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Nach dem Terror-Freitag : Tausende reisen aus Tunesien ab

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Nur weg: Touristen stehen Schlange, um Tunesien zu verlassen. Bild: AP

Nach dem verheerenden Anschlag in Port El Kantaoui verlassen die Touristen in Scharen Tunesien. Der Innenminister des Landes glaubt: Der Attentäter hätte früher gestoppt werden können. Der Täter des Anschlags von Kuweit ist identifiziert.

          Nach dem verheerenden Anschlag auf Touristen in Port El Kantaoui verlassen Tausende Urlauber das Land. Bis Sonntag wollten britische Reiseveranstalter 2500 Touristen heimbringen, der belgische Anbieter Jetair sprach von 2000 Urlaubern. Der Reiseveranstalter Tui rechnet damit, dass insgesamt 250 deutsche Urlauber ihre Ferien dort abbrechen werden. „Bis zum Sonntagabend werden wir rund 200 Gäste ausgeflogen haben“, sagte ein Sprecher des Unternehmens an diesem Sonntag in Port el Kantaoui.

          Bei den Einheimischen ist das Entsetzen groß. Viele Tunesier können es nicht fassen: Erst im März kamen bei einem Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis 21 Touristen ums Leben. Am Freitag dann wurden 38 Menschen bei dem Hotel-Attentat in Port el Kantaoui getötet - die meisten davon Urlauber aus Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Auch ein Deutscher zählt zu den Opfern. Dass nun zahlreiche Touristen das Land erst einmal meiden, verstehen viele Tunesier. Zugleich bangen Hotelangestellte, Händler und andere Abhängige um ihre Zukunft. „Das ist ein tödlicher Schlag für den Tourismus“, sagt Ali Soltani, Händler in der Altstadt von Sousse. „Das ist mehr als eine Katastrophe, es gibt nun für mehrere Jahre keine Hoffnung“, sagt er. Auch der Kupferschmied Kamel Ben Sadok zeigt sich pessimistisch. „Ich habe gar keine Lust mehr zu arbeiten“, sagt er. „Seit gestern fühlen wir uns wie Dummköpfe, die nichts tun können.“

          Ein bewaffneter Mann war am Freitag auf das Gelände des Fünf-Sterne-Hotels Riu Imperial Marhaba in Port el Kantaoui bei Sousse eingedrungen und hatte mit einem Maschinengewehr gezielt auf Urlauber gefeuert, bevor er selbst getötet wurde.

          Nach Einschätzung der Regierung in Tunis hätte der Attentäter wesentlich früher gestoppt werden können. Der Sicherheitsservice des Hotels habe nicht sofort die Polizei informiert, als der Angreifer am Strand sein Massaker startete, sagte Innenminister Mohamed Najem Gharsalli dem Radiosender Mosaique FM in einem an diesem Sonntag ausgestrahlten Interview. Durch eine bessere Koordination der Sicherheitskräfte hätte der Angreifer früher getötet werden können, sagte er.

          In Tunesien hatten nach dem Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum im Frühjahr die Reise-Veranstalter zuletzt vor allem auf Lastminute-Buchungen gesetzt und warben mit den unschlagbaren Preisen in Tunesien, um die diesjährige Saison noch zu retten. Der Anschlag vom Freitag ereignete sich unmittelbar zu Beginn der Hauptsaison in einem Land, in dem der Tourismus etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht und rund 400.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen.„Das tut sehr weh“, sagt Alya, eine Einwohnerin von Sousse. „Wir waren gerade erst dabei, die Wunden von Bardo zu heilen, und nun haben wir einen noch schwereren Schlag erlitten.“ Ähnlich sehen das Tourismusexperten. „Der Anschlag auf das Bardo-Museum war bereits schwierig, aber jetzt wurden die Touristen am Strand getötet“, sagt ein französischer Branchenfachmann. „Das ist es, was die Leute abends im Fernsehen sehen, und natürlich wollen sie dort dann nicht ihren Urlaub verbringen.“

          Bereits im April - einen Monat nach dem Museumsanschlag - war laut tunesischer Zentralbank ein Rückgang von 25,7 Prozent bei den Touristenzahlen im Vergleich zum Vorjahr registriert worden. Bei den touristischen Deviseneinnahmen war es ein Rückgang um 26,3 Prozent. Im Mai 2015 waren die Hotelketten in Tunesien zu 44,9 Prozent belegt, im Mai 2010 waren es noch 72,6 Prozent.

          Viele Tunesier haben Verständnis für die Ängste der Touristen. „An ihrer Stelle würde ich in solchen Zeiten keinen Fuß nach Tunesien setzen“, sagt der Händler Imed Triki aus Sousse. „Es ist normal, dass sie das Land nach dieser Katastrophe schnell verlassen. Kommen sie, um Urlaub zu machen oder um zu sterben?“, sagt er und zeigt sich überzeugt, dass die Touristen die Gegend nun „für lange Zeit meiden werden“.

          Der Welttourismusverband (WTTC) verurteilte den „brutalen Anschlag“, der „direkt ins Herz der Tourismusindustrie getroffen“ habe, rief aber Anbieter in aller Welt auf, die tunesische Tourismusbranche weiterhin zu unterstützen. Zugleich müsse die tunesische Regierung für „angemessene Sicherheitsvorkehrungen“ sorgen. Der französische Reisebüroverband Snav sprach nach dem Anschlag von einer „katastrophalen“ Situation für das Land zu einem Zeitpunkt, „zu dem wir das Gefühl hatten, dass das Reiseziel gerade wieder zu laufen begann“.

          Anschlag in Kuweit: Attentäter kam aus Saudi-Arabien

          Unterdessen haben auch die Behörden in Kuweit den Attentäter identifiziert, der bei einem Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee in Kuweit-Stadt am Freitag 27 Menschen getötet hat. Der Mann habe die saudi-arabische Staatsbürgerschaft besessen, teilte das Innenministerium an diesem Sonntag mit. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Kuna war der Täter erst am Tag des Anschlags mit dem Flugzeug in Kuweit-Stadt gelandet.

          Das Innenministerium sagte, es werde weiterhin nach Komplizen gesucht. Bereits am Samstag war dem Ministerium zufolge der Fahrer des Mannes festgenommen worden. Nach Berichten des Nachrichtenkanals Al-Arabija vom Samstag haben die Behörden insgesamt 18 Tatverdächtige in Gewahrsam genommen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hatte sich zu dem Angriff auf das Freitagsgebet bekannt, bei dem auch mehr als 200 Gläubige verletzt wurden. Eine unabhängige Bestätigung gab es nicht.

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