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Terror in Barcelona : Stich ins spanische Herz

Angeführt von Polizisten werden Passanten in Barcelona vom Tatort weggeführt. Bild: AFP

Wegen der langen Erfahrung mit Eta hielt sich Spanien im Antiterrorkampf für gut gewappnet. Das Land schien von der jüngsten islamistischen Terrorwelle verschont zu bleiben. Jetzt hat sich das geändert.

          Der Anschlag traf Barcelona mitten ins Herz. Auf den Ramblas herrschte Hochbetrieb. Trotz der großen Sommerhitze waren am Donnerstag auf dem Boulevard, der mitten durch das Zentrum führt, vor dem Sonnenuntergang viele Touristen unterwegs. Die katalanische Stadt zieht ausländische Besucher an wie ein Magnet Heftzwecken. In die Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern kamen zuletzt 32 Millionen Besucher im Jahr. In Spanien zeichnete sich in diesem Jahr mit mehr als 80 Millionen Touristen ein neuer Rekord ab. Das lag vor allem daran, dass die Urlauber Länder wie die Türkei, Ägypten und Tunesien aus Angst vor Attentaten mieden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Donnerstag dauerte es eine Weile, bis die spanischen Behörden von Terrorismus sprachen. Doch schon die ersten Bilder des weißen Lieferwagens und der Opfer auf der Straße erinnerten an Stockholm, Berlin und Nizza. Später in der Nacht dann erschossen Polizisten im Küstenort Cambrils mehrere mutmaßliche Terroristen – die Behörden gehen von einem Zusammenhang mit dem Anschlag in Barcelona aus.

          Anders als viele andere westeuropäische Länder schien Spanien von der jüngsten islamistischen Terrorwelle verschont zu bleiben. Zuletzt hatten islamistische Attentäter im März 2004 in der Hauptstadt Madrid zugeschlagen. Damals verübten sie am Bahnhof von Atocha mehrere Anschläge auf Pendlerzüge; 191 Menschen wurden getötet.

          Anfangs glaubten damals viele, die baskische Terrororganisation Eta habe die Attentate verübt, denn mit diesem einheimischen Terrorismus hat Spanien viel längere und leidvolle Erfahrungen: Insgesamt fielen den bewaffneten baskischen Nationalisten nach Angaben des Innenministeriums 865 Menschen zum Opfer. Erst 2011 war Ruhe eingekehrt, als Eta den endgültigen Gewaltverzicht verkündete. Aufgrund dieser langjährigen Erfahrungen im Antiterrorkampf hielt man sich für gut gewappnet.

          Die Folgen können Spanien-Besucher bis heute am eigenen Leib erfahren. Selbst wer nur das Madrider Prado-Museum besuchen will, muss einen Metalldetektor durchschreiten und den Inhalt seiner Taschen durchleuchten lassen. Wie am Flughafen werden auch die Reisenden kontrolliert, die einen der AVE-Hochgeschwindigkeitszüge besteigen wollen. Bei Großveranstaltungen gehen die spanischen Sicherheitskräfte gewöhnlich auch keine Risiken ein. Anfang Juli sicherte ein Großaufgebot von mehr als 3500 Beamten das „World Pride“-Wochenende. Es war das weltweit größte Schwulen- und Lesbentreffen mit mehr als zwei Millionen Teilnehmern. An den Zugängen zu den Veranstaltungsorten gab es Personenkontrollen. Lastwagen durften nicht in die Innenstadt fahren.

          Spätestens seit den Anschlägen am Atocha-Bahnhof nahmen Polizei und Geheimdienste verstärkt auch radikale Islamisten ins Visier. Dabei arbeiteten sie eng mit Marokko zusammen, woher viele in Spanien lebende Islamisten stammen. Zuletzt nahm die spanische Polizei Ende Juni in Palma de Mallorca vier Personen wegen Verbindungen zur Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) fest. In einer europaweit koordinierten Aktion wurden in Dortmund ein weiterer Spanier und in Birmingham ein salafistischer Imam verhaftet, der offenbar an der Spitze der Zelle stand.

          Nach spanischen Behördenangaben hatten sie Videos hergestellt, die den Dschihad verherrlichten, und versucht, neue IS-Anhänger anzuwerben. Kurz zuvor hatte die spanische Polizei drei als „extrem gefährlich“ eingestufte Männer festgenommen. Einer von ihnen soll Ziele für einen Anschlag in Madrid ausgekundschaftet haben. In Spanien herrschte bisher die zweithöchste Terrorwarnstufe.

          Rettungskräfte transportieren in der Innenstadt von Barcelona Verletzte ab. Bilderstrecke

          Der Anschlag könnte nun auch den Tourismus treffen, dem Spanien einen Teil seines Aufschwungs verdankt. In Katalonien mit seiner regionalen Hauptstadt Barcelona arbeitet jeder Fünfte in dieser Branche. Gut 2,5 Millionen Arbeitsplätze und rund elf Prozent des Bruttosozialprodukts hängen davon ab. In anderen Reiseländern wie Tunesien und Ägypten hatten Terroristen ausländische Besucher angegriffen, weil sie glaubten, dass diese Länder dort am stärksten verwundbar sind.

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