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Angriff auf Flugfeld in Syrien : Ein Riss zwischen Russland und Israel?

Ein israelisches F-15-Kampfflugzeug bei einer Übung Bild: Reuters

Bislang gehen sich Russland und Israel im Syrien-Krieg aus dem Weg. Die Anschuldigungen des Kremls nach einem Luftangriff auf ein syrisches Flugfeld könnten die proklamierte Freundschaft abkühlen.

          Israelische Kampfflugzeuge haben nach Angaben der russischen Agentur Interfax in der Nacht zum Montag ein Flugfeld in Syrien angegriffen. Zwei israelische Kampfflugzeuge vom Typ F-15 hätten über libanesischem Luftraum Raketen abgefeuert, die das auch unter „T 4“ bekannte Flugfeld Al Tiyas in der Nähe von Homs getroffen hätten. Drei Raketen hätten ihr Ziel erreicht, fünf weitere seien durch Luftabwehrfeuer abgefangen worden. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana bestätigte den Angriff und meldete Tote. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden 14 Menschen getötet, darunter seien auch Iraner. Auf dem Flugfeld operieren nach israelischen Angaben Iraner, Russen und Syrer, darunter Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden sowie der „Quds“-Eliteeinheit. Israel sieht das Ausgreifen Irans und iranischer Kräfte wie der schiitischen Hizbullah-Miliz in Syrien und Libanon mit großer Sorge und hat die dauerhafte Präsenz Irans in der Grenzregion zu Israel zur Roten Linie erklärt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Die israelische Führung wollte den Angriff am Montag weder bestätigen noch dementieren. Es wäre der dritte israelische Angriff auf „T 4“, von wo aus im Februar auch eine iranische Drohne gestartet worden war, die später in israelischen Luftraum eindrang. Im Februar hatte Israel seinen Angriff noch öffentlich gemacht. Jetzt versucht die Militärführung in Tel Aviv offenbar wieder zur alten Politik der Uneindeutigkeit zurückzukehren. Nach eigenen Angaben hat das israelische Militär mehr als einhundert Luftangriffe auf syrisches Gebiet geflogen.

          „In der Quintessenz sind wir auf uns allein gestellt“

          Der Angriff vom Montag fällt in die Zeit des Chemiewaffenangriffs in Ghouta östlich von Damaskus, bei dem nach Angaben von Rettungskräften Dutzende Menschen starben, darunter viele Zivilisten und für den unter anderem die Bundesregierung, die Vereinigten Staaten und Frankreich den syrischen Diktator Baschar al Assad verantwortlich machen. Der sephardische Oberrabiner Yitzak Josef hatte diesen Angriff zu einem „Genozid an Frauen und Kindern in seiner brutalsten Form“ erklärt: Israel habe eine moralische Pflicht, dem nicht schweigend gegenüberzustehen und sollte das „Massaker stoppen“.

          Aus strategischer Sicht Israels ist die Existenz von Massenvernichtungswaffen in Syrien und potentiell in den Händen der Hizbullah-Miliz eine weitere rote Linie. Zwar hatte auch der amerikanische Präsident Donald Trump geäußert, Assad habe für den Chemiewaffenangriff „einen hohen Preis zu zahlen“, aber sowohl amerikanische als auch französische Regierungsvertreter bestritten am Montag eine Beteiligung an dem Luftschlag auf das Flugfeld.

          Der mutmaßlich israelische Luftschlag dürfte denn auch weniger eine Reaktion auf die Chemiewaffenattacke gewesen sein, sondern diese höchstens eine Gelegenheit zum Angriff geschaffen haben. Denn zum strategischen Kontext gehört wie seit Jahren schon die israelische Sorge vor einem Ausgreifen Irans. Befeuert wurde sie vergangene Woche durch Signale Trumps, die amerikanischen Truppen ganz aus Syrien abzuziehen.

          Ein Zeichen für Assads wachsendes Selbstbewusstsein?

          Nach Berichten des israelischen Fernsehkanals Zehn ist es Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einem von ihm angefragten Telefonat mit Trump vergangene Woche nicht gelungen, den Präsidenten davon zu überzeugen, in Syrien zu bleiben und sich dort stärker zu engagieren. Der israelische Journalist Barak Ravid zitierte einen Regierungsvertreter mit den Worten: „Die Amerikaner werden unsere Aktionen gegen Iran in Syrien gutheißen, aber in der Quintessenz sind wir auf uns allein gestellt.“ Der Anruf Netanjahus sei „zu spät gekommen“.

          Etwa zur selben Zeit hatten sich vergangenen Mittwoch die Führungen der Türkei, Russlands und Iran in Ankara über eine Machtteilung in Syrien verständigt. Dabei wurde nicht bekannt, dass Iran seinen Einfluss in Syrien zu mindern habe. Die mutmaßliche syrische Chemiewaffenangriff folgte auf die Trumpsche Ankündigung sowie den Gipfel von Ankara. Aus israelischer Sicht verdeutlicht er Assads wachsendes Selbstvertrauen sowie den unbedingten Willen, ganz Syrien zurückzuerobern, ungeachtet der Mittel und der Toten. Dazu gehören auch Meldungen, dass sich syrische Regimekräfte auf die Golanhöhen zubewegen, die zu einem größeren Teil von Israel kontrolliert werden. Russland unterhält eine Standleitung zwischen der Luftwaffenbasis Hmeimim und Tel Aviv, in der sich beide Seiten üblicherweise auf Russisch darüber verständigen, sich nicht in die Quere zu kommen.

          Doch wie lange Russland noch seine Neutralität gegenüber Iran und Israel suggerieren kann, ist fraglich. Dass Moskau den israelischen Angriff öffentlich gemacht hat, könnte auf einen Riss hindeuten – zumindest aber darauf, dass sich die Chimäre russischer Neutralität in Syrien nicht ewig aufrechterhalten lässt. Denn viele Beobachter gehen davon aus, dass das russische Militär auf dem Flugfeld „T 4“ eine nicht unbedingt passive Rolle spielt. Israel dürfte dies wissen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow nannte den Luftangriff auf das Flugfeld am Montag jedenfalls eine „sehr gefährliche Entwicklung“.

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