https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/taliban-vor-kabul-kritik-an-bidens-afghanistan-politik-17485992.html

Siegeszug der Taliban : Scharfe Kritik an Bidens Afghanistan-Politik

  • Aktualisiert am

Talibankämpfer am Sonntag mit Einwohnern in Dschalalabad Bild: AFP

In Amerika wächst angesichts des Eroberungsfeldzugs der Taliban die Kritik an Präsident Joe Biden. Nicht nur die oppositionellen Republikaner werfen ihm eine katastrophale Afghanistan-Politik vor.

          4 Min.

          Das Tempo, in dem die Taliban in den vergangenen Wochen Städte und Provinzen in Afghanistan unterworfen haben und jetzt bis nach Kabul vorgedrungen sind, hat die Amerikaner unvorbereitet getroffen. Das unterstreichen zusammengeschnittene Videos, mit denen amerikanische Medien zuletzt die Afghanistan-Politik Washingtons anprangerten.:Hier aktuelle Bilder von Taliban-Flaggen auf den zentralen Plätzen der großen Provinzhauptstädte, dort der amerikanische Präsident, der noch vor wenigen Wochen sagte: „Dass die Taliban alles überrennen und das ganze Land kontrollieren werden, ist extrem unwahrscheinlich.“

          Inzwischen ist das Gegenteil der Fall: Am Sonntag drangen die Taliban an den Stadtrand Kabuls und teilweise auch ins Stadtgebiet vor. Drei Billionen Dollar, die in den vergangenen 20 Jahren aus Amerika nach Afghanistan flossen, fast 2500 gefallene US-Soldaten – sie waren aus Sicht von Kritikern vergeblich.

          Die durch eine künftige Taliban-Herrschaft zerstörten afghanischen Leben würden das politische Erbe Bidens einst ebenso bestimmen wie „die Dollar und US-Leben, die durch seine Entscheidung vielleicht verschont werden“, schrieb die „Washington Post“ in einem wütenden Leitartikel. Mit dem überhasteten Truppenabzug habe Biden Fortschritte etwa in der Mädchenbildung aufs Spiel gesetzt.

          Von einem „vermeidbaren Desaster“ in Afghanistan sprach der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell. Auch der ehemalige Präsident Donald Trump, dessen im Februar 2020 geschlossenes Abkommen mit den Taliban den internationalen Truppenabzug überhaupt erst einleitete, meldete sich zu Wort. Biden habe ein „tragisches Chaos“ verursacht, erklärte Trump und fügte in Großbuchstaben hinzu: „Vermisst ihr mich schon?“

          Biden verteidigt den Abzug

          Biden selbst ließ bislang keine Reue für seine Abzugsentscheidung erkennen. Der ansonsten für sein empathisches Auftreten bekannte Präsident zeigte sich bei Reporterfragen nach dem Schicksal der Afghanen wiederholt ungerührt. Die Afghanen müssten jetzt für „sich selbst kämpfen“, sagte er. Biden argumentiert mit der Verantwortung für die US-Soldaten, und damit, dass das amerikanische Engagement in Afghanistan kostspielig, aber angesichts der Spannungen mit China kaum mehr im strategischen Interesse der Vereinigten Staaten sei. Zudem hätten die USA ihr Ziel erreicht, Al-Qaida zu bekämpfen, und mit der Ausbildung von 300.000 Soldaten mehr als genug für Afghanistan getan. Er sei bereits der vierte US-Präsident, der die Verantwortung über die Truppenpräsenz Afghanistan trage, erinnerte Biden am Samstag. „Ich werde diesen Krieg nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben.“

          Ignoriert habe Biden die „psychologische“ Wirkung, die der vollständige Truppenabzug in Afghanistan habe, kritisierte dagegen der Afghanistan-Experte Andrew Wilder vom US Institute of Peace. Der Abzug habe in Afghanistan eine Atmosphäre geschaffen, in der ein Sieg der Taliban „unausweichlich“ erscheine. Dies habe den Kampfgeist der Afghanen beschädigt. Der Experte Brian Katulis vom linksgerichteten Center for American Progress sieht in Bidens Afghanistan-Politik auch einen Widerspruch zu dessen Versprechen, die Demokratie in der Welt zu verteidigen. Wie hoch der politische Preis sei, den Biden für seine Afghanistan-Politik werde bezahlen müssen, hänge davon ab, wie „hässlich“ sich die Taliban-Herrschaft entwickle. Eine „Serie von Greueltaten, die nur Afghanen betreffe“, werde wohl nur ein „gleichgültiges Schulterzucken“ hervorrufen, wie es bereits im Fall Syrien zu beobachten sei, sagte Katulis. „Wenn aber auch Amerikaner betroffen sein sollten, ist alles möglich.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Bundesminister Christian Lindner und Robert Habeck (rechts) am 3. Juni auf der Regierungsbank im Deutschen Bundestag

          Putins Erdgas-Krieg : Schnapsidee Gasumlage

          Mit heißer Nadel gestrickt und alles andere als solidarisch: Die Bundesregierung macht wieder einmal keine gute Figur.
          Ein wenige Wochen alter Embryo, stark vergrößert, der schon viele Organe angelegt und sich normalerweise in die Gebärmutter eingenistet hat.

          Künstliche Embryonen erzeugt : Wer braucht schon Ei, Samen, Uterus?

          Ein Embryo entsteht quasi aus dem Nichts - oder ein Homunculus? Mit Kunstembryonen sollen Organfabriken entstehen und kinderlosen Paaren geholfen werden. Stammzellforscher in Israel und USA haben die Embryozüchtung spektakulär vorangetrieben. Und deutsche Gesetze können nichts verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.