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Syrien-Kommentar : Der „kleine Weltkrieg“

Die syrische Stadt Raqqa während der Gefechte zwischen Soldaten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) und der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) im Juli 2017 Bild: dpa

Der Syrien-Krieg ist ein Wendepunkt in der modernen Geschichte des Nahen Ostens – und ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.

          3 Min.

          Seit sieben Jahren wird in Syrien ein Weltkrieg im Kleinen ausgetragen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Was am 15. März 2011 in einer Provinzstadt als Demonstration gegen die Willkür und Brutalität des Regimes begonnen hatte, setzte eine Spirale der Gewalt in Gang. Immer neue Akteure haben sich seither eingemischt: Auf Seiten des Assad-Regimes kämpfen unter Führung Irans schiitische Milizen aus mehreren Ländern; die Rebellen werden von Saudi-Arabien und der Türkei mit Geld, Waffen und Söldnern unterstützt; der Krieg hat Dschihadisten aus Dutzenden Ländern angezogen; vier der fünf Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats greifen militärisch ein, allen voran Russland für das Regime und die Vereinigten Staaten gegen den IS.

          Mehr als eine halbe Million Menschen wurden getötet, jeder zweite Syrer ist Flüchtling. Nie haben die Waffen in den sieben Jahren geschwiegen, nie wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen das Völkerrecht geahndet. Das ist die kalte Wirklichkeit: Es gewinnt, wer bereit ist, massiv militärisch zu intervenieren, und Fassbomben und Giftgas einsetzt. Es verliert, wer nicht mehr tun kann (und will), als an die Menschlichkeit zu appellieren.

          Unverändert sind drei Ebenen des Konflikts ineinander verzahnt, und diese Verzahnung macht eine Lösung des Konflikts so schwer. Aus dem innersyrischen Konflikt wurde ein Stellvertreterkrieg, als Saudi-Arabien, die Türkei und Iran ihre jeweiligen syrischen Partner nicht in die Defensive geraten ließen. Auf der globalen Ebene hat Russland das Regime zunächst mit einer militärischen Intervention gerettet; seither untergräbt es mit den Konferenzen in Astana und Sotschi den UN-Friedensprozess und sichert so das politische Überleben Assads.

          Der Kreml nutzte das amerikanisches Zaudern

          Der Krieg in Syrien ist in der modernen Geschichte des Nahen Ostens ein Wendepunkt. Vergangenheit ist die „Pax Americana“, während der die Vereinigten Staaten über Jahrzehnte die regionale Ordnung stabilisiert hatten. Was an deren Stelle tritt, zeichnet sich in Syrien ab. Nach den „Farbenrevolutionen“ in Staaten der früheren Sowjetunion wollte der Kreml weitere pro-westliche Umstürze verhindern. Daher nutzte er in Syrien das amerikanische Zaudern: Er griff ein und setzte sich fest.

          Heute geschieht dort wenig gegen den Willen Moskaus. Iran ist der andere Gewinner. Die von ihm gelenkten Milizen kontrollieren einen Landkorridor, der von Iran bis ans Mittelmeer und an die Grenze zu Israel reicht. Die iranische Front zu Israel verläuft nun in Syrien. Dort baut Iran für seine Milizen Basen und Waffenfabriken für einen Krieg gegen Israel.

          Russland hat an einem demokratischen Nahen Osten kein Interesse, auch Iran nicht. Den Führungen beider Länder geht es nicht um die Syrer, deren Leiden sie beenden könnten; ihnen geht es um die strategische Bedeutung Syriens. So nutzt Russland Syrien als Hebel für weiter reichende Ziele. Es will aus Syrien heraus seinen Einfluss ausweiten und die Türkei aus der Nato herauslösen. Der schiitische Iran wiederum will sich zu Lasten des sunnitischen Saudi-Arabiens als regionale Hegemonialmacht behaupten.

          Nicht Syrien ist für Russland der große Preis, sondern die Türkei. Denn die orientiert sich neu. Sie war bislang mit den Vereinigten Staaten und Israel Teil der westlichen Achse. Aus dieser Verbindung beginnt sie sich zu lösen, was auch mit Syrien zu tun hat. Denn in Syrien unterstützt Washington die Kurden, die sich als die verlässlichsten Kämpfer gegen den IS erwiesen haben.

          Der Westen muss sich wohl mit Assad abfinden

          Die Türkei bekämpft aber die Kurden, im eigenen Land wie in Syrien, und nimmt daher Amerika als ein Sicherheitsrisiko wahr. Der russische Präsident Putin hat das erkannt. Er gab in Nordsyrien den Luftraum für die türkische Luftwaffe frei, so dass die Türkei den kurdischen Kanton Afrin erobern und besetzen konnte. Es ist einer der größten Erfolge Putins, dass er die Türkei, die zuvor Iran dabei geholfen hatte, die Sanktionen zu umgehen, in Syrien in sein militärisches und politisches Bündnis mit Iran hineingezogen hat.

          Was kann der Westen unter diesen Bedingungen tun? Er hat keinen Hebel, um Assad, Russland und Iran an den Verhandlungstisch zu bringen. Daher bleibt keine andere Wahl, als sich mit Assad und dessen Regime abzufinden. In einer Position der Stärke ist der noch weniger als zuvor dazu bereit, das Regime zu öffnen und die Opposition einzubinden, die für ihn nur aus „Terroristen“ besteht. Der Konflikt zwischen dem Regime und den Rebellen wird daher fortbestehen.

          Auch die anderen Konflikte bleiben. Am 12. Mai wird der amerikanische Präsident Trump voraussichtlich das Atomabkommen mit Iran aufkündigen. Die Hardliner in der Islamischen Republik könnten das als Vorwand nehmen, um in Syrien die amerikanischen Soldaten zu provozieren, die dort den IS bekämpfen; sie könnten auch ihre schiitischen Milizen ermuntern, die Nadelstiche gegen Israel zu verstärken. Das würde den Zerfall Syriens nur beschleunigen. Denn der IS braucht nur ein neues Vakuum, um zurückzukehren. Israel würde mit allen militärischen Mitteln gegen die schiitischen Milizen in Syrien vorgehen; die auf sich gestellten Kurden werden die türkischen Besatzer bekämpfen. Das wird dann die nächste Phase eines Krieges sein, der noch lange dauern wird.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

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