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Afghanistan : Taliban erobern auch Dschalalabad – Biden verteidigt Truppenabzug

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„Ein weiteres Jahr oder fünf weitere Jahre US-Militärpräsenz hätten keinen Unterschied gemacht, wenn das afghanische Militär sein eigenes Land nicht halten kann oder will“, sagte der amerikanische Präsident Joe Biden. Bild: AP

Mit Dschalalabad ist die vorletzte Großstadt Afghanistans in die Hände der Islamisten gefallen. Der amerikanische Präsident Biden verteidigte den Abzug der US-Truppen: Eine endlose amerikanische Präsenz sei nicht akzeptabel gewesen.

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          Die radikal-islamischen Taliban haben mit Dschalalabad im Osten Afghanistans die vorletzte noch von der Regierung kontrollierte Großstadt des Landes eingenommen. Auch sie wurde den Kämpfern, wie zuvor Mazar-i-Scharif, widerstandslos überlassen. „Es finden zurzeit keine Kämpfe statt, weil sich der Gouverneur den Taliban ergeben hat“, sagte ein afghanischer Behördenvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Dies sei die einzige Möglichkeit gewesen, das Leben von Zivilisten zu retten.

          „Kämpfen wäre sinnlos gewesen“, erklärten auch zwei Provinzräte. Ein Einwohner berichtete, die Islamisten seien um sechs Uhr morgens (Ortszeit) in die wirtschaftlich wichtige Stadt mit 280.000 Einwohnern eingedrungen. Sie würden niemanden belästigen und hätten den Menschen gesagt, sie sollten nicht plündern. Soldaten würden von ihnen entwaffnet und nach Hause geschickt, sagte der Bewohner weiter. In sozialen Medien geteilte Bilder zeigten rund ein Dutzend Taliban-Kämpfer im Büro des Provinzgouverneurs.

          Nach noch unbestätigten Berichten übernahmen die Islamisten auch weitere Bezirke in der Provinz Nangarhar. Es wäre damit nur eine Frage der Zeit, bis auch eine durch die Provinz verlaufende Hauptverbindung nach Pakistan über Land unter ihrer Kontrolle stünde. Der Ring um die Hauptstadt Kabul ist somit annähernd geschlossen. Präsident Aschraf Ghani hatte am Samstag den ehemaligen Kommandeur des 215. Armeekorps, Sami Sadat, zum neuen Sicherheitsbeauftragten für Kabul ernannt. Das 215. Armeekorps war für den Süden Afghanistans zuständig, der mittlerweile praktisch vollständig Taliban-Gebiet ist.

          Wie viele Sicherheitskräfte sind noch im Dienst?

          Es ist allerdings fraglich, ob der neue Kabul-Beauftragte noch dazu kommen wird, die Kräfte und Verteidigungslinien für die Hauptstadt zu verstärken. Momentan ist nicht bekannt, wie viele der offiziell rund 300.000 Mann starken Sicherheitskräfte aus Armee und Polizei schon den Dienst aufgegeben haben. Am Samstag hatte Ghani in einer Fernsehansprache angekündigt, die Sicherheitskräfte zu „remobilisieren“.

          Menschenleere Straßen: Mazar-i-Scharif am Samstag
          Menschenleere Straßen: Mazar-i-Scharif am Samstag : Bild: EPA

          Nach den jüngsten kampflosen Übergaben mehrerer Provinzhauptstädte ist zudem unklar, ob sich die Sicherheitskräfte in Kabul den Taliban überhaupt widersetzen würden. Weiter ist offen, wie lange sich Ghani angesichts der brisanten Lage noch halten kann. Er hatte am Samstag gesagt, er wolle „bald“ einen Plan vorlegen, um weiteres Blutvergießen und Zerstörungen zu verhindern. Auf Spekulationen über seinen Rücktritt war er nicht eingegangen.

          Soldaten fliehen nach Usbekistan

          Die Regierung Usbekistans teilte unterdessen mit, 84 afghanische Militärangehörige seien im Grenzbereich des Landes festgenommen worden. Sie hätten keinen Widerstand geleistet. Die Soldaten hätten die Grenze nach Usbekistan am Samstag überquert. Eine weitere Gruppe von Soldaten habe sich in der Nähe eines Kontrollpunkts auf afghanischer Seite versammelt.

          Vor Dschalalabad hatten die Taliban auch die Stadt Mazar-i-Scharif im Norden Afghanistans eingenommen. Anscheinend sei die Stadt kampflos gefallen, sagte der Vorsitzende des örtlichen Provinzrats, Afsal Hadid. Die Islamisten hatten Mazar-i-Scharif vor rund einer Woche angegriffen. Immer wieder versuchten sie von mehreren Seiten, in die auch wirtschaftlich starke Metropole mit geschätzt 500.000 Einwohnern einzudringen. Milizen des ehemaligen Gouverneurs Mohammad Atta Nur und des Kriegsherrn Abdul Raschid Dostum hatten zuletzt nördlich der Stadt eine zusätzliche Verteidigungslinie zur Unterstützung der Sicherheitskräfte aufgebaut.

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