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Spannungen im Syrien-Konflikt : Gekappte Verbindungen

Alltag im Krieg: Fastenbrechen in Douma, einer von Rebellen gehaltenen Vorstadt von Damaskus Bild: AFP

Der Abschuss eines syrischen Jagdbombers verstärkt die Spannungen zwischen den Kräften, die im Osten Syriens gegen den IS kämpfen.

          Es ist eine nicht dagewesene Konfrontation im Syrien-Konflikt: Ein amerikanisches Kampfflugzeug schießt einen Jagdbomber der syrischen Luftwaffe ab. Die amerikanischen Streitkräfte berufen sich auf ihr Recht, ihre Partner am Boden zu schützen. Vor dem Abschuss am Sonntag nahe der nordostsyrischen Stadt Taqbah, so ein Sprecher, habe das syrische Flugzeug Milizionäre der Syrian Democratic Forces (SDF) bombardiert – also Kämpfer jener von Amerika unterstützten Truppe, die derzeit den Sturm auf die vom „Islamischen Staat“ (IS) gehaltene Stadt Raqqa führt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Zuvor hatte es nach Angaben des Pentagons Kämpfe zwischen Kräften des syrischen Regimes und den SDF gegeben. Demnach hatte Washington auch Kontakt zu den russischen Streitkräften aufgenommen und dafür den Kommunikationskanal genutzt, der zur Vermeidung unerwünschter Zwischenfälle im syrischen Luftraum eingerichtet worden ist. Dort operieren die russische und die syrische Luftwaffe ebenso wie Kampfflugzeuge der amerikanisch geführten Anti-IS-Koalition. Moskau hat den Kanal nun fürs erste gekappt.

          Der Vorfall verschärft einen geopolitischen Machtkampf, in dem sich alle Akteure des Syrien-Konfliktes für die Zeit in Stellung bringen, in der die Terrormiliz IS von der Landkarte getilgt ist. Auch wenn alle Beteiligen sich auf den Kampf gegen den IS berufen – es geht auch um den Osten Syriens, die dortigen Ölfelder und strategisch wichtige Verbindungswege in den Irak, an denen vor allem das mit Baschar al Assad alliierte Iran interessiert ist.

          Russland stört sich an amerikanischen Militäraktionen

          Die Groß- und Regionalmächte steuern im Zuge dieses Machtkampfes zunehmend auf Konfrontationskurs. Iran hat am Sonntag Raketen auf IS-Stellungen in Syrien abgefeuert, was auch als Machtdemonstration an die Adresse seiner Widersacher interpretiert werden kann. Schon vor dem Abschuss des syrischen Flugzeuges am Sonntag hatten sich die Vorfälle gehäuft, in denen das amerikanische Militär das Feuer auf Kräfte eröffnete, die auf Seiten des Regimes stehen.

          Zwei Mal waren in den vergangenen Wochen im Südosten Syriens schiitische Milizionäre bombardiert worden, die von Iran gelenkt werden und auf Seiten des Regimes kämpfen. Außerdem schossen die Amerikaner eine Drohne aus iranischer Produktion ab. In jedem Fall begründete Washington die Gewaltanwendung mit dem Schutz seiner Partner im Kampf gegen den IS.

          Russland stört sich an den amerikanischen Militäraktionen ebenso wie an der zunehmenden Unterstützung, die Washington den SDF im Norden und syrischen Rebellen im Südosten des Landes angedeihen lässt. All diese Brigaden kämpfen nominell gegen den IS, aber sie können auch nützliche Verbündete sein, um das Regime zu bekämpfen oder die schiitischen Milizen im Dienste Teherans. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hielt sich am Montag zurück. Er verlangte, dass alle militärischen Handlungen in Syrien mit der Führung in Damaskus abgestimmt werden.

          Die scharfen Töne überließ er dem Verteidigungsministerium, das „eine zynische Verletzung der Souveränität“ Syriens und „faktisch eine militärische Aggression“ durch Amerika kritisierte. Vor einigen Tagen hatte Lawrow Washington vorgeworfen, den Kampf gegen den Terrorismus zu vernachlässigen und stattdessen geopolitische Interessen zu verfolgen. Er vergaß dabei, zu erwähnen, dass Moskau genau das gleiche tut.

          Nicht nur unter den Schutzmächten verstärken sich die Spannungen

          Russland hat sich in diesem Machtkampf klar positioniert. Aus der Militärbasis in Khmeimim am Mittelmeer, die Russland unterhält, kamen schon vor Wochen deutliche Botschaften: Gemeinsam mit Iran werde man Baschar al Assad bei seinem Vorhaben im Osten unterstützen, hieß es. Der syrische Präsident führt an mehreren Fronten eine Offensive, um einen Pflock einzuschlagen, wenn es darum geht, das Herrschaftsgebiet des IS zu verteilen.

          Wenn jetzt das russische Verteidigungsministerium droht, die russische Luftabwehr werde „westlich des Euphrats“ Flugzeuge und Drohnen der amerikanisch geführten Koalition als Ziele betrachten, dann zielt das vor allem auf Regionen wie Taqbah, die derzeit von den SDF kontrolliert werden – die Assad aber wieder unter seine Kontrolle bringen will. Das solle den Amerikanern deutlich machen, dass Moskau diese Gegenden als Gebiete verstehe, von denen Amerika die Finger zu lassen habe, sagt ein mit Syrien befasster Diplomat. Das sei die Retourkutsche für die Schutzzonen, die Amerika für die Kräfte einfordere, die es unterstützt.

          Nicht nur unter den Schutzmächten verstärken sich die Spannungen. Zu einer bewaffneten Konfrontation zwischen den SDF und den Truppen Assads, wie sie jetzt gemeldet wurde, war es im Zuge der Ost-Offensive des Regimes bislang noch nicht gekommen. An dieser Front war es ruhig. Die SDF werden von kurdischen Milizionären dominiert, die sich in der Vergangenheit immer wieder mit dem Regime arrangieren konnten. Dass es jetzt zu Kämpfen kommt, wird als maßgebliche Eskalation bewertet. Die SDF haben schon Vergeltung angekündigt. Sollten die Kämpfe tatsächlich andauern und die Konfrontation sich verschärfen, so fürchtet ein mit Syrien befasster Diplomat, könnten Arrangements in Gefahr geraten, die an anderen Orten im Nordosten Syriens, die vom IS befreit worden waren, Ruhe und Stabilität gewährleisten.

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