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Taliban in Afghanistan : Eine Provinzhauptstadt fällt nach der nächsten

In Kundus liegen Geschäfte am 8. August nach Kämpfen mit Taliban in Trümmern Bild: dpa

Die Taliban setzen in Afghanistan ihren Eroberungszug fort und nehmen Kundus ein. Der amerikanische Präsident Joe Biden ordnete Medienberichten zufolge Luftangriffe an, um die Aufständischen aufzuhalten.

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          Mit dem Wochenende ist der Kampf zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung in eine neue Phase getreten. Über Monate hinweg hatten die Aufständischen ihre Kontrolle über ländliche Regionen ausgeweitet und sich zahlreichen Provinzhauptstädten schrittweise genähert. Ende Juli und Anfang August dann erreichten die Kämpfe erstmals die Zentren mehrerer der größten Städte des Landes. Eine Woche später haben die Taliban nun ein anderes wichtiges Zwischenziel erreicht: Innerhalb von nur drei Tagen haben sie fünf Provinzhauptstädte weitgehend erobert. Darunter ist Kundus, eines der wichtigsten wirtschaftlichen und strategischen Zentren des Nordens.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Begonnen hatte der jüngste Eroberungszug am Freitag im Südwesten Afghanistans mit der Eroberung von Sarandsch. Die an der Grenze mit Iran gelegene Hauptstadt der Provinz Nimrus fiel offenbar mehr oder weniger kampflos in die Hände der Islamisten. Die afghanischen Sicherheitskräfte hätten „wegen der intensiven Propaganda der Taliban ihren Kampfesmut verloren“, wurde ein ranghoher Beamter von der Nachrichtenagentur AFP zitiert. Schon vor den Angriffen der Taliban hätten die meisten ihre Waffen niedergelegt und seien geflohen. Die Aufständischen selbst veröffentlichen Videos in sozialen Netzwerken, auf denen angeblich zu sehen war, wie Bewohner von Sarandsch ihnen zujubelten, während Taliban-Kämpfer in erbeuteten Militärfahrzeugen durch die Straßen der Stadt fuhren. Regierungsbüros sollen geplündert worden sein.

          Zerstörte Gebäude in Kundus nach Kämpfen mit den Taliban in Kundus am 8. August
          Zerstörte Gebäude in Kundus nach Kämpfen mit den Taliban in Kundus am 8. August : Bild: dpa

          Kritik an Strategie der Regierung

          Auf stärkeren Widerstand stießen die Islamisten in der Stadt Scheberghan, die sie nach mehrtägigen Kämpfen am Samstag unter ihre Kontrolle brachten. Die Eroberung der Hauptstadt der nördlichen Provinz Dschausdschan ist symbolisch bedeutsam. Scheberghan ist die Bastion von Abdul Raschid Dostum, einem der wichtigsten Warlords Afghanistans und erbittertsten Gegner der Taliban. Der frühere Vizepräsident war erst Mitte vergangener Woche aus der Türkei zurückgekehrt, wo er medizinisch behandelt worden war.

          Am Samstag, während die Kämpfe um Scheberghan tobten, hatte Marschall Dostum, dem 2020 der höchste militärische Dienstgrad des Landes verliehen worden war, in Kabul mit Präsident Aschraf Ghani über die Lage beraten. Medienberichten zufolge schlug Dostum angesichts der fortdauernden Offensive der Taliban vor, im Land das Kriegsrecht auszurufen. Zudem rief er die Bevölkerung dazu auf, die Armee zu unterstützen. Ghani hatte jüngst angekündigt, die Zahl der Spezialkräfte solle von 20.000 auf 45.000 erhöht werden.

          In Kabul wurde am Wochenende Kritik an der militärischen Strategie der Regierung geäußert. Der Plan, Bürger zu bewaffnen, habe bislang kaum dazu beigetragen, die Lage zugunsten der Armee zu ändern, hieß es in Berichten afghanischer Medien. Gerade der Fall Scheberghans zeige dies; lediglich die von Dostums Sohn kommandierten Truppen hätten der Armee beigestanden. Am Samstagnachmittag wurde vermeldet, die Regierungskräfte sowie Vertreter der Stadtverwaltung hätten sich zum Flughafen am Rande der Stadt zurückgezogen.

          Weitere Städte werden bedrängt

          Ähnlich war die Situation am Sonntag offenbar in Kundus. Am Samstag hatten schwere Kämpfe um die im Norden gelegene Stadt begonnen. Am Sonntag wurde die Einnahme der Stadt durch die Taliban gemeldet. Amrudddin Wali, ein Abgeordneter der Provinzversammlung, berichtete der Agentur Reuters allerdings, die Regierungssoldaten hätten weiterhin den Flughafen sowie ihren eigenen Stützpunkt unter Kontrolle. Es gab Berichte über Bemühungen der Armee, die Stadt zurückzuerobern. Kundus mit seinen rund 270.000 Einwohnern gilt als besonders wichtiges Ziel, weil es den Zugang zu den rohstoffreichen Provinzen im Norden Afghanistans sowie zu den zentralasiatischen Nachbarländern eröffnet.

          Etwa zur gleichen Zeit wie Kundus fiel eine weitere Stadt im Norden in die Hände der Taliban: Sar-i-Pul, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Nach schweren Gefechten in der Nacht verließen die Regierungstruppen Medienberichten zufolge ihre Posten und zogen sich in eine Militärbasis zurück, die am Rand der 180.000-Einwohner-Stadt liegt. Dort würden sie sowie Regierungsvertreter von den Taliban mit Mörsergranaten beschossen, hieß es am Sonntagmittag. Medienberichten zufolge fiel am Sonntag auch die Hauptstadt der Provinz Tachar im Nordosten des Landes.

          Auch in den großen Städten Herat, Lashkar Gah und Kandahar werden die Regierungstruppen weiter von den Taliban bedrängt. Der amerikanische Präsident Joe Biden ordnete Medienberichten zufolge Luftangriffe an, um den weiteren Vormarsch der Aufständischen aufzuhalten. Washingtons Botschaft in Kabul rief die Taliban am Wochenende dazu auf, in eine Waffenruhe einzuwilligen und die Friedensverhandlungen wiederaufzunehmen. Zugleich riefen die Vereinigten Staaten und Großbritannien ihre Bürger dazu auf, Afghanistan umgehend zu verlassen.

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