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Syrien-Konflikt : Terror liegt in der Luft

Hat das syrische Regime wieder Giftgas eingesetzt? Bild: dpa

Von einer Waffenruhe weit entfernt: Das syrische Regime scheint die Offensive um Damaskus unbeirrt fortzusetzen – und hat wohl abermals Giftgas eingesetzt.

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          Ge­fech­te am Bo­den an meh­re­ren Fron­ten, Luft­an­grif­fe auf Zi­vi­lis­ten, Ar­til­le­rie­be­schuss, of­fen­bar Be­schuss mit Chlor­gas – von ei­ner Waf­fen­ru­he sind die Vor­städ­te von Da­mas­kus weit ent­fernt. „Im Grun­de geht es wei­ter, als ge­be es die Re­so­lu­ti­on des UN-Si­cher­heits­rats nicht“, sagt ein mit den Frie­dens­ge­sprä­chen be­fass­ter Di­plo­mat am Mon­tag. „Wir ha­ben nur ei­nen zwi­schen­zeit­li­chen Rück­gang der Ge­walt ge­se­hen“, fährt er fort, um dann die bit­te­re Ver­mu­tung zu äu­ßern, das sy­ri­sche Re­gime ha­be nach dem Vo­tum des UN-Si­cher­heits­rats wo­mög­lich nur et­was Zeit ge­braucht, um ei­ne neue Tak­tik aus­zu­ar­bei­ten.

          Christoph Ehrhardt
          (cheh.), Politik

          Am Sonn­tag und Mon­tag sah es so aus, als ha­be sich das Re­gime ent­schlos­sen, die Of­fen­si­ve im Um­land der Haupt­stadt ein­fach un­be­irrt fort­zu­set­zen, um Fak­ten zu schaf­fen, so lan­ge es nur geht. Ein Spre­cher der be­rüch­tig­ten Eli­te­ein­heit der „Ti­ger Forces“ tön­te von der Front, die Trup­pe sche­re sich nicht um die Ent­schei­dun­gen des UN-Si­cher­heits­rats. „Das war ges­tern, das ist Ver­gan­gen­heit“, sag­te er.

          Mos­kau scheint nicht Wil­lens oder in der La­ge zu sein, Sy­ri­ens Macht­ha­ber Baschar al As­sad zu stop­pen. Vie­les er­in­nert an die po­li­ti­schen Fin­ten aus den Ta­gen der Rück­erobe­rungs­kam­pa­gne in der Groß­stadt Alep­po En­de 2016. Die „hu­ma­ni­tä­ren Kor­ri­do­re“, von de­nen am Mon­tag­nach­mit­tag die Re­de war, hat­ten sich da­mals schnell als Chi­mä­re er­wie­sen. Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin hat nun an­ge­ord­net, dass in der Ost-Ghou­ta, dem Kampf­ge­biet im Um­land der Haupt­stadt Da­mas­kus, von die­sem Diens­tag an dort täg­lich „hu­ma­ni­tä­re Waf­fen­still­stän­de“ gel­ten sol­len, um Ver­lus­te un­ter den Zi­vi­lis­ten zu ver­mei­den. Pu­tins UN-Bot­schaf­ter hat­te im Si­cher­heits­rat noch am Sams­tag für ei­ne drei­ßig Ta­ge dau­ern­de Waf­fen­ru­he ge­stimmt.

          West­li­che Di­plo­ma­ten zeig­ten sich ent­spre­chend skep­tisch, was die wah­ren Ab­sich­ten Mos­kaus be­trifft. Die Kor­ri­do­re in Ghou­ta könn­ten hel­fen, die durch die Be­la­ge­rung sys­te­ma­tisch in die Er­schöp­fung ge­trie­be­ne Be­völ­ke­rung aus der Ost-Ghou­ta zu ver­trei­ben und un­ter die Kon­trol­le des Re­gimes zu brin­gen, lau­tet ei­ne Les­art. Sie könn­ten An­reiz für Re­bel­len sein, auf­zu­ge­ben, und die Spal­tung un­ter den be­waff­ne­ten Grup­pen ver­schär­fen. „Je grö­ßer der mi­li­tä­ri­sche Druck ist, des­to bes­ser wer­den sie funk­tio­nie­ren“, hieß es am Mon­tag.

