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Taliban in eroberten Gebieten : „Jeder, der an Fortschritt glaubt, ist bedroht“

Frauen tragen Burka in Kabul Bild: AFP

Die afghanische Ethnologin Shikiba Babori glaubt nicht, dass die Taliban sich geändert haben. Wer die Ideologie der Islamisten in Frage stelle, sei in Gefahr, Frauen würden eingesperrt, sagt sie im F.A.Z.-Gespräch.

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          Frau Babori, Sie sind in Kabul geboren, leben als Ethnologin in Köln und fahren regelmäßig nach Afghanistan. Wie weit ist eine Reise zum Hindukusch für Sie nun entfernt?

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Eine Reise nach Afghanistan ist sehr weit nach hinten gerückt. Es ist eine ähnliche Situation wie vor 2001. Man muss dazusagen: Es sind nicht nur Frauen und Journalisten bedroht, sondern jeder Intellektuelle. Jeder, der an Fortschritt glaubt. Jeder, der eine Ausbildung hat, ist gefährdet. Jeder, der die Ideologien der Taliban, sofern man sie erkennt und nachvollziehen kann, infrage stellt, ist in Gefahr. Für mich als Frau ist es in den letzten Jahren schon schwer gewesen. Es gab eine sehr gute Zeit Anfang der 2000er Jahre, als die NATO frisch in Afghanistan war. Da konnte ich mich auch frei im Land bewegen. Diese Situation hatte sich 2006/2007 verschlechtert. Es gab auch immer das Problem des Kidnappings. Später, nach 2014, wurde der „Islamische Staat“ aktiv, man wusste nicht mehr, von welcher Seite die Anschläge verübt wurden.

          Shikiba Babori ist in Afghanistan geboren und arbeitet als Ethnologin in Köln.
          Shikiba Babori ist in Afghanistan geboren und arbeitet als Ethnologin in Köln. : Bild: Privat

          Wir kennen ziemlich konkret die Gebietsgewinne der Taliban. Was wissen Sie über die Veränderungen für die Menschen in von Taliban kontrollierten Gebieten?

          Dazu muss man wissen: Die Taliban haben sich bei den Gesprächen, auch mit Deutschland, immer fortschrittlicher und offener gezeigt, als man sie in Erinnerung hatte. Sie haben behauptet, sie hätten sich verändert. Aus den Gebieten und Provinzen, in denen die Taliban nun die Kontrolle übernommen haben und wo ich Kontakt mit Menschen habe, höre ich: Nichts hat sich verändert. Die Taliban sind genauso wie damals. Frauen müssen Burka tragen. Dass die Taliban ihre Standpunkte verändert hätten, ist in diesen Gebieten überhaupt nicht wahrzunehmen.

          Hat sich die Situation für Frauen in den vergangenen zwanzig Jahren verändert?

          Es gibt einen großen Unterschied, ob wir über die Frauen in den vier, fünf Großstädten sprechen oder den kleineren ländlichen Bezirken. In den größeren Städten gab es die Möglichkeit, die Schule zu besuchen, in die Uni zu gehen, sofern das finanziell den Familien möglich war. In den Provinzen sah die Situation ganz anders aus. 80 Prozent der Afghanen sind Bauern. Nach 2001 wurden zum einen Schulen und Universitäten ausgebaut. Kinder konnten zur Schule, aber was dort gelehrt wurde, das ist ein Witz. Es fehlten Lehrer, die stattdessen häufig für internationale Organisationen gearbeitet haben, weil sie damit mehr Geld verdient haben. Heute können viel mehr Menschen lesen, addieren und subtrahieren. Das war es dann aber auch schon. Die letzten 45 Jahre haben Afghanistan komplett das Genick gebrochen. Die Mittelschicht hat das Land verlassen. Viele sind schon während der Sowjet-Ära gegangen.

          Mehr als fünf Millionen Afghanen sollen im eigenen Land Zuflucht suchen. Es wird berichtet, dass vor allem Frauen aus Taliban-Gebieten in die Hauptstadt Kabul fliehen. Was passiert, wenn die Islamisten die Hauptstadt einnehmen?

          Die schlimmsten Szenarien, die man sich vorstellen kann, können dann passieren. Die Taliban sind zwar keine homogene Gruppe, die sind sehr vielschichtig. Sie haben nicht die eine Ideologie und das eine Ziel, das sie erreichen wollen. Außerdem gibt es noch den IS, gegen den die Taliban kämpfen. Das schlimmste Szenario wäre, was viele Afghanen befürchten, dass ein Bürgerkrieg ausbricht. Ähnlich der Situation, als die Sowjets rausgegangen sind. Man denke an die vielen Mudschahedin-Gruppierungen, die mit den Taliban um die Macht gerungen haben. Frauen, die benutzt werden, um Männer, Gruppen und Familien bloßzustellen. Dass jemand sein Gesicht und seine Ehre verliert. Der schnellste Weg, jemanden zu entehren, ist, seiner Frau, seiner Tochter oder seiner Schwester etwas anzutun. Was diese Art der Perversion betrifft, sind den Entwicklungen in Afghanistan keine Grenzen gesetzt.

          Die Hazara sind eine schiitische Minderheit. Was steht zu befürchten, wenn die überwiegend sunnitischen Taliban Gebiete von Minderheiten einnehmen?

          Sie werden als absolutes Ziel von IS und Taliban betrachtet. Es gibt zwar auch eine Handvoll schiitische Mudschahedin-Gruppierungen, die sind aber aktuell, glaube ich, nicht sehr aktiv. Bei jeder Gelegenheit hat es auch in der Vergangenheit schon Anschläge gegeben, bei Hochzeiten und anderen Festlichkeiten. Das Wichtigste in diesem Land ist, zu überleben. Das heißt, auch die Gebiete, die jetzt von den Taliban übernommen worden sind, da sind Familien, die nicht mit der Taliban sympathisieren, die Töchter mit Schulausbildung haben oder arbeiten gehen. Diese Menschen werden sich aus Angst nicht dahinstellen und sagen: Wir sind gegen die Taliban.

          Jalaluddin Shinwari, der stellvertretende Justizminister zur Zeit der Taliban-Herrschaft, sagte der F.A.Z., dass Schulbildung für Mädchen mit der Herrschaft der Taliban vereinbar wäre. Glauben Sie das?

          Wenn man die Gebiete sieht, in denen die Taliban derzeit schon sind, dann ist es jedoch ganz anders: Sie verbieten den Mädchen und Frauen, das Haus zu verlassen.

          Shinwari sagte auch, dass er Hoffnung mit dem Vormarsch verbinde, weil die afghanische Regierung zu korrupt sei.

          In den letzten zwanzig Jahren ist so viel Geld nach Afghanistan geflossen. Wäre das nicht passiert, hätte die Korruption gar nicht so ein großes Problem sein können. Es gibt unglaublich viel Geld im Land. Und es ist absolut richtig: Die Regierung ist korrupt, ganz gleich auf welcher Ebene. Das System ist korrupt. Selbst diejenigen, die Kampagnen gegen Korruption aufstellten, sind korrupt geworden. Das macht es den Taliban nun leichter innerhalb der Bevölkerung. Das ist Wasser auf deren Mühle.

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