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Terror im Nordkaukasus : Politik mit einem Horrorszenario

  • -Aktualisiert am

Kisljar: Zunächst war ein Sprengsatz in diesem vor einer Schule abgestellten Auto detoniert Bild: REUTERS

Zwei Tage nach den Terroranschlägen in der Moskauer Metro sind bei Anschlägen in der russischen Teilrepublik Dagestan elf Menschen getötet worden. Der Krieg im Nordkaukasus rückt für die Russen immer näher. Der Kreml fürchtet die Landbrücke zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer an islamistische Extremisten zu verlieren.

          Zwei Tage nach den Terroranschlägen in der Moskauer Metro sind bei einem Anschlag in der russischen Nordkaukasus-Republik Dagestan am Mittwoch mindestens elf Menschen getötet worden. Es seien zwei Sprengsätze im Zentrum der Stadt Kisljar gezündet worden, einer davon von einem Selbstmordattentäter, teilten die Behörden mit. Unter den Opfern sei der Polizeichef der Stadt.

          Die Sicherheitskräfte teilten mit, zunächst sei ein in der Nähe einer Schule abgestelltes Auto detoniert. Zwei Polizisten seien dabei in ihrem Fahrzeug getötet worden. Am Anschlagsort hätten darauf weitere Polizisten und Passanten versammelt. Dann habe ein Selbstmordattentäter in Polizeiuniform eine weitere Bombe gezündet. Dabei seien weitere Sicherheitskräfte und ein Zivilist getötet worden. Zum Zeitpunkt des Anschlags befanden sich Agenturmeldungen zufolge keine Kinder in der Schule. Im Nordkaukasus kommt es immer wieder zu schweren Anschlägen islamistischer Untergrundkämpfer, die für einen unabhängigen Gottesstaat kämpfen. Die Islamisten hatten gedroht, den „Krieg“ auch ins russische Kernland zu tragen. Am Montag waren bei einem Doppelanschlag in der Moskauer Metro 39 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende wurden verletzt. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Terror und Trauer in Moskau)

          Viele Russen sahen in dem Krieg im Nordkaukasus in den vergangenen Jahren nur noch ein weit entferntes Geschehen – was eine schreckliche Täuschung war, wie die Anschlägen in der Moskauer Metro am Montag zeigten. Die Moskauer Führung hat sich solchen Illusionen weder unter Präsident Putin noch unter Präsident Medwedjew hingegeben. Es spricht vielmehr vieles dafür, dass ihre Politik im Nordkaukasus in den vergangenen zehn Jahren vor der Furcht vor einem Horrorszenario bestimmt wurde: Der Kreml sah und sieht wohl noch immer die Gefahr, dass er das Gebiet nördlich des Kaukasuskamms zwischen dem Schwarzem Meer und Kaspischem Meer ohne den massenhaften Einsatz russischer Soldaten verlieren könnte.

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          Aus Moskauer Sicht besteht die Gefahr, dass sich Russlands Zugang zu dem an Öl und Gas reichen sowie geostrategisch wichtigen Kaspischen Becken irgendwann auf einen schmalen Landstreifen reduzieren könnte, wenn es seine muslimischen Teilrepubliken im Nordkaukasus nicht zur Räson zwingt. Ein von Russland losgelöster Nordkaukasus unter muslimischen, womöglich islamistischen Einfluss, könnte zudem einen Dominoeffekt zur Folge haben, dem muslimische Aserbaidschan im Südkaukasus, das an Dagestan grenzt, zum Opfer fallen könnte. Ein „zweites Afghanistan“ unmittelbar vor Russlands Haustür wäre nach einem solchen Szenario nicht mehr auszuschließen.

          Ein abgekartetes Spiel

          Auch aus diesem Grund hat der frühere amerikanische Präsident George W. Bush Russlands grausamen Kampf gegen den Terror im Nordkaukasus nicht so hart gerügt wie andere Menschenrechtsverletzungen, sondern als Teil des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus eher akzeptiert.

          Trotz der Furcht vor einem Horrorszenario war die Moskauer Tschetschenienpolitik immer auch Teil eines innerrussischen Machtkampfs. Präsident Jelzin beendete den ersten Tschetschenienkrieg Mitte der neunziger Jahre mit einem Abkommen, um in der Präsidentenwahl 1996 als Friedensstifter dastehen zu könne. Putin wurde 1999 auf einer Woge der Begeisterung in den Kreml getragen, weil er versprochen hatte, „den tschetschenischen Banditen“ das Handwerk zu legen. Vielen Beobachtern sahen in dem als „kleiner siegreicher Krieg“ geplanten Feldzug ein abgekartetes Spiel, um innenpolitische Ziele zu erreichen.

          Der gefürchtete tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew diente, so diese Sicht, dabei als Agent provocateur. Mit seinem Überfall auf das benachbarte Dagestan im Sommer 1999 hätten Bassajew und dessen Terrorpartner Ibn al Chattab – dieser stammte aus Saudiarabien und verkörperte den wachsenden Einfluss aus Arabien kommender fundamentalistischer Tendenzen in Tschetschenien – den Vorwand für den zweiten Tschetschenienkrieg, der im Grunde trotz aller offiziellen Dementis bis heute dauert. Mehr noch: Dieser Krieg hat sich mit den Jahren auf den gesamten Nordkaukasus ausgeweitet, wodurch das beschriebene Horrorszenario an Schärfe gewann.

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