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Syrien : Zwischen Bomben und Granaten

Auch die syrische Stadt Palmyra hatte der IS mit einer überraschenden Offensive zurückerobert. Bild: AP

Der IS startet eine unerwartete Offensive im Osten Syriens. Die syrischen Regimekräfte geraten in Bedrängnis. Die Zivilisten haben Grund zur Furcht vor beiden Seiten.

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          Wir leben in einem Gefängnis, und wir haben keine Ahnung, was uns erwartet“, berichtet der junge Mann, der sich Muhammad nennt. Seinen wirklichen Namen will er für sich behalten, er hat zu viel Angst. Er lebt weit im Osten Syriens in der Stadt Deir al Zor, wo noch eine Enklave von den Truppen Baschar al Assads gehalten wird. Sie wird belagert von den Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS).

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Ich gehe schon lange nicht mehr auf die Straße“, berichtet Muhammad weiter. „Ich habe Angst, dass Assads Soldaten mich festnehmen und in den Kampf gegen den IS schicken“, schreibt er in einer Chat-Nachricht. Wer fliehe, auf den warteten die Schergen des IS, der die Region um die Stadt seit Jahren kontrolliert.

          Druck auf Armee und Miliz steigt

          Die Dschihadisten haben eine neue Offensive gestartet. Es toben heftige Gefechte, die sich unter anderem auf den dortigen Militärflughafen konzentrieren. Selbst die Assad-treue Presse lässt erkennen, dass der Druck auf die Armee und die Milizionäre, welche die belagerten Gebiete halten, immens ist. Trotz Luftunterstützung ist es ihnen bislang nicht gelungen, die Dschihadisten wieder zurückzudrängen. Hunderte Menschen, unter ihnen mehrere hohe syrische Offiziere, sollen bei den Kämpfen getötet worden sein.

          Die meisten Toten seien allerdings Zivilisten, sagt ein anderer Einwohner von Deir al Zor. Sie würden von den Bomben der russischen und syrischen Luftwaffe ebenso getroffen wie von den Granaten der Dschihadisten. „Die Lage wird immer schlimmer.“ Die Greueltaten der IS-Kämpfer sind bekannt.

          Dschihadisten werden an vielen Stellen zurückgedrängt

          Ein Aktivist der Gruppe Deir Ezzor 24, die im Internet Nachrichten aus der belagerten Stadt verbreitet, berichtet, dass die Dschihadisten damit begonnen haben, gefangene syrische Soldaten grausam zu ermorden. Zehn von ihnen seien „von Panzern überrollt worden“. Auch die humanitäre Situation verschlechtert sich für die rund 110000 Menschen, die nach UN-Schätzungen im IS-Kessel ausharren. Am Dienstag teilte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit, dass es wegen der Kämpfe gezwungen sei, den Abwurf von Hilfsgütern aus der Luft einzustellen.

          Die Offensive des IS fällt in eine Zeit, in der die Organisation im Allgemeinen in die Defensive gedrängt ist. Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al Bagdadi habe im vergangenen Jahr fast ein Viertel seines Herrschaftsgebietes eingebüßt, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik und Beratungsfirma IHS Markit. Der östlich des Tigris liegende Teil der irakischen IS-Bastion Mossul ist nach Angaben des amerikanischen Militärs so gut wie zurückerobert. Auch die Operationen zur Einkreisung der syrischen IS-Hochburg Raqqa zeitigen demnach Erfolge. Und doch gelingt es den Dschihadisten immer wieder, an anderer Stelle zurückzuschlagen.

          Russisch-Syrische Allianz kann IS nicht überall aufhalten

          Der Vormarsch des IS in Deir al Zor ist das zweite Mal, dass der IS mit einer Offensive einen unerwarteten Erfolg gegen die syrisch-russische Allianz erzielt. Lange war es an der Front verhältnismäßig ruhig gewesen. „Vielleicht werden die Russen und die syrische Armee nach Palmyra auch Deir al Zor aufgeben“, fürchtet Abu Khaled, ein Bürgerjournalist aus der Stadt, der unter der Herrschaft des IS lebt.

          Im Dezember, als Assad und seine Verbündeten die Großoffensive zur Rückeroberung Aleppos führten, hatte der IS die Wüstenstadt Palmyra wieder eingenommen. Die russischen Einheiten hätten sich lange vor dem Angriff aus ihrem Stützpunkt zurückgezogen, berichteten damals sowohl Einwohner als auch das Assad-treue Nachrichtennetzwerk Homs News Network. Eine kleine Schar Verteidiger sei mit der Verteidigung allein gelassen worden, hieß es. Russische Luftangriffe konnten die dschihadistischen Angreifer nur vorübergehend zurückdrängen.

          Ein harter Kampf für die IS-Gegner

          Wie schwer es ist, das IS-Regime wieder von der Landkarte zu tilgen, bekommen auch die türkischen Streitkräfte und die mit Ankara verbündeten Rebellenbrigaden zu spüren, die in der nordöstlich von Aleppo liegenden Stadt Al Bab mit erbittertem Widerstand der Kämpfer Bagdadis konfrontiert sind. Die Offensive kommt trotz andauernder Luftangriffe nicht voran. Zuletzt haben sowohl die amerikanischen Streitkräfte Angriffe auf IS-Einheiten geflogen als auch die türkische und russische Luftwaffe.

          Nach einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax gab es am Mittwoch den ersten koordinierten türkisch-russischen Luftangriff. Zuvor hatten Kampfflugzeuge der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition in Abstimmung mit dem türkischen Militär Ziele in der Nähe von Al Bab angegriffen.

          Der Sprecher der Koalition, der amerikanische Oberst John Dorrian, gab zu erkennen, dass sich Ankara nicht bei allen seinen Operationen in und um Al Bab umfassend mit Washington abstimme. Auch gebe es keine Koordination mit Moskau, die über die übliche Kommunikation zur Vermeidung ungewollter Zwischenfälle im syrischen Luftraum hinausgehe. Der Oberst machte deutlich, dass den IS-Gegnern in Al Bab ein harter Kampf bevorstehe. „Sie bekämpfen einen entschlossenen Feind, der kein Problem damit hat, Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen“, sagte er. Die Dschihadisten hätten in allen Gegenden, die sie kontrollieren, viel Zeit gehabt, ihre Verteidigungsstellungen einzurichten.

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