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Terror in Istanbul : Überhörte die Polizei Warnungen des Geheimdienstes?

  • Aktualisiert am

Nach dem Anschlag auf das Stadtviertel Sultanahmet im europäischen Teil Istanbuls Bild: AP

Der türkische Geheimdienst hat die türkische Polizei kurz vor der Attacke in Istanbul offenbar zwei Mal vor bevorstehenden Anschlägen auf Touristen gewarnt. Im Fokus schon damals: 19 Verdächtige, die überwiegend aus Syrien stammen sollen.

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          Der türkische Geheimdienst (MIT) hat die türkische Polizei kurz vor dem Selbstmordanschlag am Dienstag offenbar zwei Mal vor bevorstehenden Attacken auf Touristen gewarnt. Wie die Zeitung „Hürriyet“ berichtet, informierte der MIT die Behörden am 17. Dezember und am 4. Januar darüber, dass das Terrornetzwerk „Islamischer Staat“ Anschläge auf Nato-Gebäude, Botschaften und Konsulatsgebäude plane – allesamt Orte, die von Ausländern stark frequentiert werden. Der Geheimdienst berichtete demnach, Selbstmordattentäter seien in die Türkei eingereist und konkretisierte, sie hielten sich wohl bereits in Istanbul und in Ankara auf.

          19 Verdächtige zumeist syrischer Herkunft

          Nach Angaben von „Hürriyet“ wurden danach die Hauptquartiere der Polizei und Anti-Terroreinheiten in Istanbul und Ankara sowie die Sicherheitskräfte an den türkischen Grenzen über den Verdacht informiert. Der Geheimdienst sprach demnach konkret von insgesamt 19 Verdächtigen zumeist syrischer Herkunft, darunter neun Frauen und zehn Männer.

          „Im Herzen bei Euch“: Türkische Zeitungen erschienen am Mittwoch auf Deutsch

          Nach Informationen von „Hürriyet“ wurden am 4. Januar zudem auch andere Länder über mögliche Anschlagspläne informiert, darunter Deutschland, die Niederlande und Frankreich. Dabei übermittelte der Geheimdienst demnach die Namen von 13 Verdächtigen.

          Bereits im vergangenen Oktober hatte die türkische Polizei offenbar vier Verdächtige gefasst, die Mitglieder des „IS“ sind und über Syrien in die Türkei eingereist waren, um einen größeren Anschlag zu verüben, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Die Behörden befürchteten demnach, die Verdächtigen könnten die Entführung eines Schiffes oder Flugzeuges oder den Angriff auf eine Demonstration planen.

          Wie die Zeitung „Hürriyet“ weiter berichtet, wurden in der Türkei seit gestern neun Menschen in Gewahrsam genommen, die dem „Islamischen Staat“ angehören sollen. Wie das russische Konsulat bestätigte, befinden sich darunter drei Russen. Sie seien im Badeort Antalya in Gewahrsam genommen worden, meldete die Nachrichtenagentur Dogan am Mittwoch. Ob ein Zusammenhang zwischen dem Attentat in Istanbul und den Festnahmen besteht, war zunächst unklar.

          Bei der Razzia in Antalya wurden laut Dogan zahlreiche Dokumente und CDs sichergestellt. Bereits am Dienstag waren bei Razzien in mehreren türkischen Städten 65 mutmaßliche Dschihadisten festgenommen worden, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Unter ihnen seien 16 Verdächtige, die einen Anschlag in der Hauptstadt Ankara geplant haben sollen.

          Eine andere Gruppe habe ein Attentat an einem unbekannten Ort in der Türkei verüben wollen. Die Festnahmen erfolgten den Berichten zufolge in Ankara, Izmir, Kilis, Sanliurfa, Mersin und Adana.

          Türkische Zeitungen mit deutscher Schlagzeile: „Wir trauern“

          Nach dem Anschlag vom Dienstag in Istanbul, bei dem auch mindestens acht Deutsche getötet wurden, ist die Trauer in der Türkei unterdessen groß. Zwei Zeitungen erschienen am Mittwoch mit deutschen Schlagzeilen. „Im Herzen bei Euch“ stand auf der Titelseite der Zeitung „Habertürk“. Die Zeitung „Meydan“ erschien mit einer ebenfalls auf deutsch gehaltenen Schlagzeile. Dort stand in weißen Versalien auf schwarzem Grund: „Wir trauern“.

          Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte am Mittwoch, die Sicherheitslage in Deutschland habe sich nach dem Anschlag von Istanbul nicht verändert. „Wir wissen, dass Deutschland auch ein Ziel der Terrorristen ist, und deshalb ist eine allgemeine Gefährdung sicherlich nicht zu leugnen“, sagte er im ARD-„Morgenmagazin“. Im Moment gebe es aber keine konkreten Hinweise auf Anschlagsziele. „Ob dieser Anschlag explizit deutschen Touristen gilt, dazu kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nichts sagen“, sagte er außerdem.

          Maas: „Angriff auf unsere Art zu leben“

          Maas bezeichnete den Anschlag außerdem als einen Angriff gegen „unsere Art zu leben“. Bei dem Anschlag in Istanbul hatte sich der 1988 geborene Attentäter am Dienstag mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee im historischen Zentrum Istanbuls in die Luft gesprengt. Insgesamt starben neben dem Angreifer zehn Menschen, 15 weitere erlitten Verletzungen.

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