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Afghanistan : Mullah Baradar ist wieder da

Taliban-Mitgründer Mullah Abdul Ghani, genannt „Bruder“ (Baradar) im Februar 2020 in Doha Bild: AFP

Er ist das Gesicht der Taliban nach außen und wird schon als möglicher Präsident genannt. Nun ist Mullah Baradar über die Taliban-Hochburg Kandahar nach Afghanistan zurückgekehrt. Wer ist dieser Mann?

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          Zurückhaltende und doch selbstbewusste Worte wählte einer der Taliban-Führer im Angesicht des größten Erfolgs der Islamisten seit den 1990er-Jahren. Die rasche Einnahme Kabuls sei „unerwartet“ gewesen, sagte Mullah Baradar in einer Videobotschaft am Tag nach dem Fall der Stadt. Man dürfe jetzt keine Arroganz zeigen und müsse beweisen, dass man die Lebensumstände der Afghanen verbessern werde. Gleichzeitig rief er dazu auf, Gott zu danken für den „Sieg, der in der Weltgeschichte seinesgleichen nicht hat“.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Er selbst hat seinen Teil dazu beigetragen, wenn auch zuletzt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem diplomatischen Parkett. Mullah Abdul Ghani, genannt „Bruder“ (Baradar), ist einer der Stellvertreter von Emir Haibatullah Akhundzada und der Leiter des politischen Büros der Taliban in Doha. Von Beginn an gehörte der 1968 in der Provinz Uruzgan geborene Paschtune der Islamistengruppe an; später war er de facto Militärchef der Taliban und führte deren Aufstand gegen die Regierung und die ausländischen Truppen. Sein großer Einfluss geht auch darauf zurück, dass er ein enger Freund von Taliban-Gründer Mullah Omar war, den er seit Jugendzeiten kannte.

          Auf Druck der USA freigelassen

          Mullah Baradar gilt als gemäßigt und verhandlungsbereit: So hatte er nach 2001 immer wieder Gesprächskontakte mit westlichen Vertretern und der afghanischen Regierung unter Hamid Karzai und galt als möglicher Partner für Friedensverhandlungen. Wohl aufgrund solcher Kontakte wurde er 2010 in Pakistan festgenommen und befand sich dort von 2013 an im Hausarrest.

          Im Oktober 2018 wurde Mullah Baradar auf Drängen Washingtons freigelassen. Seither ist er das Gesicht der Taliban nach außen. Er leitete die Gespräche mit den Amerikanern in Qatar und unterzeichnete Ende Februar 2020 mit Mike Pompeo, dem damaligen Außenminister der USA, das Doha-Abkommen. Danach ermahnte er die Amerikaner immer wieder dazu, sich an die Abmachung zu halten, welche den Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan vorsah. Währenddessen trieben die Taliban allerdings ihre Offensive voran.

          Auch in den Nachbarländern Afghanistans ist Mullah Baradar inzwischen ein häufig gesehener Gast, erst kürzlich war er in Peking und zuvor schon in Teheran sowie mehrmals in Islamabad. Die Anerkennung durch regionale Mächte spielt für die Taliban jetzt eine wichtige Rolle.

          Nun ist Mullah Baradar offenbar nach Afghanistan zurückgekehrt – über die Taliban-Hochburg Kandahar, nicht über die Hauptstadt Kabul. So berichten es am Mittwoch mehrere örtliche Medien. Welche Rolle Mullah Baradar selbst künftig spielen wird, ist schwer auszumachen. Er wird als möglicher Präsident genannt. Auch unter den Taliban gibt es mehrere Machtzentren. Bislang hatte die politische Führung – die „Schura“ im pakistanischen Quetta und das politische Büro in Doha – zusammen mit den Feldkommandeuren an einem Strang gezogen. Ob das auch weiter so sein wird, ist eine der vielen unbeantworteten Fragen im neuen Afghanistan.

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