https://www.faz.net/-gpf-9e40r

Syrien-Treffen : Die Verhandlung vor dem Sturm

Astana-Format: Hassan Ruhani, Recep Erdogan und Wladimir Putin im April in Ankara Bild: AP

Wenn Russland, Iran und die Türkei kurz vor dem Angriff auf Idlib wieder einmal über Syrien verhandeln, tragen die Teilnehmer ihre ganz eigenen Interessen mit sich. Teilweise sind diese auch gegeneinander gerichtet.

          Im Mai 2017 hatten sich Russland, Iran und die Türkei in der kasachischen Hauptstadt Astana auf die Errichtung von vier Deeskalationszonen in Syrien geeinigt. Offiziell war das Ziel des Vorhabens, in den vier Rebellengebieten eine Waffenruhe herbeizuführen. 16 Monate später hat das syrische Regime, unterstützt durch die russische Luftwaffe und iranische Milizen, drei der Rebellengebiete erobert.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Sturm auf Idlib, die letzte Deeskalationszone, steht bevor, wenn sich die Präsidenten Russlands, Irans und der Türkei an diesem Freitag wieder im Astana-Format treffen, dieses Mal in Teheran. Bei der Offensive in Idlib werden Russland und Iran zu den Siegern gehören, die Türkei wird aber die Lasten eines neuen Flüchtlingsstroms zu tragen haben, den sie noch zu verhindern versucht.

          Jedoch ziehen Russland und Iran nicht an einem Strang. So versucht Russland, Iran so weit wie möglich aus Syrien zu drängen. Denn dann würde das Interesse der Vereinigten Staaten und Saudi-Arabiens an Syrien zurückgehen, und Russland könnte das Land ungehindert als Basis am Mittelmeer und für eine weitere Expansion im Nahen Osten nutzen. Iran hingegen will seinen Korridor von Teheran an das Mittelmeer zumindest halten, um so seine „Achse des Widerstands“ mit dem Irak, Syrien und dem Libanon zu festigen.

          Zuletzt hat Russland gegenüber Iran, das von den Sanktionen geschwächt wird, die Oberhand gewonnen. So soll Russland in den vergangenen Monaten die syrische Rumpfarmee unter seine Kontrolle gebracht haben; diese nimmt bereits Positionen der proiranischen Milizen und irregulären Schabiha-Milizen des Regimes ein.

          In einem weiteren Schritt will Russland auch die 16 Geheimdienste kontrollieren, die die wichtigsten Herrschaftsinstrumente im syrischen Polizeistaat sind. Bislang übt Iran seine Macht vor allem über diese Geheimdienste aus. Die Transformation der Geheimdienste von einem bloß repressiven Machterhaltungsinstrument zu mafiösen Strukturen hatte wenige Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Baschar al Assad im Jahr 2000 begonnen. Geheimdienstchefs, die sich der baathistischen Ideologie von Hafez al Assad verpflichtet hatten, zogen sich zurück. Ihre Stelle nahmen Mitglieder des iranischen Sicherheitsapparats ein, die mit der Niederschlagung des Aufstands 2011 ihre Position ausbauten. Sie führen heute über die Geheimdienste die Milizen und berüchtigten Schabiha-Truppen. Zudem versucht Moskau, die weitgehend aufgelöste Baath-Partei wiederherzustellen.

          Die Türkei sorgt im Norden Syriens mit umfangreichen Investitionen dafür, dass es den Menschen dort bessergeht als unter Assad. Sie hat die Versorgung mit Strom und Wasser verbessert, die Krankenhäuser und Schulen funktionieren, Fotos von Präsident Tayyip Erdogan hängen in allen öffentlichen Gebäuden. Da Erdogan die 1923 gezogenen Grenzen der Türkei in Frage stellt, deutet vieles darauf hin, dass die Türkei in den Gebieten, die sie besetzt hält, ein Referendum über deren künftigen Status planen könnte.

          Die Schlacht um Idlib könnte zwar die letzte große Schlacht in Syrien werden, der Krieg wird aber auch danach weitergehen. So werden Vergeltungsaktionen kleiner lokaler Gruppen erwartet, die sich für den Tod naher Verwandter rächen wollen. Ungewiss ist die Zukunft der nichtsyrischen Dschihadisten; 90 Prozent der Kämpfer des „Islamischen Staats“ und 20 Prozent der Nusra-Front, die sich heute HTS nennt, sollen keine Syrer sein. Konfliktpotential bergen die Präsenz Irans sowie die Versuche des Regimes und der Kurden, die Türkei aus Syrien zu vertreiben.

          Weitere Themen

          Merkel erinnert an Widerstand gegen NS-Regime Video-Seite öffnen

          Livestream zu Rekrutengelöbnis : Merkel erinnert an Widerstand gegen NS-Regime

          Das Attentat auf Adolf Hitler jährt sich an diesem 20. Juli zum 75. Mal. Rekruten der Bundeswehr legen an diesem Tag traditionell ihr Gelöbnis ab – und die neue Verteidigungsministerin hat ihren ersten größeren Auftritt. Verfolgen Sie die Zeremonie im Livestream.

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.