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Terror in London : „Er wollte doch nur nicht zu spät zur Arbeit kommen“

  • Aktualisiert am
Alex Pereira trauert um seinen Cousin Jean Charles de Menezes
          3 Min.

          Die Fahndung nach den Verantwortlichen der fehlgeschlagenen Bombenanschläge von London läuft weiterhin auf Hochtouren. Die britische Polizei hat einen dritten Mann festgenommen, der an den versuchten Bombenanschlägen auf das Nahverkehrssystem der Hauptstadt vom vergangenen Donnerstag beteiligt gewesen sein soll.

          Der Verdächtige sei in der Nacht zum Sonntag im Süden Londons unter der Anti-Terror-Gesetzgebung abgeführt worden, teilte ein Polizeisprecher am Sonntag mit. Zwei andere Verdächtige blieben weiter in Gewahrsam. Wie ein Polizeivertreter sagte, handelte es sich bei dem Mann wahrscheinlich nicht um einen der vier gesuchten Hauptverdächtigen, von denen die Behörden Bilder veröffentlicht hatten.

          „Festnahmen sehr vielversprechend“

          Am Samstag verhörte die Polizei zwei Terrorverdächtige, die am Freitag abend und in der Nacht festgenommen worden waren. Scotland Yard-Chef Ian Blair sagte der BBC, die Festnahmen seien „sehr vielversprechend“. Ob es sich bei den zwei Männern um Verantwortliche der verhinderten Attentate vom vergangenen Donnerstag in drei U-Bahnen und einem Bus handelte, sagte er nicht.

          Jean Charles de Menezes war unschuldig - und wurde erschossen
          Jean Charles de Menezes war unschuldig - und wurde erschossen : Bild: AP

          Nach den tödlichen Schüssen auf einen Unschuldigen ist das Vorgehen von Scotland Yard in die öffentliche Kritik geraten. Fahnder in Zivil hatten am vergangenen Freitag den 27 Jahre alten Elektriker Jean Charles de Menezes aus Brasilien in der Londoner U-Bahn-Station Stockwell vor den Augen zahlreicher Fahrgäste aus nächster Nähe mit fünf Kopfschüssen niedergestreckt.

          „Das ist eine Tragödie“

          Am Samstag abend hatte Scotland Yard mitgeteilt, der Brasilianer habe nichts mit den Attentatsversuchen vom vergangenen Donnerstag zu tun. Ein Sprecher sprach von einer „Tragödie, die die Londoner Polizei bedauert“. Die Polizei kündigte eine interne Untersuchung des Vorfalls an. Scotland Yard-Chef Ian Blair hatte zuvor noch behauptet, es gebe eine „direkte Verbindung“ zwischen dem Mann und den versuchten Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus. Menezes war in einem weiten Mantel aus einem Haus gekommen, das im Zuge der Terrorermittlungen beobachtet wurde. Polizisten beschatteten ihn auf dem Weg zur U-Bahn. Dort wurde er von den Polizisten aufgefordert, stehen zu bleiben. Der Mann lief jedoch in Richtung einer U-Bahn. Dort überwältigten ihn die Polizisten und erschossen ihn.

          Trotz der Kritik an der irrtümlichen Erschießung will die britische Polizei an ihrer Praxis festhalten, Terrorverdächtige im Zweifelsfall per Kopfschuß zu töten. Dazu gebe es keine Alternative, sagte Scotland-Yard-Leiter Ian Blair am Sonntag dem britischen Fernsehsender Sky News. Wenn der Verdacht bestehe, daß jemand einen Sprengstoffgürtel trage, sei es unmöglich, ihm in die Brust zu schießen, weil sich dort der Sprengsatz befinden könnte. Auch auf andere Körperteile zu zielen habe keinen Sinn, weil der Attentäter dann die Bombe noch zünden könnte. Für den Tod von Jean Charles de Menezes übernahm der Polizeichef die volle Verantwortung. „Das ist eine Tragödie“, sagte Blair. Der Familie des Opfers könne er nur sein tiefes Bedauern aussprechen. „Ich hoffe, daß sich dies nicht wiederholt.“ Die britische Polizei tue alles, um sich korrekt zu verhalten. Entscheidungen dieser Art würden jedoch in „furchtbaren Zusammenhängen“ getroffen.

          Brasilianische Regierung wartet auf eine Erklärung

          Freunde und Angehörige des Toten sagten, Menezes habe keinen Grund gehabt, vor der Polizei davonzulaufen. Sie warfen den Ermittlern Fehlverhalten vor. Charles sei in der U-Bahnstation nur deshalb gerannt, „weil er doch nur nicht zu spät zur Arbeit kommen wollte“, versicherte im Interview mit der Zeitung „Folha de Sao Paulo“ die 21 Jahre alte Cousine Vivian Menezes, die mit Jean Charles und anderen Familienangehörigen sich eine Wohnung in London teilte. Ein Vetter des Opfers sagte im Gespräch mit dem Fernsehsender „Globonews“ aus London, Charles habe nichts zu verbergen und auch „keinen einzigen Grund gehabt, vor der Polizei wegzulaufen“. Jean Charles de Menezes arbeitete seit vier Jahren in London als Elektriker. Er hielt sich dort nach Familienangaben legal auf.

          Die Regierung in Brasilien zeigte sich „schockiert und perplex“. In einer Botschaft von Außenminister Celso Amorim hieß es, seine Regierung warte auf die Erklärungen der britischen Behörden „zu den Umständen, die zu dieser Tragödie geführt haben“. Die Zeitung „O Globo“ schrieb am Sonntag von einer „Hinrichtung“. Außenminister Amorim, der am Samstag nach London flog, um an Gesprächen über UN-Reformen teilzunehmen, will sich dort wegen des Zwischenfalles auch mit seinem britischen Amtskollegen Jack Straw treffen.

          Blari kündigt stärkere Kontrollen an

          Die bislang von der Polizei veröffentlichen Fahndungsfotos von anderen mutmaßlichen Verdächtigen stammen von Überwachungskameras, die in den drei U-Bahnen und dem Bus installiert waren, wo die Bomben explodieren sollten. Allerdings detonierten nur die Zünder. Deshalb kam bei den Attentatsversuchen vom vergangenen Donnerstag niemand zu Schaden. Scotland-Yard-Leiter Ian Blair forderte die Bevölkerung auf, wachsam zu sein und auf ihre Taschen in Bussen, Zügen und U-Bahnen zu achten. Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone versprach den verstärkten Einsatz von Polizisten in der U-Bahn und mehr Kontrollstichproben.

          Am Samstag gab es wieder einen Sicherheitsalarm. Die U-Bahnstation Mile End in Ostlondon wurde für etwa eine halbe Stunde gesperrt. Zur Art des Alarms wurde nichts gesagt, ein Augenzeuge berichtete von Rauch in einem Waggon. Kriminaltechniker untersuchten außerdem weiter die nicht gezündeten Bomben. Es gab Spekulationen, daß der verwendete Sprengstoff aus derselben Quelle wie die Bomben vom 7. Juli stammen könne. Nach den Angaben hatten drei der vier Bomben vom Donnerstag die gleiche Größe und das gleiche Gewicht wie jene Sprengsätze. Bei den Selbstmordanschlägen, ebenfalls in drei U-Bahnen und einem Bus, waren 56 Menschen getötet und 700 verletzt worden.

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