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„Gelbwesten“-Proteste in Paris : Szenen einer zerrissenen Nation

Demonstranten am Samstag auf den Champs-Elysées in Paris Bild: AFP

Zu einer Gewaltorgie ist es bei den Protesten der „Gelbwesten“ nicht gekommen. Doch Polizei und Demonstranten lieferten sich etliche Scharmützel – und viele Franzosen sind sich einig: Frankreich braucht eine Befriedung, jetzt.

          Die Vormärsche der Pariser Polizei überraschen an diesem Samstag mit ihrer Geschwindigkeit. Wenn man sich als journalistischer Beobachter den Unruheherden bei der Großdemonstration der „Gelbwesten“ näherte, konnte man von den raschen Richtungswechseln der Beteiligten leicht auf dem falschen Fuß erwischt werden.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          In der Rue Bassano, einer der engen Straßen des sechzehnten Arrondissements, macht die Menge der „Gelbwesten“ plötzlich kehrt und rennt von einer Handvoll Polizisten in voller Montur weg. Ein Flashball, den einer der Ordnungskräfte aus einer Handfeuerwaffe abschießt, prallt neben uns von der Hauswand ab. Das Tränengas brennt in den Augen, dunkle Rauchschwaden liegen in der Luft, dreißig Meter weiter brennt ein quergestellter Lieferwagen lichterloh.

          „Krümel reichen nicht für ein Volk, das hungert“

          Das sechzehnte Arrondissement von Paris, das großbürgerlichste Viertel der Hauptstadt, befindet sich an diesem Samstag im Ausnahmezustand. Polizei und Randalierer liefern sich Auseinandersetzungen, die vielleicht keine ausgewachsenen Straßenschlachten sind, aber doch zahlreiche gewalttätige Scharmützel. Einmal weichen die einen zurück und die anderen dringen vor – und dann umgekehrt. „Macron – Rücktritt“ tönen die Sprechchöre. „Macron in den Kerker“ ist auf der gelben Weste eines anderen Demonstranten zu lesen. „Krümel reichen nicht für ein Volk, das hungert“, hat einer in Anspielung auf die zurückgezogene Ökosteuererhöhung auf ein Schild geschrieben.

          Die „Gelbwesten“ kämpfen gegen den Eindruck, sie würden die Gewalttaten tolerieren.

          Polizei und Gendarmerie sind an diesem Tag beweglich in kleinen Gruppen unterwegs. Kaum sind sie an einer Ecke verschwunden, tauchen sie an einer anderen auf. So sind die Ordnungskräfte an diesem Samstag mehr Herr des Geschehens als vor einer Woche, als sie – die in der Minderzahl waren – oft zurückweichen mussten.

          Was mit den Protesten gegen die Öko-Steuer auf Benzin und Diesel begonnen hat, ist längst zu Protesten gegen die gesamte Macron-Regierung geworden. Einige „Gelbwesten“ fordern den Sturz des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Bilderstrecke

          Dennoch ist das sechzehnte Arrondissement an diesem 8. Dezember 2018 kaum wiederzuerkennen. Herausgerissene Pflastersteine liegen herum, eine Verkehrsampel wurde herausgerissen. Ein Mann hinter einer orangefarbenen Maske wirft in der Avenue Marceau mehrfach einen Stein gegen die Scheiben einer Bank. Das Glas splittert. Niemand hindert ihn an dem Gewaltakt.

          An einer anderen Stelle kommt es jedoch zur Konfrontation zwischen friedfertigen „Gelbwesten“ und den mutwilligen Schlägern, die in Paris gerne auf jeden Demonstrationszug aufspringen. Die „Gelbwesten“ kämpfen gegen den Eindruck, sie würden die Gewalttaten tolerieren. Vor einem libanesischen Restaurant ziehen Männer einen Olivenbaum in einem großen Kübel auf die Mitte einer Straßenkreuzung. Doch er wird nicht angezündet, bald danach ziehen ihn moderate Demonstranten wieder zurück. Und der Olivenbaum verliert seinen Wert als Symbol des Friedens immerhin nicht vollständig.

          Mehr als 1000 Festnahmen

          Von einem friedlichen Vorweihnachtssamstag ist in Paris dennoch nichts zu spüren. Bis zum Nachmittag kommt es in der Hauptstadt zu Festnahmen von 651 Menschen, von denen 536 in Polizeigewahrsam genommen werden. Die Zahl hat sich gegenüber dem vergangenen Samstag deutlich erhöht. In ganz Frankreich werden mehr als 1000 Personen festgenommen.  

          Das sechzehnte Arrondissement ist an diesem 8. Dezember 2018 kaum wiederzuerkennen.

          Schon im Vorfeld hatten die massiven Polizeikräfte versucht, der Krawallbrüder durch intensive Taschenkontrollen habhaft zu werden. Dennoch gelingt es den Chaoten mehrfach, Autos anzuzünden. Die Feuerwehr ist rasch da, doch vorher muss die Polizei die Demonstranten mit Tränengas vertreiben. Auf den Champs-Elysées reißen einige Randalierer Holzbretter von den Schaufenstern der Geschäfte ab, um sie als Schilder gegen die Gummigeschosse zu nutzen. Bald darauf kann die Polizei die Demonstranten in die Flucht schlagen.

          Als die Dunkelheit an diesem Samstag einsetzt, liegen noch Rauch- und Tränengasschwaden über der Straße, der die Pariser gerne den Titel der „schönsten Avenue der Welt“ geben. Diese Beschreibung der Champs-Elysées wirkt an diesem Samstag deplaziert wie selten. Auch die eine Million roten Lichter, die an den Bäumen am Straßenrand am Abend aufblinken, ändert daran nichts. Die Donnerschläge der Schockgranaten erinnern dagegen an die Zerrissenheit, die in Frankreich in diesen Tagen herrscht.

          Die befürchtete Gewaltorgie blieb an diesem Samstag zwar aus, die Demonstrationen verliefen insgesamt in besser geordneten Bahnen als vor einer Woche. Doch viele Franzosen waren sich einig: So kann es nicht weitergehen. Frankreich braucht eine Befriedung, und zwar schnell.

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