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Tariq Aziz vor irakischem Sondertribunal : Das zivile Gesicht der Diktatur Saddam Husseins

Tariq Aziz: Einst im Einsatz für Saddam Hussein Bild: AFP

Fünf Jahre lang war das Bild von Tariq Aziz aus den Weltmedien so gut wie verschwunden - das Bild des Mannes, der ein Vierteljahrhundert wie kein Zweiter das Regime Saddam Husseins im Ausland vertreten hat. Nun droht auch ihm die Todesstrafe.

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          Fünf Jahre lang war das Bild von Tariq Aziz aus den Weltmedien so gut wie verschwunden - das Bild des Mannes, der ein Vierteljahrhundert wie kein Zweiter das Regime des irakischen Diktators Saddam Hussein im Ausland vertreten hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der chaldäische Christ mit dem schweren schwarzen Brillengestell, der eloquent Englisch spricht und stets Havanna-Zigarren rauchte, war das zivile Gesicht von Saddams Herrschaft. Er trat als dessen Übersetzer in der Welt auf, denn anders als die übrige Umgebung Saddams verstand er die Sprache und das Denken seiner westlichen Gesprächspartner.

          Anklage: Hinrichtungsbefehle unterzeichnet

          Am Dienstag erschien Tariq Aziz, der sich vor fünf Jahren amerikanischen Soldaten ergeben hatte, erstmals vor dem irakischen Sondertribunal. Zur Last wird ihm gelegt, dass er als Mitglied des Revolutionsrats 1992 einen Befehl zur Hinrichtung von 42 Großhändlern mitunterzeichnet hatte.

          Vor dem irakischen Sondertribunal: Tariq Aziz

          Die Vereinten Nationen hatten nach dem Überfall auf Kuweit im Sommer 1990 Sanktionen gegen den Irak verhängt, die sich auf die Versorgung der Bevölkerung schmerzhaft auswirkten. Das Regime brauchte einen Sündenbock und fand ihn in 42 Großhändlern. Sie wurden im Juli 1992 verhaftet, der Preistreiberei angeklagt und nach wenigen Stunden hingerichtet. Der Staat konfiszierte ihr Vermögen.

          Mit Tariq Aziz sind sechs weitere führende Mitglieder des damaligen Regimes angeklagt. Allen droht die Todesstrafe. Unter ihnen ist auch Saddams Cousin Ali Hassan al Madscheed (“Chemie-Ali“), der schon vergangenes Jahr wegen seiner Beteiligung am Massenmord an den Kurden zum Tode verurteilt wurde. Seine Verteidigung erreichte wiederholt den Aufschub der Vollstreckung.

          Bevorzugter Gesprächspartner des Westens

          Der Verteidiger von Tariq Aziz bezeichnet die Anklage gegen seinen Mandanten als völlig unglaubwürdig, denn der sei während jener Tage im Juli 1992 im Ausland gewesen, wie so oft zuvor und danach. Als die Vereinigten Staaten und der Irak 1984 diplomatische Beziehungen aufnahmen, sicherte Tariq Aziz seinem Land die Unterstützung Amerikas für den Krieg gegen Iran. Dazu verhandelte er im Weißen Haus mit Präsident Reagan.

          In Moskau erreichte Aziz trotzdem die Fortsetzung der umfangreichen sowjetischen Wirtschaftshilfe für den Irak. Nach dem Überfall auf Kuweit besuchte er die Hauptstädte des Westens, konferierte auch mit dem amerikanischen Außenminister Baker und warb um Zustimmung für die irakische Aggression. Er verhandelte steinhart, war aber der bevorzugte Gesprächspartner des Westens.

          Unmittelbar vor dem Einmarsch amerikanischer und alliierter Truppen im März 2003 hatte Tariq Aziz zu seiner letzten Auslandsreise angesetzt, um den drohenden Krieg noch abzuwenden. Unter anderem empfing ihn Papst Johannes Paul II., denn Tariq Aziz war nicht nur der Interessenvertreter von Saddams Irak.

          Irakischer Vorzeigechrist

          Als chaldäischer Christ gehört er dem Zweig der assyrischen Kirche an, die mit Rom uniert ist. Tariq Aziz war der irakische Vorzeigechrist und diente als Beweis für die religiöse Toleranz des Regimes. Die Christen konnten ihren Glauben frei praktizieren, hatten aber nicht - wie nach 2003 - Medien und Schulen in eigener Sprache. Wer aufsteigen wollte, musste seine Identität als christlicher Assyrer verleugnen und sich als säkularer Araber definieren.

          Das tat auch Tariq Aziz. Sein Vater, ein Kellner, hatte den 1936 nahe Mossul geborenen Sohn als Michail Yuhanna taufen lassen. Als der aber zwei Jahrzehnte später während des Studiums der englischen Sprache in Bagdad Saddam Hussein kennenlernte, nahm er einen austauschbaren arabischen Namen an. In den wirklich engen Zirkel um Saddam wurde er dennoch nie aufgenommen. In verschiedenen Funktionen wurde der Journalist und Herausgeber der Parteizeitung „Al Thaura“ (“Die Revolution“) für Saddam aber rasch unentbehrlich: Zuerst war er Informationsminister, dann alternierend Außenminister und stellvertretender Ministerpräsident.

          Bedingungslos loyal zum „ Helden Saddam Hussein“

          Anders als den Mitgliedern des engen Zirkels um Saddam sind von Tariq Aziz keine schweren Verbrechen bekannt. Auch nach dem Sturz des Regimes blieb er seinem Herrn bedingungslos loyal. Als Zeuge sagte er im Prozess gegen Saddam aus, er habe „die Ehre“ gehabt, „mit dem Helden Saddam Hussein“ zu arbeiten, dem „Helden der Einheit und der Unabhängigkeit des Iraks“.

          Schuldbewusstsein ist von ihm nicht zu erwarten. Als Informationsminister hatte er 1977 geschrieben: „Der Kämpfer mit einem ehrbaren Leumund, der heute als falsch erscheint, mag tausendmal nützlicher für die Revolution sein als jener, der vor den Menschen als richtig dasteht.“ Denn der Kämpfer mit dem wahren revolutionären Antrieb trage den Instinkt für das richtige Handeln in sich.

          Die Geschichte holt nun auch Tariq Aziz ein. Am 1. April 1980 verübten Mitglieder der schiitischen Untergrundorganisation Daawa ein Attentat auf ihn, als er die Bagdader Universität al Mustansariya betrat. Er überlebte leicht verletzt. Saddam aber erklärte danach, die bloße Mitgliedschaft in Daawa werde mit dem Tod bestraft.

          Am 9. April 1980 ließ Saddam den Ajatollah Muhammad Baqir al Sadr hinrichten, den ideologischen Vater der Daawa-Partei und Schwiegervater von Muqtada al Sadr. Heute, beim Beginn des Prozesses gegen Tariq Aziz, stellt die Daawa-Partei mit Nuri al Maliki den Ministerpräsidenten. Gegen ihn hatte Saddams Justiz im April 1980 auch das Todesurteil ausgesprochen. Dieses droht nun Tariq Aziz.

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