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Neuer Corona-Kurs in Tansania? : Wenn die Präsidentin Maske trägt

Die tansanische Präsidentin Samia Suluhu Hassan in Kenia Bild: Reuters

Tansanias verstorbener Präsident galt als „Bulldozer“ und wollte mit Gebeten und Dampfkuren statt mit Impfstoffen gegen Corona vorgehen. Seine Nachfolgerin steht nun für eine Wende.

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          Es war ein Streich ganz nach dem Geschmack der Corona-Leugner auf der Welt und ein Triumph für John Magufuli gewesen. Vor einem Jahr hatte der frühere tansanische Staatspräsident Proben einer Papaya, einer Ziege und eines Schafs an das nationale Corona-Testlabor geschickt. Das Ergebnis? Positiv. Das passte in Magufulis Erzählung: Wie kein anderer Staatspräsident in Afrika hatte er bis kurz vor seinem Tod die Corona-Pandemie geleugnet, sich bei öffentlichen Auftritten für Gebete und Dampfkuren statt Impfstoffe starkgemacht. Seit April vergangenen Jahres hatte Tansania keine Infektionszahlen mehr veröffentlicht. Damals waren es 509 Infektionen und 21 Todesfälle. Tansania gehört auch zu den wenigen Ländern in Afrika, die bisher keine Impfstoffe bestellt haben.

          Claudia Bröll
          Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Jetzt deutet sich unter der neuen tansanischen Präsidentin Samia Suluhu Hassan eine Wende an, wenn auch in zaghaften Schritten. Schon bei einem Treffen mit älteren Würdenträgern vor zwei Wochen war die frühere Vizepräsidentin mit einer N95-Gesichtsmaske erschienen. Es war ihr erster öffentlicher Auftritt mit Maske im eigenen Land. „Die heutige Versammlung ist riesig, sodass wir beschlossen haben, Gesichtsmasken zu tragen, um unsere Älteren zu schützen, weil wir uns auch in andere Länder begeben, wo wir nicht wissen, wer infiziert ist und wer nicht“, sagte sie.

          Fachleute fordern weitere Schritte

          Kurz zuvor hatte die Regierung die Regeln für die Einreise an internationale Standards angepasst. Einreisende müssen jetzt einen negativen Corona-Test vorlegen. Diejenigen aus Hochrisikogebieten müssen sich zusätzlich testen lassen oder sich – im Fall von Virusvariantengebieten – 14 Tage in Quarantäne begeben. Einige Tage später hieß es jedoch, eine Quarantänepflicht gelte nur für Einreisende aus Indien.

          In dieser Woche nun forderte ein von der Präsidentin einberufenes Gremium von Fachleuten weitere Schritte. Die Regierung solle wieder eine Statistik über die Infektionslage vorlegen. Tansania habe zwei schwere Infektionswellen hinter sich und steuere möglicherweise auf eine dritte zu, stellten die Fachleute fest. Sie rieten zudem, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Impfstoffe zu beschaffen. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Vakzine wirksam und sicher seien. Außerdem solle die Regierung „alle präventiven Maßnahmen verstärken, um die Bedrohung durch eine dritte Infektionswelle einzudämmen“. Das Land solle sich den Empfehlungen von Organisationen wie der Afrikanischen Union und der WHO anschließen.

          Ein verbindlicherer Ton hat Einzug gehalten

          Ein solcher Bericht wäre in der Regierungszeit von Magufuli undenkbar gewesen und hätte die Verfasser in große Schwierigkeiten bringen können. Allerdings hatte auch der verstorbene Staatspräsident zuletzt immer größere Mühe, die Mär eines coronafreien Tansanias aufrechtzuerhalten. Anfang dieses Jahres berichteten Ärzte von einem rapiden Anstieg der Patientenzahlen in Krankenhäusern, angeblich litten viele an Lungenentzündungen. Fotos von heimlichen nächtlichen Beerdigungen tauchten in den sozialen Medien auf. Als auch Kabinettsmitglieder starben, lenkte Magufuli schließlich ein und empfahl den Bürgern, Gesichtsmasken zu tragen, aber nur lokal produzierte. Oppositionspolitiker sind überzeugt, dass er schließlich selbst an Covid-19 starb. Offiziell wurden Herzrhythmusstörungen als Todesursache angegeben.

          Der Kurs seiner Nachfolgerin in der Corona-Pandemie erhielt von Anfang an sowohl in Tansania als auch im Ausland die größte Aufmerksamkeit. Beobachter sehen aber auch darüber hinaus Anzeichen eines neuen Regierungsstils nach Magufuli, der wegen seiner Kompromisslosigkeit bei einigen den Spitznamen „Bulldozer“ hatte. Suluhu Hassan, die erste Präsidentin des Landes, zeigt sich demnach offener gegenüber anderen Regierungen, schlägt einen verbindlicheren Ton an.

          Der alte Präsident hat weiter viele Anhänger

          Seit ihrem Amtsantritt absolvierte sie ein straffes Programm. Bei ihrem ersten Staatsbesuch in Uganda unterzeichnete Suluhu Hassan ein Abkommen über den Bau einer 1440 Kilometer langen Ölpipeline nach Tansania. Wenige Wochen später folgte ein Abkommen mit Kenia über eine neue Gaspipeline, um Gas von Mombasa nach Daressalam zu transportieren. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2019 stattete der britische Minister für Afrika Tansania einen Besuch ab. Am Dienstag nahm Suluhu Hassan dann per Video am Frankreich-Afrika-Gipfeltreffen in Paris teil.

          Ein radikaler Kurswechsel aber wird nicht erwartet. Bei ihrem Amtsantritt hatte sie versprochen, das „Erbe“ Magufulis zu bewahren und weiterzuführen. Sie werde die verbliebene Amtszeit ihres Vorgängers nutzen, um eigene Akzente zu setzen, brauche aber auch die Unterstützung der Partei für eine erstmalige Kandidatur in den Wahlen 2025, sagt Ringisai Chikohomero, politischer Analyst des südafrikanischen Institute for Security Studies (ISS), der F.A.Z..

          Sowohl in der Partei, die Tansania seit der Unabhängigkeit 1961 regiert, als auch in der Bevölkerung hat der verstorbene Präsident weiterhin viele Anhänger. Sie halten ihm zugute, die Wirtschaft belebt und Tansania von einem armen zu einem Land mit mittleren Einkommen befördert zu haben. Es gilt daher als unwahrscheinlich, dass die neue Staatspräsidentin nach so kurzer Zeit im Amt allzu unpopuläre Entscheidungen trifft, die noch dazu der Wirtschaft schaden könnten.

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