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Afghanistan : Terror im Diplomatenviertel

Kein „Werk der Mudschahedin“

Die Hauptleidtragenden waren aber, wie so oft, afghanische Zivilisten. Der Eingang zur Grünen Zone liegt auf einer der Hauptverkehrsachsen Kabuls, der Wazir-Akbar-Khan-Straße, wo sich im morgendlichen Berufsverkehr regelmäßig lange Staus bilden. Die meisten Opfer waren auf dem Weg zur Arbeit. Besonders hart traf es Mitarbeiter des Telekom-Unternehmens Roshan, dessen Hauptsitz direkt gegenüber der Deutschen Botschaft liegt. Das dreistöckige Gebäude wurde fast vollständig zerstört. Die Sprengkraft der Bombe war so stark, dass sie einen fünf bis sechs Meter tiefen Krater in den Boden riss. Mehr als 50 Fahrzeuge wurden nach Angaben des Innenministeriums durch die Detonation beschädigt oder zerstört. Augenzeugen sprachen von in sich verknäulten Karosserien.

Die Taliban, die größte Aufstandsgruppe im afghanischen Krieg, verurteilten den Anschlag und wiesen jede Beteiligung daran zurück. „Unsere Landsleute seien versichert, dass der Anschlag in Kabul nicht das Werk der Mudschahedin (die Selbstbezeichnung der Taliban) ist“, hieß es in einer Stellungnahme, die über die Website der Extremistengruppe verbreitet wurde. Allerdings haben sich die Taliban in der Vergangenheit mehrfach von Anschlägen mit einer hohen Zahl ziviler Opfer distanziert, die ihnen gleichwohl zugeschrieben wurden.

Große göttliche Belohnung während des Ramadan

In Kabul gab es in Militärkreisen Vermutungen, dass das Haqqani-Netzwerk hinter dem Anschlag stehen könnte, das eng mit den Taliban verbunden ist. Dessen Anführer Siradschuddin Haqqani ist zugleich ein Stellvertreter des Taliban-Führers Hibatullah Akhundzada. Das Haqqani-Netzwerk ist für besonders ruchlose Anschläge bekannt. Womöglich, so die Vermutung, wollten die Täter ein Zeichen gegen die Friedenskonferenz setzen, die in der kommenden Woche unter Beteiligung von Diplomaten aus dem Westen und aus den Nachbarstaaten stattfinden sollte.

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Zusätzliche Empörung über den abscheulichen Anschlag rief in Kabul hervor, dass er im heiligen Monat Ramadan verübt wurde. Schon in den vergangenen Jahren waren in der Fastenzeit besonders verheerende Terroranschläge in Kabul verübt worden, wohl weil sich die Attentäter in ihrer verqueren Logik eine besonders große göttliche Belohnung in dieser Zeit erhoffen.

„Wider besseres Wissen so weiterzumachen, wäre zynisch und menschenverachtend.“

In Deutschland ließ der Terroranschlag vom Mittwoch abermals die Diskussion über Abschiebungen nach Afghanistan aufflammen. Just am Mittwoch sollte ein sechster Charterflug mit abgelehnten Asylbewerbern von Deutschland aus nach Kabul starten. Er wurde jedoch nach dem Blutbad von Kabul verschoben. Zur Begründung sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, angesichts des Anschlags hätten die Mitarbeiter der Botschaft derzeit Wichtigeres zu tun, als sich mit Abschiebungen zu beschäftigen. „Deshalb habe ich entschieden, diesen Flug abzusagen. Er wird aber baldmöglichst nachgeholt.“ Der Minister hob hervor, dass sich an der generellen Linie der Regierung in dieser Frage nichts geändert habe. In der Vergangenheit hatte de Maizière die afghanische Hauptstadt als eine jener Regionen beschrieben, die als hinreichend sichere Fluchtalternativen für Asylbewerber aus umkämpften Gebieten Afghanistans betrachtet werden könnten. Bislang hat Deutschland seit November 106 abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan abgeschoben.

Politiker der Opposition und Flüchtlingsorganisationen forderten am Mittwoch ein Umdenken der Bundesregierung in dieser Frage. Der Grünen-Politiker Volker Beck sagte: „In ein Land, wo sogar die deutsche Botschaft Anschlagsziel ist und ihre Mitarbeiter dabei verletzt werden, kann man keine Menschen zurückführen.“ Linksfraktionsvize Jan Korte sagte, der Anschlag zeige, wie haarsträubend falsch die Abschiebepolitik sei. „Wider besseres Wissen so weiterzumachen, wäre zynisch und menschenverachtend.“ Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte eine umgehende Neubewertung der Sicherheitslage in Afghanistan.

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Ob das Gelände der Deutschen Botschaft in nächster Zeit überhaupt wieder genutzt werden kann oder wie im Fall des Konsulats in Mazar-i-Sharif aufgegeben werden muss, wurde am Mittwoch noch geprüft. Erst in den vergangenen Monaten waren die Gebäude auf dem Kabuler Gelände aufwendig umgebaut worden. Unter anderem waren die Wohnbereiche der Diplomaten in die Arbeitsgebäude verlegt und Metallplatten vor allen Fenstern angebracht worden, so dass Tageslicht nur noch durch kleine Löcher in den Platten in die Wohn- und Arbeitsräume der Diplomaten eindrang. Am Mittwoch hieß es auf der Website der Botschaft, diese bleibe „bis auf weiteres für den Besucherverkehr geschlossen“.

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