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Afghanische Provinz : Taliban erklären Pandschir-Tal für erobert

  • Aktualisiert am

Milizionäre der Miliz von Massoud, Sohn von Shah Massoud, schieben Ende August ein Fahrzeug während einer Trainingsübung in der Provinz Pandschir. Bild: dpa

Die Taliban wollen nach eigenen Angaben die letzte nicht unter ihrer Kontrolle stehende Provinz erobert haben. Die Widerstandskämpfer machen dazu bislang keine offiziellen Angaben.

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          Die militant-islamistischen Taliban wollen nach eigenen Angaben die letzte noch nicht unter ihrer Kontrolle stehende afghanische Provinz, Pandschir, erobert haben. Das teilte der Sprecher der Islamisten, Sabiullah Mudschahid, in einer am Montag veröffentlichten Erklärung mit. Vonseiten der Widerstandskämpfer in Pandschir gab es zunächst keine offiziellen Angaben.

          Der Sprecher der Nationalen Widerstandsfront (NRF), Fahim Daschti, war in der Nacht zu Montag bei den Gefechten ums Leben gekommen, wie mehrere Quellen in der Widerstandsfront bestätigten. Ein zweiter Sprecher der NRF teilte einen Tweet, der angab, die Taliban-Behauptung über die Eroberung Pandschirs sei falsch. Dazu schrieb er selbst, der Kampf werde fortgesetzt, bis die Aggressoren aus dem Land entfernt seien.

          Ein Taliban-Sprecher teilte ein Bild, das Taliban-Kämpfer vor dem Gouverneurssitz in der Provinzhauptstadt Basarak zeigen soll.

          Eroberung wäre großer Erfolg

          Eine Eroberung Pandschirs wäre ein großer Erfolg für die Islamisten. Diese konnten die Provinz während ihrer ersten Herrschaft nicht einnehmen, was am erbitterten Widerstand der Nordallianz lag und der geografischen Lage: Der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.

          In Pandschir seien mehrere „Rebellen“ geschlagen worden, der Rest sei geflohen, teilten die Taliban mit. Man gebe den Menschen von Pandschir die volle Gewissheit, dass sie nicht diskriminiert würden und dass „ihr alle unsere Brüder seid und wir einem Land und einem gemeinsamen Ziel dienen werden“, hieß es in der Taliban-Erklärung weiter. Mit diesen jüngsten Siegen sei Afghanistan vollständig aus dem „Strudel des Krieges“ herausgekommen und die Menschen führten künftig ein friedliches Leben.

          Bild: F.A.Z.

          Die Pandschir-Frage sollte ursprünglich durch Verhandlungen gelöst werden. Am Dienstag allerdings begannen Gefechte, als nach Angaben von Daschti Taliban Kontrollpunkte am Taleingang angriffen. Seither hatten sich die Kämpfe täglich verstärkt. Die Islamisten rückten offensichtlich weiter in das Tal vor.

          Der Anführer der NRF, Achmad Massud, hatte sich in der Nacht zu Montag zu einer Verhandlungslösung bereit gezeigt, um die Kämpfe zu beenden. Er zeigte sich dazu bereit, den Krieg sofort zu beenden, falls die Taliban ihre Angriffe in Pandschir beendeten. Die NRF sei bestrebt, Konflikte mit den Taliban friedlich beizulegen.

          Unterdessen machten die Taliban laut UN-Angaben Sicherheitsgarantien für humanitäre Helfer. Die Islamisten hätten in Gesprächen zugesichert, dass Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sich im Land frei und sicher bewegen könnten, erklärte ein UN-Sprecher am Sonntag. Taliban-Sprecher Suhail Schaheen erklärte auf Twitter, die Taliban sicherten der UNO „Zusammenarbeit und die Bereitstellung der notwendigen Einrichtungen“ zu.

          Nach der Machtübernahme durch die radikalislamischen Taliban ist rund die Hälfte der afghanischen Bevölkerung nach Einschätzung der UNO von einer humanitären Katastrophe bedroht. Afghanistan war bereits zuvor in hohem Maße von humanitärer Hilfe abhängig. Rund 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden aus dem Ausland finanziert.

          Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kündigte in der Zeitung Rheinische Post eine Verstärkung der deutschen Unterstützung für Hilfsorganisationen der UNO und anderer „erfahrener“ Träger an, „um eine Hungerkatastrophe zu verhindern und die Ernährungsversorgung in Afghanistan aufrecht zu erhalten.“

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          Zudem wolle die Bundesregierung eine geplante Luftbrücke der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach Afghanistan zur Versorgung von Krankenhäusern mit Medikamenten und Impfstoffen unterstützen. Das habe er mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus besprochen, sagte Müller.

          Der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid hatte zuvor seine Bitte um Unterstützung der Bundesregierung bekräftigt: „Wir möchten, dass Deutschland uns im humanitären Bereich unterstützt und hilft, soweit die deutsche Regierung dies kann“, sagte er am Sonntag bei „Bild Live“.

          Merkel für Verhandlungen

          Deutschland hat die Fortführung von Hilfszahlungen nach Afghanistan auch von der Einhaltung der Menschenrechte in dem Land abhängig gemacht. Während die Bundesregierung die Taliban nach wie vor nicht diplomatisch anerkennt, bekräftigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag, dass Deutschland mit den Islamisten über die Ausreisemöglichkeit von Ortskräften verhandeln muss.

          „Wir müssen einfach mit den Taliban auch darüber sprechen, wie wir auch Leute, die für Deutschland gearbeitet haben, weiter außer Landes bekommen und in Sicherheit bringen können“, sagte sie am Rande eines Besuchs in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten in Nordrhein-Westfalen.

          Widerstand gegen die Taliban: Die Soldaten im Pandschir-Tal (Aufnahme vom 1. September).
          Widerstand gegen die Taliban: Die Soldaten im Pandschir-Tal (Aufnahme vom 1. September). : Bild: AFP

          Taliban-Sprecher Mudschahid bekräftigte bei „Bild Live“, dass Ortskräfte nicht in Gefahr seien. „Wir haben den Afghanen, die für Deutschland oder ein anderes Land gearbeitet haben, keine Probleme bereitet und werden es auch nicht tun“, sagte er.

          Die Taliban haben seit ihrer Machtübernahme Mitte August wiederholt versichert, ihre Herrschaft werde sich von ihrer Zeit an der Macht in den neunziger Jahren unterschieden. Damals mussten Frauen zu Hause bleiben, die meisten Unterhaltungsangebote waren verboten und es wurden Strafen wie Steinigungen und öffentliche Hinrichtungen verhängt.

          Anders als damals wollen die Taliban nun Frauen zwar den Besuch von Hochschulen erlauben – allerdings nur mit Gesichtsverhüllung, dem Niqab, sowie getrennt von Männern.

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