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Terror in Ankara : Ins Herz des türkischen Staats

Trauer und Schlachtvorbereitungen: Ministerpräsident Davutoglu spricht in Ankara mit Generalstabschef Hulusi Akar, neben ihm Erdogan Bild: Reuters

Der Anschlag von Ankara ist Wasser auf die Mühlen von Präsident Erdogan. Auch wenn Täter und Verantwortliche noch unklar sind, wird sofort die PKK beschuldigt. Möglicherweise folgt nun eine türkische Bodenoffensive in Nordsyrien.

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          Näher waren Terroristen dem Machtzentrum der Türkei noch nie gekommen. Der Bus mit den Angehörigen der türkischen Armee hatte an einer roten Ampel gehalten, nur 350 Meter vom Parlament entfernt und fünfhundert Meter vom Sitz des Ministerpräsidenten, zur Rechten die Hauptquartiere der Waffengattungen der türkischen Armee. Da raste ein mit Sprengstoff beladener weißer Volkswagen Scirocco in den Bus und entfachte ein Inferno. Der letzte große Anschlag in Ankara hatte am 10. Oktober vorigen Jahres einer kurdischen Kundgebung vor dem Hauptbahnhof gegolten, der letzte in Istanbul am 12. Januar ausländischen Touristen vor der Blauen Moschee. Ziel dieses Anschlags aber war das Zentrum des türkischen Staats.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Eine Kamera der Verkehrsüberwachung zeigt, wie der weiße Scirocco in die wartenden Autos rast und mehrere Autos in einem Flammenmeer aufgehen. Der weiße Wagen war 15 Tage zuvor in Izmir von einer Leihwagenfirma gemietet worden. Als der Wagen nicht zurückgebracht wurde, meldete ihn die Leihwagenfirma als gestohlen. Unterdessen war das Nummernschild durch das Istanbuler Kennzeichen „34“ ausgetauscht worden. Eine der vielen Kameras, die in Ankara plaziert sind, hatte den unauffälligen Wagen am 11. Februar um 13.03 Uhr gefilmt.

          Indizien weisen auf „Islamischen Staat“ hin

          Da die türkische Regierung – wie immer bei Anschlägen – eine Nachrichtensperre verhängt hat, ist noch nicht klar, ob die Identität der Person, die den Wagen gemietet hat, Hinweise auf die Täter zulässt. Noch immer hat sich niemand des Terroranschlags bezichtigt. Das war nach den Anschlägen vom Oktober und Januar nicht anders. Alle Indizien haben jedoch ergeben, dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ diese beiden Anschläge durch Selbstmordattentäter verübt haben musste.

          Am Mittwochabend folgte die türkische Regierung dem bekannten Reflex und machte zunächst die verbotene und als Terrororganisation eingestufte kurdische Arbeiterpartei PKK für den Anschlag verantwortlich. Schließlich hat Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in den vergangenen Wochen gebetsmühlenartig die Losung ausgegeben, dass der Krieg gegen die PKK alles andere als beendet sei. Am Donnerstagmorgen korrigierte Davutoglu die Vermutung und beschuldigte die mit der PKK verbündete Partei der syrischen Kurden, die PYD. Neun Mitglieder der PYD seien festgenommen worden, unter ihnen Salih Necar, den Davutoglu als Hauptverantwortlichen nannte.

          Der Ko-Vorsitzende der PYD, Salih Muslim, wies diese Behauptung umgehend zurück. Es gebe in der PYD kein Mitglied mit Namen Salih Necar, und die PYD habe mit dem Anschlag nichts zu tun, sagte er. Die Behauptung aber war in der Welt: Die PYD, deren militärischer Arm YPG der erfolgreichste Verbündete des Westens im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ist, soll eine Terrororganisation sein, also nichts anderes als die PKK, und die wiederum steht ja auf den Terrorlisten der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.

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          Syrische Kurden als Nutznießer der russischen Luftoffensive

          Die türkische Armee hatte bereits seit Tagen Stellungen der YPG nördlich von Aleppo bombardiert. Denn die syrischen Kurden waren, sehr zum Verdruss Ankaras, die Nutznießer der russischen Luftoffensive gegen die aus der Türkei unterstützten syrischen Rebellen gewesen. Sie nahmen die strategisch wichtige Stadt Tall Rifaat ein und rückten auf die Grenzstadt Azaz vor. Damit war der kurdische Traum von einem zusammenhängenden Kurdengebiet entlang der Grenze zur Türkei von Qamishli im Osten bis Afrin im Westen wieder in greifbare Nähe gerückt. Die türkische Armee wollte das mit der Bombardierung der Stellungen der YPG verhindern.

          Nach dem Anschlag von Ankara
          Nach dem Anschlag von Ankara : Bild: AP

          Die Vereinigten Staaten und Europa protestierten jedoch und forderten die Türkei auf, die Bombardierungen einzustellen. Die Türkei begnügte sich aber nicht mit den Luftangriffen. So berichtete die unabhängige syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, am Mittwoch hätten mehr als fünfhundert islamistische Rebellen die Grenze zu Syrien überschritten, um Azaz vor den vorrückenden Kurden zu schützen. Bereits am Sonntag seien 350 bewaffnete Islamisten mit leichten und schweren Waffen über den Grenzübergang Atme von der Türkei nach Syrien eingesickert, ebenfalls mit dem Ziel Azaz.

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