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Abtreibungsrechte in den USA : „Sie sollen niemals erfahren, wofür Bügel noch gebraucht werden“

Demonstranten am Samstag vor dem Obersten Gerichtshof in Washington Bild: AFP

In den USA sind am Wochenende Zehntausende für ein Recht auf Abtreibung auf die Straße gegangen. Die Angst vieler Frauen sitzt tief. Eine von ihnen ist Fabiola, die zwei kleine Töchter hat.

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          Auf dem Plakat, das Fabiola in die Luft hält, ist ein Bügel aufgemalt, in einem roten Kreis, durchgestrichen. Sie ist am Samstag aus einem Vorort an das Washington Monument gekommen, weil sie zwei Töchter hat. Die beiden sind neun und fünf Jahre alt. „Und ich möchte nicht, dass sie jemals erfahren, wofür Bügel da sind, außer dafür, verdammte Klamotten aufzuhängen“, sagt Fabiola. Sie sollen nicht wissen, dass Frauen in ihrer Verzweiflung früher auch leicht zu verbiegende Drahtbügel verwendet haben, um eine Fehlgeburt herbeizuführen. Die Neunjährige weiß zwar nicht, was der Bügel bedeutet, aber sie weiß dass ihre Mutter hier ist und „sie versteht, dass es etwas Ernstes ist“, sagt Fabiola. „Wir sprechen darüber.“

          Sofia Dreisbach
          Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Zehntausende haben sich am Samstag in vielen Städten der Vereinigten Staaten versammelt, um für ein Recht auf Abtreibung zu demonstrieren, von New York über Chicago bis Los Angeles. In Washington sind es um die 4000, die sich am Mittag im Nieselregen versammeln. Das sind weit weniger als die 17.000 erwarteten Demonstranten. Anschließend ziehen sie zum Obersten Gerichtshof weiter, der von einem übermannshohen Zaun umstellt ist.

          Unter den Demonstranten sind viele Schwangere und Mütter; einige halten Schilder, auf denen etwa steht: „Mein Körper, meine Entscheidung“, „Ihr denkt, sie hören bei der Abtreibung auf? Ja, genau wie Putin mit der Krim aufgehört hat“ oder „Kümmer’ Dich um Deinen eigenen Uterus“.

          „Mit der Entscheidung ist noch viel mehr in Gefahr“

          Knapp zwei Wochen ist es her, dass ein Entwurf des Obersten Gerichtshof durchgestochen wurde. Das von Verfassungsrichter Samuel Alito verfasste Dokument legt nahe, dass die jahrzehntealte Grundsatzentscheidung „Roe v. Wade“ aus dem Jahr 1973 mit der Unterstützung vier weiterer konservativer Richter gekippt werden könnte. Dann läge die Entscheidung über eine Abschaffung oder Verschärfung des Rechts auf Abtreibung künftig bei den Bundesstaaten. Viele von ihnen haben schon Gesetze erlassen oder vorbereitet, die bei einer Abschaffung von „Roe v. Wade“ in Kraft treten könnten.

          Die finale Entscheidung soll bis Ende Juni fallen. Es gilt jedoch als eher unwahrscheinlich, dass die Richter von der bisherigen Position abweichen. In Washington geben sich die Sprecherinnen auf der Bühne dennoch siegesgewiss. „Ich glaube daran, dass wir gewinnen“, lassen sie die Demonstranten skandieren. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Fabiola, auch wenn sie das Schlimmste befürchtet. Mit der Entscheidung sei noch viel mehr als nur das Abtreibungsrecht in Gefahr. „Wenn wir diese Freiheit verlieren, welche ist die nächste?“, fragt die zweifache Mutter.

          In der Begründung des Verfassungsrichters Alito wird das Kippen der Grundsatzentscheidung damit begründet, dass das Recht auf Abtreibung nicht aus der Verfassung abgeleitet werden könne. Dort sei das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch nicht festgehalten. Viele befürchten ähnliche juristische Erdbeben deswegen auch in anderen Fällen, die sehr ähnlich begründet wurden, etwa dem der gleichgeschlechtlichen Ehe von 2015.

          Seitdem das Dokument öffentlich gemacht wurde, spaltet das Thema des Abtreibungsrecht die amerikanische Gesellschaft noch mehr als zuvor. Fabiola ist an diesem Samstag mit einer Kollegin zu der Demonstration gekommen. Gerade haben sie darüber gesprochen, wer von der Arbeit die beiden wohl noch begleitet hätte. „Es gibt da keinen Mittelweg“, sagt Fabiola, keine Unentschiedenen. Die meisten, befürchten die beiden, würden wohl nicht kommen.

          Abtreibungsgegner vor dem Obersten Gerichtshof

          Vor dem Obersten Gerichtshof stehen denn auch schon einige Gegendemonstranten bevor der Zug der Abtreibungsbefürworter am Samstagnachmittag angekommen ist. Sie halten Schilder wie: „Frauenrechte beginnen im Mutterleib“ oder „Post-Roe-Feminist“, Feministin auch ohne die Grundsatzentscheidung zur Sicherung von Abtreibungen.

          In den politischen Lagern Amerikas zeigt sich die Spaltung bei diesem Thema wieder einmal ganz deutlich. Vergangene Woche hatten sich alle Republikaner des Senats geschlossen dagegen ausgesprochen, eine Abstimmung über ein nationales Abtreibungsrecht zuzulassen. Die Demokraten wiederum hatten diese Niederlage einkalkuliert: Unmittelbar nach der absehbaren Entscheidung begannen sie, die Wähler auf den November einzustellen und diejenigen, die ein Abtreibungsrecht befürworten, für die Kongresswahlen zu motivieren.

          Für Fabiola ist das eine der wenigen Möglichkeiten, etwas gegen den drohenden Rückschritt zu tun, der die Aufhebung der Grundsatzentscheidung ihrer Meinung nach wäre. „Wir müssen wählen, unterstützen, unsere eigene Meinung kundtun“, sagt sie. Doch gleichzeitig würden die Leute müde. „Wir haben dagegen protestiert, wir haben in den Wahlen dagegen gestimmt. Was können wir noch tun?“

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