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Verhandlungen in Doha : Taliban und Afghanistans Regierung wollen weiter miteinander reden

Pakistanische Sicherheitskräfte blicken über den Grenzzaun nach Afghanistan, wo die Taliban gegen die Regierung kämpfen. Bild: EPA

Nach zwei Tagen der Verhandlung haben sich beide Seiten darauf geeinigt, sich bald wieder zusammenzusetzen. In einer gemeinsamen Erklärung steht nichts von einer möglichen Waffenruhe.

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          Die Taliban und die afghanische Regierung haben sich darauf geeinigt, bald weitere Gespräche zu führen, um die Gewalt im Land zu beenden. Das war das Ergebnis zweitägiger Verhandlungen in Doha am Wochenende. Eine vor allem von Seiten der Regierung erhoffte Waffenruhe, zumindest über die Tage des anstehenden Opferfests, wurde in der kurzen Erklärung nicht erwähnt, die beide Seiten nach dem Treffen in der Hauptstadt Qatars veröffentlichten.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Man sei übereingekommen, eine politische Lösung für den Konflikt zwischen den Aufständischen und der Regierung anzustreben, teilte Abdullah Abdullah am späten Sonntagabend mit. Der Vorsitzende des Hohen Rats für nationale Versöhnung, der die Regierungsdelegation leitete, sagte weiter, man sei sich einig gewesen, dass man zivile Opfer vermeiden und die Bedingungen für humanitäre Hilfe und medizinische Versorgung verbessern wolle, auch zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.

          Die beiden jeweils sieben Personen umfassenden Delegationen hatten zwei Tage lang hinter verschlossenen Türen miteinander verhandelt; Medienberichten zufolge war außer ihnen nur der qatarische Sondergesandte anwesend. Schon seit dem vergangenen September sprachen Delegationen beider Seiten in Doha miteinander. Die Verhandlungen verliefen jedoch von Beginn an stockend. Insbesondere den Taliban wurde wiederholt vorgeworfen, die Gespräche zu verschleppen und gleichzeitig den militärischen Druck zu verstärken.

          Die jetzige Gesprächsrunde, die in einer teilweise veränderten Zusammensetzung der Delegationen stattfand, kam vor allem dadurch zustande, dass sich die politischen und militärischen Rahmenbedingungen in den vergangenen Monaten gänzlich verändert haben. Der Abzug der ausländischen Truppen, auf den die amerikanische Regierung und die Taliban sich im Februar 2020 geeinigt hatten, ist weit fortgeschritten; bis Ende August sollen die letzten Truppen der Vereinigten Staaten und weiterer Verbündeter Afghanistan verlassen haben.

          Zudem haben die Taliban ihren militärischen Druck seit dem Frühjahr erheblich verstärkt. Manchen Erhebungen zufolge kontrollieren sie inzwischen mehr als die Hälfte der Distrikte des Landes. Die Islamisten haben viele Provinzhauptstädte eingekreist und kontrollieren zahlreiche der großen Verbindungsstraßen Afghanistans. Zudem haben sie mehrere Grenzübergänge zu Nachbarländern unter ihre Kontrolle gebracht, die für den Warenverkehr wichtig sind.

          In einer gemeinsamen Erklärung der diplomatischen Vertretungen von 15 Staaten, darunter Deutschland, sowie der EU und der NATO, wurde das Verhalten der Taliban kritisiert. Deren anhaltende Offensive stehe in direktem Widerspruch zu ihrer Behauptung, eine Verhandlungslösung vorzuziehen und die Doha-Gespräche zu unterstützen. Weiter hieß es in der am Sonntag veröffentlichten Erklärung, die diplomatischen Vertreter verurteilten die Tötung von Zivilisten, die Zerstörung wichtiger Infrastruktur und die Menschenrechtsverletzungen in den von den Taliban kontrollierten Gebieten. Zum Opferfest sollten die Taliban „ihre Waffen endgültig niederlegen und der Welt zeigen, dass sie dem Friedensprozess verpflichtet sind“.

          Ein diplomatischer Konflikt eskaliert

          Während mit den Taliban weitere Gespräche folgen sollen – laut Angaben aus Qatar in der nächsten Woche –, eskalierte über das Wochenende ein kürzlich entbrannter diplomatischer Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Regierung in Kabul rief am Sonntag den afghanischen Botschafter in Islamabad, Najib Alikhil, sowie weitere ranghohe Diplomaten zurück. Das pakistanische Außenministerium nannte den Schritt „unglücklich und bedauerlich“ und teilte mit, man hoffe, dass Kabul die Entscheidung überdenke.

          Hintergrund ist ein mysteriöser Vorfall: Silsila Alikhil, die Tochter des Botschafters, war am Freitag in der pakistanischen Hauptstadt anscheinend von Unbekannten entführt und mehrere Stunden lang festgehalten worden. Dies machte ihr Vater am Samstag öffentlich. Berichten zufolge wies sie Verletzungen und Fesselungsmale auf.

          In Afghanistan löste der Vorfall starke Reaktionen aus. Vizepräsident Amrullah Saleh schrieb auf Twitter, die „Entführung und Folterung“ Alikhils habe „die Psyche unserer Nation verletzt“. In Kabul gab es Proteste vor der pakistanischen Botschaft. Von afghanischer Seite hieß es, die Diplomaten würden aus Pakistan zurückgerufen, bis geklärt sei, dass für sie keine Sicherheitsrisiken mehr bestehen und die Entführer gefasst sind. Am Montag reiste auch der pakistanische Gesandte in Afghanistan, Mansoor Ahmed Khan, nach Islamabad zurück; die Gründe waren vorerst unklar.

          Aufklärung mit höchster Priorität

          Der pakistanische Ministerpräsident Imran Khan hatte schon am Wochenende angeordnet, die Aufklärung des Falls mit höchster Priorität zu behandeln. Er wolle, dass die Schuldigen binnen 48 Stunden gefasst seien, hieß es in einer Stellungnahme des Innenministeriums vom Samstag. Auch am Montag schien der Vorfall in Pakistans stark überwachter Hauptstadt jedoch noch unaufgeklärt zu sein. Innenminister Sheikh Rashid Ahmed stellte unterdessen in Frage, dass es sich wirklich um eine Entführung gehandelt habe. In einem Fernsehauftritt am Sonntag sprach er zugleich von einer „internationalen Verschwörung“ und beschuldigte den indischen Geheimdienst, den Vorfall inszeniert zu haben.

          Die afghanisch-pakistanischen Beziehungen sind derzeit auch wegen eines verbalen Schlagabtauschs zwischen Imran Khan und dem afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani belastet. Ghani hatte am Freitag in einer Rede auf einer Regionalkonferenz in Usbekistan dem Nachbarland vorgeworfen, die Taliban zu unterstützen; mehr als 10.000 Kämpfer seien im vergangenen Monat aus Pakistan über die Grenze nach Afghanistan gelangt. Khan wies dies kurz darauf auf derselben Konferenz zurück. Er bezeichnete Ghanis Kommentare als „extrem unfair“ und bekräftigte, kein Land habe mehr dafür getan als Pakistan, die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen.

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