn!" hätten die Menschen geschrien. "Kommt und helft uns!"

          Schnappschüsse von Konfusion

          Die Geschichten von der ersten Stunde der Katastrophe sind fragmentarisch, Schnappschüsse von Konfusion, Verzweiflung und Schock. Die Sanitätsdienste hatten Schwierigkeiten, die Waggons zu erreichen, weil eine anderthalb Meter hohe Betonbrüstung den Zugang verwehrt. Kinder liefen umher und riefen nach ihren verschwundenen Eltern. Eine Mutter bat die Helfer, nach ihrer dreijährigen Tochter zu fahnden. "Hat sie blondes Haar?" lautet die Gegenfrage. "Nein", antwortet sie, "dunkle Locken." Hin und wieder machen sich bei den Menschen Wut und Empörung über die vermeintlichen Attentäter Luft.

          Eine Sozialarbeiterin, die mit einsitzenden Eta-Häftlingen umgeht, beschreibt die Fürsorge, mit der sich die jungen Frauen, die womöglich Morde auf dem Gewissen haben, um die kleinen Kinder der Zigeunerinnen kümmern. "Aber wenn man sie fragt, was sie beim Tod von Polizisten oder Politikern empfinden, sagen sie: ,Es werden keine Menschen getötet, sondern Tiere.' Und dann fahren sie fort, die Kinder der Zigeunerinnen zu steicheln." Noch ist der verdacht von der Verantwortung der baskischen Terrorgruppe nicht bestätigt. Es könnten auch islamistische Terroristen gewesen sein. Für den Haß bleibt ohnehin keine Zeit. In den Krankenhäusern Madrids kämpfen noch zahlreiche Menschen um ihr Leben, und viele der Opfergeschichten werden sich erst in einigen Tagen oder Wochen zu Ende erzählen lassen.

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