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Russische Söldner in Syrien : Wir wissen von überhaupt nichts

Die russische Regierung weiß nichts von getöteten Landsmännern in Syrien. Doch neben der regulären Armee kämpfen vermutlich auch private Firmen in dem Krisengebiet. Bild: AP

In russischen Internetforen mehren sich die Berichte über getötete Russen in Syrien. Doch das Außenministerium gibt sich ahnungslos. Wie viele Russen starben bei dem amerikanischen Luftschlag – und warum?

          Das russische Außenministerium spricht von einer westlichen „Desinformationskampagne“, und Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow tut bei Nachfragen russischer Journalisten so, als verstehe er gar nicht, wovon die Rede ist. Doch nachdem zunächst amerikanische Medien darüber berichtet hatten, dass bei einem amerikanischen Luftangriff in Syrien in der Nacht vom 7. zum 8. Februar zahlreiche russische Söldner getötet worden seien, mehren sich auch in Russland entsprechende Berichte. In einigen regionalen Internetportalen werden Freunde oder Verwandte Gefallener zitiert. Auf wenigstens 13 namentlich bekannte getötete Russen kommt die kremlkritische „Nowaja Gaseta“ bisher. In den Berichten westlicher Nachrichtenagenturen ist von bis zu 200 Toten die Rede.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Sie sollen in den Diensten eines privaten Militärunternehmens namens „Wagner“ gestanden haben, das laut russischen Medien seit dem Beginn der russischen Intervention in Syrien 2015 dort aktiv ist. Möglich ist das nur in Abstimmung mit dem Militär und dem Kreml; der Chef von „Wagner“, der aus dem Militärgeheimdienst GRU stammen soll, ist auch schon öffentlich im Kreml empfangen worden. Aber in offiziellem Auftrag darf die Truppe in Syrien nicht tätig sein, weil die russischen Gesetze Ausland-Kampfeinsätze außerhalb der Streitkräfte verbieten. Das erklärt auch, weshalb der Kreml, das Außen- und das Verteidigungsministerium verneinen, dass es bei den Kämpfen russische Opfer gegeben habe – obwohl selbst Duma-Abgeordnete und kremltreue Fachleute so reden, als gebe es keinen Zweifel daran.

          Argwohn gegenüber den privaten Militärfirmen

          Der Vorfall ist jedoch für die russische Führung nicht in erster Linie deshalb brisant, weil dabei Söldner getötet wurden, die es offiziell nicht geben darf – ihr Einsatz war schließlich schon bisher ein allgemein bekanntes Geheimnis. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie es dazu kam, dass sie zum Ziel eines amerikanischen Angriffs wurden. Die Amerikaner hatten nämlich ihre russischen Ansprechpartner nach eigenen Angaben über den bevorstehenden Einsatz informiert, um sicherzustellen, dass sie keine Russen treffen. Nach amerikanischer Darstellung wurde ein „nicht provozierter Angriff syrischer Pro-Regime-Kräfte“ auf eine Stellung der – dort von Kurden dominierten – Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zurückgeschlagen. Von russischer Seite wird das nicht verneint. In einer offiziellen Erklärung des Verteidigungsministeriums in Moskau, das nur von 25 verletzten Syrern spricht, heißt es vielmehr: „Der Grund für den Vorfall waren nicht mit dem russischen Kommando abgestimmte Aufklärungsaktionen syrischer Milizen.“

          Laut der Moskauer Zeitung „Kommersant“, die sich auf Militärquellen beruft, handelten die russischen Söldner im Auftrag örtlicher „Großunternehmer“, die aus rein kommerziellem Interesse ein Ölfeld unter ihre Kontrolle bringen wollten, das die Kurden im September 2017 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ erobert hatten. Nun wird darüber spekuliert, ob das russische Kommando tatsächlich nichts von den „Wagner“-Leuten wusste – oder ob es sie sogar bewusst ans Messer geliefert hat. Die russischen Militärs betrachten private Militärfirmen und den Einsatz von Söldnern, die ihnen nicht unterstehen, seit langem mit Argwohn. An ihrem Widerstand ist auch ein Vorstoß für ein Gesetz über private Militärfirmen gescheitert, den Wladimir Putin 2012 als Ministerpräsident unternommen hatte. Derzeit wird in der Duma wieder über ein solches Gesetz gesprochen. Nach dem Vorfall von voriger Woche wird nun die Forderung nach seiner raschen Annahme laut.

          Kreml-Sprecher Peskow weiß von nichts

          Hinzu kommt: Die meisten russischen Söldner in Syrien hatten zuvor als „Freiwillige“ in der Ostukraine gekämpft. Bei einigen der Toten des amerikanischen Angriffs der vorigen Woche waren es einstige Kameraden aus dem Donbass, die an die Öffentlichkeit gegangen sind. Diese Kreise sind eigentlich Unterstützer der imperialen Politik des Kremls – sie sehen sich zum Teil aber schon jetzt von der russischen Führung verraten, weil diese von den großen Plänen für ein „Neurussland“ in der Ostukraine nichts mehr wissen will.

          Als er am Mittwoch gefragt wurde, ob Russland wegen der in Syrien getöteten Landsleute nicht Trauer verkünden sollte, antwortete Kreml-Sprecher Peskow: „Ich verstehe nicht – warum sollten wir Trauer verkünden?“ Man könne natürlich nicht ausschließen, dass sich russische Staatsbürger in Syrien befänden, aber konkrete Informationen darüber gebe es nicht. Russland habe auch nicht vor, Privatreisen seiner Bürger nach Syrien gesetzlich einzuschränken.

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