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Syriens Kurden und Assad : Der Griff nach der Hand des Teufels

Ein syrischer Soldat hält nahe der Grenzstadt Tel Tamer die Stellung. Bild: Reuters

Bedrängt durch die türkische Offensive schließen die Kurden einen Pakt mit Assad. Dabei wissen sie, dass dem syrischen Regime nicht zu trauen ist. Der Konflikt wird noch unübersichtlicher und explosiver.

          5 Min.

          „Es gibt keine Revolution mehr in Syrien“, sagt Ossama Muhammad. Er klingt bitter in seiner Videobotschaft. Ossama Muhammad ist ein örtlicher Journalist, über Jahre hat er mit Ausländern zusammengearbeitet, die über den Krieg gegen den „Islamischen Staat“ (IS) im Nordosten Syriens berichteten. Niemand dürfe die Kurden dafür verurteilen, dass sie das syrische Regime zur Hilfe gerufen hätten. Seine Botschaft ist klar: Wir hatten keine Wahl. „Schaut, was diese radikalen Gruppen in nur drei Tagen in unserer Gegend angerichtet haben. Schaut, wie sie unsere Männer getötet haben. Schaut, wie sie unschuldige Zivilisten getötet haben“, sagt er über die arabischen Hilfstruppen der türkischen Invasoren. Vom Rest der Welt – vor allem von Amerika – im Stich gelassen, habe die Führung der autonomen Selbstverwaltung gar keine andere Wahl gehabt, als nach der „Hand des Teufels“ zu greifen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Es sind Aussagen, wie sie am Montag von Menschen aus dem Kampfgebiet immer wieder zu hören sind. Sie bewegen sich auch entlang der Linie, welche die Kader der regionalen Führung ausgeben. Mazloum Abdi, der Befehlshaber der von kurdischen Freischärlern dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF), hatte das über die Zeitschrift „Foreign Policy“ schon getan, bevor die Kunde von einer Übereinkunft mit Damaskus am Sonntagabend an die Öffentlichkeit gelangte. Ihnen sei bewusst, dass man „schmerzhafte Kompromisse“ mit Moskau und Damaskus machen müsse, schrieb der SDF-Kommandeur. „Aber wenn wir uns zwischen Kompromissen oder Völkermord an unseren Leuten entscheiden müssen, dann werden wir mit Sicherheit das Leben unserer Leute wählen.“ Abdi machte klar, dass das keine leichte Entscheidung sei. Den Versprechen des Regimes sei nicht zu trauen, das sei ihnen bewusst. „Um ehrlich zu sein, es ist schwer, zu sagen, wem zu trauen ist.“

          Rauch steigt am Montag aus das Grenzstadt Ras al-Ain auf.

          Trotzdem kehren Assads Truppen jetzt so in den Nordosten zurück, wie sie ihn vor Jahren verlassen hatten: im Rahmen eines Deals. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, dass der Journalist Ossama Muhammad mit seinem bitteren Befund vom Ende der Revolution recht hat. In Syrien ist der Aufstand der Idealisten längst zu einem Konflikt geworden, in dem alle Beteiligten ihre eigenen Kriege führen. Der syrische Präsident will über ganz Syrien herrschen, auch wenn er dabei sein Land in Schutt und Asche legen muss. Der russische Präsident hilft ihm tatkräftig dabei. In Amerika wollte ein zaudernder Präsident, wenn überhaupt, nur gegen den IS kämpfen, und ein irrlichternder Präsident will ohne Rücksicht auf Verluste und Verbündete die Truppen abziehen. Der türkische Präsident versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass jenseits der Grenze die kurdischen Kräfte einen Quasistaat errichten. Und diese kurdischen Kräfte, die ihr Projekt auch auf Kosten arabischer Landsleute vorangetrieben hatten, versuchen nun, zu retten, was zu retten ist.

          Trump weist mit dem Finger auf die einstigen Verbündeten

          Allianzen sind dabei nur noch von begrenzter Belastbarkeit. Auch die misstrauischen PKK-Kader unter dem Banner der SDF bildeten keine Ausnahme. Sie hatten schon immer die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt, arrangierten sich, wo es nötig war, mit dem Regime, paktierten mit den Russen und den Amerikanern – wo es ging, mit beiden zur selben Zeit.

          Dem jetzigen kurdischen Hilfeersuchen an Damaskus waren Tage des Chaos und der Not vorausgegangen. Islamistenmilizen unter türkischem Kommando verbreiteten Angst und Schrecken, errichteten tödliche Straßensperren weit südlich der Grenze. Heerscharen von Zivilisten ergriffen die Flucht aus dem Kampfgebiet. IS-Familien kamen aus Internierungslagern frei. Die amerikanischen Truppen begannen einen hektischen Rückzug, und es gelang ihnen, wie die „New York Times“ unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter berichtete, dabei nicht, etwa fünf Dutzend IS-Dschihadisten „von hohem Wert“ aus kurdischer Gefangenschaft mitzunehmen. Präsident Donald Trump zeigte am Montag mit dem Finger auf die einstigen kurdischen Verbündeten, die immer öffentlichkeitswirksam gewarnt hatten, sie könnten nicht mehr dafür sorge tragen, dass die IS-Gefangenen hinter Gittern bleiben. „Die Kurden könnten dabei sein, einige freizulassen, um uns zum Eingreifen zu zwingen“, schrieb Trump auf Twitter. Diese könnten aber „leicht von der Türkei oder den europäischen Staaten, aus denen sie stammen, eingefangen werden, doch müssen sie schnell handeln“.

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