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Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

Türkischer Präsident Erdogan am Mittwoch im Parlament in Ankara Bild: AP

Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

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          An keinem anderen Tag sind in dem seit 2011 andauernden Krieg in Syrien mehr türkische Soldaten getötet worden als am Donnerstagabend. Bei einem syrischen Luftangriff seien, so die türkische Führung in Ankara, 33 türkische Soldaten getötet worden. Damit eskalierte der militärische Konflikt gut einen Tag, bevor das türkische Ultimatum an die syrische Armee, sich in der Provinz Idlib hinter die Linie der zwölf türkischen Beobachtungsposten zurückzuziehen, abläuft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der türkische Präsident und AKP-Vorsitzende Tayyip Erdogan hatte noch am Mittwoch erklärt, dass die Türkei diesen Rückzug militärisch erzwingen werde. Denn das syrische Regime hatte seit dem Beginn seiner jüngsten Offensive im Dezember mehr als ein Drittel von Idlib erobert und die größte Fluchtwelle seit dem Beginn des Kriegs ausgelöst. Erdogan sagte aber auch, dass die Vereinigten Staaten nicht die angefragten Patriot-Luftabwehrraketen bereitstellen würden, um bei syrischen Vergeltungsangriffen grenznahe türkische Städte zu verteidigen.

          Noch in der Nacht zum Freitag koordinierten Verteidigungsminister Hulusi Akar, der stellvertretende Generalstabschef Ümit Dündar und der Kommandeur der Luftwaffe Hasan Kücükakyüz in einem Kommandozentrum nahe der Grenze zu Idlib das weitere militärische Vorgehen der türkischen Armee. Zu der Zeit starteten von der Luftwaffenbasis Diyarbakir mehrere F-16-Kampfflugzeuge. Der Vorsitzende der rechtsnationalistischen MHP, die die Regierung Erdogan stützt, forderte ein militärisches Vorgehen zu Lande und in der Luft, wie hoch die Kosten auch immer ausfallen könnten.

          Bereits in den vergangenen Tagen hatten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland dramatisch verschlechtert. Erstmals hatten sich die beiden Staaten auf Drängen Ankaras 2017 auf eine Deeskalationszone für Idlib verständigt. Im Jahr danach billigte Russland der Türkei die Errichtung von zwölf Beobachtungsposten zu. Als Gegenleistung solle die Türkei die Miliz Haiat Tahrir al Sham, die aus Al Qaida hervorgegangen war, entwaffnen, was aber nicht geschah. Die Miliz übernahm sogar die Herrschaft über die Provinzhauptstadt Idlib.

          Am Donnerstag erklärte der Sprecher des russischen Präsidenten, Wladimir Putin werde nicht am 5. März zu dem von Erdogan vorgeschlagenen Krisentreffen zu Idlib in die Türkei reisen, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron teilnehmen sollten. Zudem verbreiteten russische Medien, man werde „Gegenmaßnahmen“ gegen die Beschießung russischen und syrischen Fluggeräts durch türkische Einheiten und von der Türkei unterstützte „Terrorgruppen“ ergreifen, die angeblich Boden-Luft-Raketen des Typs Manpad einsetzten. Parallel dazu verhandelten in Ankara türkische und russische Diplomaten, um den Konflikt in Idlib doch noch beizulegen. Ankara wollte die russische Zustimmung für den Einsatz von Drohnen um die Beobachtungsposten. Die Gespräche gingen jedoch ohne Annäherung zu Ende.

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          Auslöser der jüngsten Eskalation war der Kampf um die strategische wichtige Stadt Saraqib. Syrische Einheiten hatten sie am 8. Februar zurückerobert. Damit war die Autobahn, die Damaskus und Aleppo verbindet, erstmals seit 2012 wieder in der Hand des Regimes. Als Reaktion begann die Türkei mit der Entsendung von bis zu 15.000 zusätzlichen Soldaten und der Verstärkung der Beobachtungsposten. Am Donnerstag eroberten von der Türkei unterstützte Rebellenmilizen die Stadt wieder zurück.

          In der Nähe von Saraqib soll der Vergeltungsschlag auf eine Nachschubbasis der türkischen Armee erfolgt sein. Russland, das die Lufthoheit über die Region Idlib hat, begründet das Vorgehen damit, dass islamistische „Terroristen“ Saraqib erobert hätten. Belegt wird das durch Fotos in den sozialen Medien, die Jubelszenen der dschihadistischen Miliz Ahrar al Sham auf dem zentralen Platz von Saraqib nach der Rückeroberung der Stadt zeigen.

          Sperre für russische Kriegsschiffe?

          Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und Russland kommt, stehen beiden Seiten noch andere Instrumente zur Verfügung. So wird in der Türkei diskutiert, die Meerengen Bosporus und Dardenellen für russische Kriegsschiffe zu sperren. Russland wiederum kann die Türkei aus den Regionen in Nordsyrien vertreiben, die sie bisher mit direkter oder indirekter Unterstützung durch Russland kontrolliert, also die Provinz Afrin, die Region um den Euphrat bei al Bab sowie den Landstreifen zwischen Tall al Abyad und Ras al Ain.

          Noch in der Nacht zum Freitag kündigte der Kommunikationsdirektor Erdogans, Fahrettin Altun, eine massive Vergeltung für den Tod der 33 Soldaten an. Erdogan hatte sich in einem Krisentreffen mit Verteidigungsminister Akar, Außenminister Mevlüt Cavusoglu, Geheimdienstchef Hakan Fidan und mehreren Generälen besprochen. Akar telefonierte mit seinem amerikanischen Amtskollegen Mark Esper, Cavusoglu mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, Erdogans außenpolitischer Berater Ibrahim Kalin mit Robert O‘Brien, dem amerikanischen Nationalen Sicherheitsberater. Der Sprecher der Regierungspartei AKP, Ömer Celik, drohte, die Türkei könne sich gezwungen sehen, Flüchtlinge weiter nach Europa zu schicken.

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