          Bis­lang hat­ten die Luft­an­grif­fe un­ter rus­si­scher Be­tei­li­gung vor al­lem das Ziel, Ver­lus­te un­ter den Zi­vi­lis­ten zu er­rei­chen. Die ört­li­che op­po­si­tio­nel­le Selbst­ver­wal­tung in der Ost-Ghou­ta wirft dem Re­gime vor am Sonn­tag auch che­mi­sche Kampf­stof­fe ein­ge­setzt zu ha­ben. Ärz­te aus dem Kampf­ge­biet sag­ten, sie hät­ten Pa­ti­en­ten be­han­delt, die Sym­pto­me ei­ner Ver­gif­tung mit Chlor­gas auf­wie­sen. Ein Kind sei er­stickt, teil­te der Zi­vil­schutz mit. Op­fer und Kran­ken­fah­rer sag­ten, es ha­be ei­ne ge­wal­ti­ge Ex­plo­si­on ge­ge­ben.

          Moskau beschuldigt die islamistischen Milizen in der Ghouta, hinter dem Chlorgaseinsatz zu stecken, und hebt die Angriffe auf Wohnviertel in Damaskus hervor, die aus der Ghouta mit Granaten  beschossen werden. West­li­che Di­plo­ma­ten ge­hen mit gro­ßer Si­cher­heit da­von aus, dass die An­schul­di­gun­gen zu­tref­fen. As­sad hat zu­vor im­mer wie­der Gift­gas ein­ge­setzt – nicht nur Chlor­gas, son­dern auch das Ner­ven­gas Sa­rin. In der Ost-Ghou­ta wa­ren im Au­gust 2013 mit Sa­rin be­stück­te Ra­ke­ten ein­ge­schla­gen. Al­les deu­te­te auf die sy­ri­sche Ar­mee. Der da­ma­li­ge ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma mach­te sei­ne Dro­hung, ei­nen mi­li­tä­ri­schen Ver­gel­tungs­schlag zu füh­ren, soll­te As­sad die­se „ro­te Li­nie“ über­tre­ten, nicht wahr. Do­nald Trump hat­te im April 2017 ei­nen sol­chen Schlag mit Marsch­flug­kör­pern ge­gen ei­ne sy­ri­sche Luft­waf­fen­ba­sis be­foh­len, nach­dem die von Auf­stän­di­schen kon­trol­lier­te Ort­schaft Khan Scheik­houn mit Gift­gas an­ge­grif­fen wor­den war. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen hat­te die ame­ri­ka­ni­sche Re­gie­rung mehr­mals ih­re Be­sorg­nis dar­über ge­äu­ßert, dass As­sad Chlor­gas ein­setzt, um Zi­vi­lis­ten zu ter­ro­ri­sie­ren.

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          Der jüngs­te mut­maß­li­che Chlor­ga­s­ein­satz könn­te nach der Ein­schät­zung west­li­cher Di­plo­ma­ten ein wei­te­rer Ver­such sein, die „ro­te Li­ni­en“ der Ame­ri­ka­ner aus­zu­tes­ten. Chlor­gas fällt nicht un­ter die Ver­ein­ba­rung, die nach dem Gift­gas-An­griff in der Ghou­ta von 2013 ge­währ­leis­ten soll­te, dass das As­sad-Re­gime sein Che­mie­waf­fen­ar­se­nal ver­nich­tet. Die Che­mi­ka­lie ist zu weit ver­brei­tet, als dass sie ge­äch­tet wer­den könn­te. Der Ein­satz als Waf­fe ist aber ver­bo­ten. Chlor­gas war im Ers­ten Welt­krieg ein­ge­setzt wor­den, um geg­ne­ri­sche Trup­pen aus der De­ckung zu trei­ben. Es ist schwe­rer als Luft, kriecht al­so auch in die be­helfs­mä­ßi­gen Schutz­kel­ler, in die sich die Zi­vi­lis­ten in der Ost-Ghou­ta vor dem Bom­ben­ter­ror aus der Luft flüch­ten.

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