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Großangriff in Syrien : Steht der „Islamische Staat“ vor dem Comeback?

Syrische Kurden, die gerade wegen der Zusammenstöße mit Kämpfern des IS aus ihren Häusern geflohen sind, erreichen am 21. Januar 2022 den Kontrollpunkt der syrischen demokratischen Kräfte (SDF) im Bezirk Ghweran in Hassakeh im Nordosten Syriens. Bild: EPA

Der Großangriff des IS auf ein Gefängnis in Hassakeh ist ein schlechtes Zeichen. Er müsse ein Weckruf sein, sagt ein Fachmann aus Princeton.

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          „Wir sitzen auf einer Zeitbombe“, hatte der Gefängnisleiter von Hassakeh während eines Besuchs vor zwei Jahren gesagt. Was er meinte, wurde schnell deutlich: Etwa 3500 Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS), zusammengepfercht in überfüllten Zellen eines behelfsmäßigen Gefängnisses, das mal eine Berufsschule war, die Mauern überwindbar, die Wächter überlastet, gelegen in einer Konfliktzone, die jeden Moment zur Kampfzone werden kann.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Jetzt ist diese Zeitbombe explodiert. Am Donnerstagabend begann ein Großangriff des IS, der die Stadt im kurdisch kontrollierten Nordosten Syriens in Atem hält. Das amerikanische Militär musste den überforderten Sicherheitskräften mit Schützenpanzern und Luftangriffen zur Hilfe eilen. Die Gefechte dauerten auch am Sonntag noch an. Von etwa hundert Angreifern und Dutzenden Toten ist die Rede. Und von der spektakulärsten Terroroperation, seit das IS-Pseudokalifat 2019 von der Landkarte getilgt wurde.

          Erinnerungen an Erstürmung Abu Ghraibs

          Der Angriff weckt beunruhigende Erinnerungen. Im Juli 2013 war es einer IS-Vorgängerorganisation im Irak gelungen, etwa 500 Dschihadisten aus dem berüchtigten Gefängnis von Abu Ghraib zu befreien. Die Aktion gilt heute als einer der Schlüsselmomente für den Aufstieg des IS, der zwischenzeitlich große Gebiete in Syrien und im Irak beherrschte. Über die Zahl der Extremisten, die durch den Angriff von Hassakeh auf freien Fuß gelangt sind, gab es auch am Sonntag noch keine verlässlichen und unabhängigen Angaben. Es sieht danach aus, als wäre dem IS gemessen an der Zahl der Entkommenen kein zweites Abu Ghraib gelungen. Aber der Angriff ist eine deutliche Botschaft, dass der IS wiedererstarkt ist – und ein neuer Abu-Ghraib-Moment droht.

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          Verbliebene Kader und Kämpfer hatten sich sowohl in Syrien als auch im Irak in entlegene Gegenden und den in Untergrund zurückgezogen, um von dort zuzuschlagen. Leute aus der früheren syrischen IS-Bastion Raqqa berichten, die Zahl der Schläferzellen im Osten Syriens sei „verblüffend“ groß. Der IS erhebt dort Abgaben auf den Ölhandel, treibt mit Drohbriefen Schutzgeld ein, das als religiöse Steuer verbrämt wird.

          Die Organisation profitiert von der Instabilität in der Region. Die „Syrian Democratic Forces“, die den Nordosten Syriens kontrollieren, werden zwar von kurdischen Milizionären dominiert, die dem kurdischen PKK-Führer Abdullah Öcalan treu ergeben sind und straff geführt werden. Aber überall, wo Milizen herrschen, gibt es Bestechungsmöglichkeiten. Es gibt die Konfrontation mit der Türkei und Ankara-treuen arabischen Milizen.

          Immer dreistere Angriffe

          Das Assad-Regime versucht, seinen Griff auf die von den Kurden kontrollierten Regionen zu stärken. Zugleich gibt es in den arabischen Stämmen in der Provinz Deir el-Zor Ressentiments gegenüber den Kurden, und solche hat der IS immer ausnutzen können. „Das Viertel von Hassakeh, in dem das Gefängnis liegt, gilt als anti-kurdische Brutstätte“, sagt Malik al-Abdeh, ein syrischer Politikberater. „Das könnte den Angreifern auf das Gefängnis dabei geholfen haben, die Gegend vorher zu infiltrieren.“

          Im Irak, wo die IS-Angriffe mit der Zeit zahlreicher, ausgefeilter und dreister geworden sind, greifen ähnliche Mechanismen. Die Dschihadisten profitieren von Unzufriedenheit, Machtkämpfen und der Schwäche des von Korruption zersetzten Staates. Der Konflikt zwischen der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak und der Zentralregierung in Bagdad spielt dem IS in die Hände, ebenso die ständigen Terrorangriffe irantreuer Milizen auf das amerikanische Militär. Die Aktionen dieser Milzen treiben dem IS auch junge Rekruten in die Arme, ebenso die Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit in armen Schichten der sunnitischen Minderheit.

          Fachleute schlagen angesichts der Bilder aus Hassakeh Alarm: Fehler aus der Vergangenheit, die den Aufstieg des IS befördert hatten, sollten sich besser nicht wiederholen. „Wir dürfen Geduld und Zähigkeit der Dschihadisten nicht unterschätzen – und auch nicht die Kraft ihrer Ideologie“, sagt Hugo Micheron, der an der amerikanischen Princeton-Universität unterrichtet.

          „Mit dem Dschihadismus verhält es sich wie mit Ebbe und Flut. Bei Ebbe sieht man das Wasser nicht mehr, aber das heißt nicht, dass der Ozean verschwunden ist“, sagt Micheron, der es als „verantwortungslos“ bezeichnet, dass europäische Regierungen noch immer keine Lösung für die IS-Extremisten aus ihren Ländern gefunden haben, die in den latent bedrohten kurdischen Behelfsgefängnissen sitzen. „Der Angriff von Hassakeh muss ein Weckruf sein.“

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